Zucker nimmt an diesem Morgen keiner. Der Zucker auf dem Tisch im Konferenzraum der Firma ANT Lübeck ist aber auch keiner. Bei dem vermeintlichen Süßstoff handelt es sich um Granatsand, extrem scharfkantig und hart. Das Abrasivmittel wird bei der Entschärfung von Bomben verwendet. Im Wasser-Abrasiv-Suspensions-Verfahren (WAS) wird mittels Wasser und Granatsand der Zünder aus der Bombe geschnitten. Das Wasser ist ein Beschleuniger für das Abrasivmittel, das sich in den Boden der Bombe frisst. „Die ersten Versuche für das WAS-Schneidverfahren gab es schon in den siebziger Jahren in England“, sagt ANT-Geschäftsführer Marco Linde. „Die Ergebnisse waren so erfolgversprechend, dass mehrere Unternehmen weiter daran geforscht haben. Wir sind inzwischen der Marktführer.“
In Deutschland sind auch 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch Zehntausende gefährliche Blindgänger in der Erde - wie sich beim Bombenfund in München wieder einmal gezeigt hat. Bei ANT ist man sich sicher, dass eine Sprengung des Blindgängers in München hätte vermieden werden können. „Eigentlich ist die Entschärfungstechnik inzwischen so weit, dass man Bombenzünder in wenigen Minuten und recht gefahrlos herausschneiden kann. Aber manche Länder setzen diese Möglichkeit noch nicht ein, auch Bayern nicht. Ohne diese modernen Geräte dauert die Entschärfung Stunden, und die Gefahr eines Unfalls ist entsprechend größer. Das ist hochgefährlich für die Kampfmittelräumer“, sagt Linde. Die Bombe habe an der Oberfläche gelegen, und der Zünder sei gut zugänglich gewesen. Unter diesen Bedingungen hätte sich ein Manipulator am Zünder anbringen lassen. In Lübeck glaubt man, die Bombe hätte ferngesteuert und aus sicherer Entfernung entschärft werden können.
Mehr als 5000 Entschärfungen pro Jahr
In München ist man freilich anderer Ansicht. Das WAS-Verfahren werde in Bayern schon eingesetzt. Für die Entschärfung der Bombe in Schwabing habe es aber keine Anwendung finden können, heißt es im Innenministerium. Beim WAS-Verfahren wird Wasser mithilfe von Hochdruckpumpen unter Druck gesetzt, bei der Bombenentschärfung sind das rund 700 bar. Durch Schläuche gelangt das Wasser zu dem an der Bombe befestigten Schneidaufsatz, an dem eine Hartmetalldüse montiert ist. Vorher müssen Wasser und Abrasivmittel noch zusammengeführt werden. In der Abrasivmittelzumischeinheit wird ein Teil des Hauptwasserstrahls abgezweigt und in den mit Abrasivmittel gefüllten Druckbehälter geleitet, aus dem dann Granatsand wieder dem Hauptwasserstrahl zugeführt wird. In der Schneiddüse erfolgt die Beschleunigung des Strahls auf knapp 1200 Kilometer pro Stunde. Der Schneidstrahl besteht aus rund 90 Prozent Wasser und zehn Prozent Abrasivmittel. Somit kommt die Technik ohne „Funkenflug“ aus, was eine Explosionsgefahr bedeuten würde.
Die „Kampfmittelaltlasten“ heißen international „Unexploded Ordnance“ (UXO), nicht oder nicht vollständig explodierte Munition. Besonders hoch ist die Blindgänger-Rate bei Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Besonders schwierig zu entschärfen sind heute die Sprengkörper mit chemischen Langzeitzündern, wie man in Schwabing erfahren musste. Sie halten das Gefährdungspotential der Bombe lange aufrecht. Die Detonation wird nicht sofort ausgelöst, sondern um bis zu 140 Stunden verzögert. Auf die Entschärfung solcher chemischer Langzeitzünder, wie sie vor allem in den Fliegerbomben der Amerikaner und Briten zu finden waren, haben sich die ANT-Ingenieure spezialisiert. Mehr als 5000 Entschärfungen pro Jahr haben die deutschen Kampfmittelräumdienste zu leisten. Bei jedem Einsatz riskieren die Fachleute ihr Leben. Aufsehen gibt es nur dann, wenn für die Entschärfung Wohnviertel evakuiert werden, wie jetzt in Schwabing, oder wenn es gar zu Unfällen kommt. Im Juni 2010 etwa kamen in Göttingen drei Kampfmittelexperten um, als ein Blindgänger vor der Entschärfung explodierte. In München war der letzte Bombenfund indes eher kurioser Natur: Im Mai wurde eine Fliegerbombe im Grünwalder Stadion gefunden, wo jahrzehntelang Fußball gespielt worden war.
Dresden, Berlin, Hamburg, Osnabrück, München: Industriegebiete und Ballungszentren waren die Hauptangriffsziele der Bomber und sind heute die Hauptfundstellen. Beim Angriff am 15. März 1945 auf Oranienburg fielen 4000 Bomben auf die Stadt. Zahllose Blindgänger erschweren noch heute die Stadtentwicklung. Wie viele Weltkriegsrelikte es in ganz Deutschland heute noch sind, lässt sich nicht genau sagen. Allein in und um Berlin seien es zwischen 2000 und 4000, sagt Wolfgang Spyra, der den Lehrstuhl für Altlasten an der Universität Cottbus innehat. Das Vorgehen bei der Entschärfung sei nicht effektiv genug, weil die Etats der Kampfmittelräumdienste zu klein seien und die Suche unvollkommen sei. „Wenn wir unsere Strategie nicht ändern, werden wir noch über Generationen hinweg der Gefahr ausgesetzt sein“, sagt Spyra. Eine Teilentlastung sei mit historischen Recherchen zu erreichen. Bislang werden die Blindgänger meist anhand von Luftaufnahmen alliierter Piloten aufgespürt, sofern diese Aufnahmen heute noch auffindbar sind. Denn bei den „Luftbildern“ handelt es sich um Informationen, auf denen die Abwurfziele für die Piloten markiert waren.
Die Spindel ist das Nadelöhr
Die Universität Cottbus ließ sich 2011 das Plasma-Verfahren patentieren. Dabei wird mit hohem Energieaufwand innerhalb von gut zehn Sekunden ein Loch in den Metallmantel der Bombe geschnitten, um das TNT kontrolliert abbrennen zu können. Auf einem Untergrund wie dem märkischen Sandboden, wo die Sprengkörper nicht einfach im Erdreich stecken bleiben, sondern „wandern“, könnte das ein großer Vorteil sein. Allerdings fand das Verfahren bisher in der Praxis noch keine Anwendung. Das von ANT entwickelte Verfahren zur Entfernung des Zünders hält Spyra für gut: „Eine hilfreiche Technologie, die immer mehr Zugang in der Gefahrenbeseitigung gewinnt.“
Die WAS-Methode ermöglicht die robotergesteuerte Entschärfung aus bis zu 1000 Metern Sicherheitsabstand. Ingenieur Thorsten Rentsch von ANT demonstriert, wie die Technik im Ernstfall funktioniert. Am Computer lässt sich der Schneidstrahl millimetergenau steuern. Unter ohrenbetäubendem Gewummer des Dieselmotors frisst sich der Wasserstrahl im Uhrzeigersinn mit konstanter Geschwindigkeit durch die Bombenhülle und um den Zünder herum. Bis zu einem halben Meter Stahl kann der Granatsand durchtrennen. Das Nadelöhr ist die Spindel, die sich nach Abwurf der Fliegerbombe in eine von Zellulosepaketen gehaltene Acetonphiole bohrt. Der Sprengkörper ist scharf. Um die Spindel zu entfernen, wird die Schneidgeschwindigkeit gedrosselt. Eine gute Viertelstunde später ist die Bombe entschärft.
Die Düsen für das Schneidverfahren importiert ANT aus den Vereinigten Staaten, alles Übrige wird im Unternehmen angefertigt. Die WAS-Methode kommt auch beim Rückbau von Atomkraftwerken und Ölplattformen zum Einsatz - bis zu einer Tiefe von 600 Metern. Auch zum Minenräumen in Südostasien oder zum Freilegen der Brennstäbe in Fukushima wurde sie verwendet. Die Kampfmittelbeseitiger, so heißt es in Lübeck, sollten mit zehn Mann ausrücken und mit zehn Mann wieder nach Hause fahren.
Adäquate Technik
Klaus Michael Strauss (kmstFAZ)
- 31.08.2012, 02:21 Uhr