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Bombenentschärfung in Hannover : Der letzte macht das Rotlicht aus

  • -Aktualisiert am

Vorübergehend geschlossen: Hannover strahlte in der Nacht zum Mittwoch nach der Räumung der Innenstadt Ruhe aus. Bild: dpa

Rotlichtviertel, Landtag und Rathaus - geschlossen und evakuiert. In der Nacht zum Mittwoch wurde das Zentrum von Hannover nach dem Fund einer Fliegerbombe zur Geisterstadt.

          Das Steintor, das Rotlichtviertel Hannovers, musste zur Unzeit schließen. Auch der niedersächsische Landtag musste wenige Stunden vor Beginn des monatlichen Plenums leer bleiben, das Rathaus und die meisten Landesministerien ebenfalls. Von 22 Uhr an wurde in der Nacht zum Mittwoch die gesamte Innenstadt Hannovers geräumt, nachdem ein Baggerfahrer am Dienstag früh eine amerikanische Zehn-Zentner-Bombe gefunden hatte. Am Mittwoch um vier Uhr gab es schließlich Entwarnung: Niemand kam zu Schaden, 9000 Bewohner konnten in ihre Wohnungen zurückkehren.

          Eine vergleichbare logistische Herausforderung hatten die Stadt, die Feuerwehr und die Polizei bisher nicht erlebt. Die Entschärfung der Bombe durch den Kampfmittelräumdienst war kompliziert und aufwendig, da einer der beiden mechanischen Zünder festgerostet war. Deshalb beschloss der Krisenstab, sofort zu handeln statt die Räumung wie üblich mehrere Wochen lang zu planen. So wurde das Zentrum im Umkreis von fast 1000 Metern zur Geisterstadt - der Eindruck wurde durch Polizeiwagen mit Blaulicht nur verstärkt.

          Jede zehnte Bombe ist nicht explodiert

          Auf einer Baustelle in der Burgstraße neben dem Historischen Museum und in der Nähe der zwei geschichtsträchtigsten Kirchen der Stadt hatten Archäologen nach Resten der alten Stadtmauer am Leine-Ufer gesucht. Stattdessen stießen sie auf dem früheren Pausenhof einer Gehörlosenschule auf eine Hinterlassenschaft aus dem Jahr 1943.

          Hannover lag auf dem Rückweg von Bomberflugzeugen im Zweiten Weltkrieg. Viele luden Bomben auf dem Rückflug etwa aus Berlin ab, was zur Zerstörung der Innenstadt beitrug. Im Januar mussten nach Blindgänger-Funden 25.000 Menschen ihre Wohngebiete im Norden Hannovers vorübergehend verlassen, im Mai wurde das Autobahnkreuz Hannover-Ost für mehrere Stunden gesperrt.

          Etwa jede Zehnte der Tausenden auf Hannover abgeworfenen amerikanischen und britischen Bomben bohrte sich in den Boden, ohne zu explodieren. Niedersachsen hat, unter den Bundesländern als Vorreiter, seit den Achtzigern ein systematisches Landesräum-Programm aufgrund von 120.000 Luftbildern, die es von den Alliierten gekauft hatte.

          Theater im Schnelldurchlauf

          Zumindest der Fernbahnverkehr wurde in der Nacht zum Mittwoch nicht unterbrochen. Den Hauptbahnhof durfte man aber nur nach Norden hin verlassen, vier U-Bahn-Stationen gar nicht. Die Räumung eines Krankenhauses konnte vermieden werden, indem man neun mit Wasser oder Sand gefüllte Übersee-Container zur Baustelle brachte, die im Falle einer Explosion die Druckwellen umgeleitet hätten. Vor allem am Steintor verzögerte sich die Räumung wegen alkoholisierter Passanten - und teils wegen Sprachproblemen. Ein Brauhaus, das damit wirbt, 365 Tage im Jahr geöffnet zu sein, wird nun über seine Werbung nachdenken müssen. Zahlreiche Hotels mussten ihre Gäste ausquartieren, nicht alle fanden Ausweichquartiere. Zu Messezeiten oder an Wochenenden wäre das noch viel schwieriger gewesen. Eine Zeitung verlegte ihren Spätdienst aus der Redaktion am Anzeigerhochhaus - in dem der „Stern“ gegründet und das erste Magazin des Spiegel herausgegeben worden war - und aus der Innenstadt heraus. Zwei regionale Radiostationen sendeten nachts nur aus der Konserve und verlegten ihr Morgenprogramm nach Bremen.

          Anspruchsvoll war die Logistik besonders für das Historische Museum. Es brachte Gemälde und andere wertvolle Stücke wie das Rathaussilber in erschütterungsfreie Räume und verhüllte die Goldene Kutsche des welfisch-englischen Königs Georg IV. (den „Staatswagen Nr. 1“) mit einer Splitterschutzfolie, alles innerhalb weniger Stunden.

          Die Norddeutsche Landesbank mit ihrem futuristischen Glasgebäude - die „Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler hat dort auch schon mal ihr „Büro“ mit Blick auf die Rathauskuppel, von dem aus sie gegen Rockerbanden am Steintor ermittelt - schickte Wertpapierhändler und Wächter nach Hause. Die Oper und das Schauspielhaus brachen Proben ab. Kleinere Bühnen spielten etwas schneller, um pünktlich um 22 Uhr zu schließen.

          Noch viele Funde

          Im Zweiten Weltkrieg wurden etwa 2,5 Millionen Bomben über Deutschland abgeworfen, zehn bis 15 Prozent davon Blindgänger. Der Sprengstoff in nicht explodierten Bomben wird noch in Jahrzehnten eine Gefahr darstellen. Meist werden Bomben bei Bauarbeiten gefunden in (ehemaligen) industriellen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet, Köln, Berlin und Oranienburg. In Göttingen kamen 2010 drei Männer des Kampfmittelräumdienstes bei einer Entschärfung ums Leben. In München wurde vor einem Jahr eine Fliegerbombe mitten im Stadtteil Schwabing gesprengt. Anfang April blockierte der Fund einer russischen Bombe in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs den Verkehr. Im November 2011 ließ Niedrigwasser am Rhein Bomben zutage treten - halb Koblenz wurde evakuiert. Und in Frankfurt gab es im Mai in der Nähe der Messe gleich drei Funde. (vL.)

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