Alltägliche Rituale sind für Menschen wichtig und geben ihnen Sicherheit. Auch die Börsianer sind Menschen und haben ihr tägliches Ritual. Der Handel an der New Yorker Börse (NYSE) wird jeden Morgen offiziell eröffnet, indem eine bestimmte Person eine Klingel läutet.
Beliebtes Bimmeln
Nach Angaben der NYSE gehört die tägliche Fernsehübertragung zu den weltweit meist geschauten TV-Events. Deshalb wollen viele mal die Hand an die Glocke legen. Die Nachfrage ist aber viel größer als das Angebot. Der symbolische Akt ist normalerweise reserviert für Staatsmänner, Chefs von gelisteten Unternehmen oder NYSE-Mitgliedern.
25jähriges Jubiläum
Am Donnerstag war ein Roboter an der Reihe. Sein Name ist Asimo, er ist 1,20 Meter groß, redet wenig, tanzt und winkt gerne. Seine Eltern stammen aus Japan. Honda hat sein Maschinenkind nun auf die Reise geschickt. "The First-Overseas-Business-Trip", scherzt Takeshi Sumita, Pressesprecher von Honda Europa. "Wir sind seit genau 25 Jahren an der NYSE gelistet und waren der erste japanische Automobilhersteller, der an die Wall Street ging", betont Sumita. Daher wollte der zweitgrößte japanische Autohersteller etwas Besonderes tun.
Vorstandsvorsitzende als Weihnachtsmänner
Eigentlich wäre ein Gebimmel durch Honda-Präsident Hiroyuki Yoshino bedeutend genug. Die Leute stehen Schlange, um den Brokern das Startzeichen zu geben. Einige deutsche Unternehmenschefs durften auch schon mitspielen. SAP-Chef Hasso Plattner hatte im August 1998 das Glockenglück und kurz darauf Daimler-Chrysler-Chef Schrempp. Vor zwei Jahren schwangen Infineon-Vorstandsvorsitzender Ulrich Schumacher und Jürgen Strube von BASF die Glocke. Siemens-Chef Heinrich von Pierer folgte letztes Jahr und dieses Jahr hatte schon Manfred Schneider, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, die Ehre.
Honda: eine Ausnahme
Hondas Elektro-Man ist eine doppelte Überraschung. Zum einen ist den Unternehmenschefs nur dann erlaubt die Glocke in die Hand zu nehmen, wenn ihre Aktie das erste Mal an der Wall Street gelistet wird, was bei Honda ein Vierteljahrhundert her ist. Und zum anderen meint Honda-Pressesprecher Sumita, "ist es das erste Mal, dass die NYSE durch ein Wesen eröffnet wird, das nicht lebt."
New Yorker Dankesgeste
Die Warteliste der Klingel-Ambitionierten ist lang. Asimos Reiseplanung war kurz. Honda und die NYSE haben erst vor wenigen Monaten in einem Gespräch spontan entschieden, dass der Roboter seinen werbewirksamen Auftritt am Valentinstag haben wird. Honda-Präsident Yoshino und NYSE-Chef Dick Grasso begleiteten ihn zur Glocke. Sumita begründet den Auftritt damit, dass Honda nach dem 11. September viel für die NYSE getan habe. "Nicht nur durch finanzielle, sondern auch durch organisatorische Hilfe, wie die Ausrichtung von Sportereignissen. Wir wussten beide, dass wir im Februar 25jähriges Börsen-Jubiläum haben, und so wollten wir zusammen einfach etwas tun, um die Stimmung zu heben."
Glocken für die Arbeiter
Die Aktienabwicklung wird immer mehr digitalisiert und automatisiert. Broker rüsten sich mit High-Tech-Geräten aus. Und morgens läutet an der Börse eine Glocke. Das klingt anachronistisch und ist es auch. "Die Glocke kommt aus dem Mittelalter. Dort hat man sie zu Signalzwecken benutzt. Zum Beispiel für den Arbeitsbeginn." Wirtschaftshistoriker Hartmut Kiehling erklärt weiter: "Und genau so ist es an der Börse. Zu den Börsen hatte jeder Zutritt, der bezahlt hat, und dementsprechend groß war das Stimmengewirr. Sie haben es dort ja immer mit Dutzenden oder gar Hunderten Leuten zu tun. Das war ein ähnliches Gedrängel auf dem Parkett, wie auch bei uns vor ein paar Jahren. Deshalb hat man dieses traditionelle Mittel der Glockentöne hergenommen."
Asimo nahm übrigens die Glocke nicht in seine Zangen, sondern drückte einen Knopf. So modern ist die Börse dann doch.