27.08.2009 · Der paramilitärische Sicherheitskonzern „Blackwater“ sieht sich mit neuen Vorwürfen konfrontiert. Im Irak soll die amerikanische Söldnertruppe auch aus religiösem Eifer gemordet haben. Ihr Chef soll seine Truppe sogar für das Töten von Irakern belohnt haben.
Von Katja Gelinsky, WashingtonErik Prince fühlte sich unlängst „ein bisschen ausgelaugt“. Ein frappierendes Geständnis. Prince, Gründer des umstrittenen amerikanischen Sicherheitskonzerns „Blackwater“, ist der schneidige Chef einer Truppe, die zur Höchstform auflaufen soll, wenn Militär und Polizei Hilfe brauchen. Prince' Leute sollen sogar für die Jagd auf Top-Terroristen angeheuert worden sein - vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA. Das offenbar erfolglose Programm ist mittlerweile eingestellt worden, aber die dubiose Zusammenarbeit zwischen der CIA und dem Sicherheitsunternehmen geht angeblich weiter. Unter anderem würden Prince' Männer auf geheimen Stützpunkten in Pakistan und Afghanistan CIA-Drohnen mit Bomben bestücken, heißt es. Ohnehin ist „Blackwater“ zurück in den Schlagzeilen.
Für sechsstellige Jahresgehälter sind Prince' Leute in neun Ländern einschließlich der Vereinigten Staaten im Einsatz. Als bei weitem lukrativstes Einsatzgebiet für das Unternehmen mit Sitz in Moyock, North Carolina, erwies sich der Irak, wo Prince' Männer vor allem den gefährlichen Job von Bodyguards übernahmen. Der Krieg in dem Zweistromland bescherte „Blackwater“ Regierungsaufträge in dreistelliger Millionenhöhe. Zugleich wurde der Irak jedoch zum persönlichen Krisenherd für den vermeintlichen Kriegsprofiteur Prince. Seine Leute gerieten als schießwütige Söldner in Verruf, die sich um das Leben unschuldiger Iraker nicht im geringsten scherten. Vor allem der Kugelhagel auf dem Nisur-Platz in Bagdad hat das Sicherheitsunternehmen in Verruf gebracht. 17 Zivilisten wurden dort im September 2007 von einer „Blackwater“-Leibgarde getötet, 24 zum Teil schwer verletzt. Es folgten Anklagen wegen Totschlags und anderer Delikte gegen sechs „Blackwater“-Sicherheitskräfte, eine Anhörung im Kongress sowie heftige Attacken von linksliberalen Gruppen und Menschenrechtsorganisationen.
Der Fluchtversuch aus dem Fadenkreuz der Kritik misslang
Als das amerikanische Außenministerium Anfang des Jahres den neuen Vertrag für den Personenschutz im Irak vergab, ging „Blackwater“ leer aus. „Diese Politisierung“, so Prince in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“, sei es, die ihm zusetze. Aber der frühere Kampfschwimmer der amerikanischen Kriegsmarine, der als junger Mann der Eliteeinheit SEAL angehörte, ist es gewohnt, trotz Erschöpfung weiterzukämpfen. Um sein Lebenswerk zu retten, das er mit dem vom Vater geerbten Vermögen aufgebaut hat, ergriff der vierzig Jahre alte Firmenchef drastische Schritte. Den finsteren Namen „Blackwater“, unter dem das Unternehmen 1997 wegen des nahe gelegenen Sumpfgebiets gegründet wurde, hat man im Frühjahr gestrichen. Stattdessen firmiert der Konzern nun unter der strahlenden Bezeichnung „Xe“. In Anlehnung an das Symbol Xe für das farb- und geruchlose Edelgas Xenon, das in Lampen verwendet wird. Auch das Kernstück des Unternehmens, das mehr als 2000 Hektar große Gelände für die Nahkampf-, Scharfschützen- und Rekrutenausbildung in Moyock, bekam einen neuen Namen. Das angeblich weltweit größte militärische Übungsgelände in privater Hand heißt nun „U.S. Training Center“. Auch personell gab es gravierende Veränderungen. Altgediente Führungsleute verließen das Unternehmen. Prince selbst trat von seinem Posten als Vorstandschef zurück - damit man sich wieder auf die Zukunft und nicht länger auf die Vergangenheit konzentrieren könne. Doch der Fluchtversuch aus dem Fadenkreuz der Kritik misslang. Die Vorwürfe, die seit kurzeem gegen „Blackwater“ alias „Xe“ und Prince erhoben werden, sind haarsträubender als alles Bisherige.
„Herr Prince ist identisch mit einem Top-Mafiaboss“, behauptet die Klägeranwältin Susan Burke aus Washington. Glaubt man Burke, so ist Prince ein mehrfacher Mörder, der aus Geldgier und religiösem Fanatismus unschuldige Iraker hat töten lassen. Damit noch nicht genug: „Der Beklagte Prince sorgt dafür, dass seine Mordmaschine weiterläuft, indem er seinen Männern erlaubt, von Kinderprostitution zu profitieren und Steroide sowie andere Drogen einzunehmen“, heißt es in einem Schriftsatz der Anwältin. Weiter wirft sie dem CEO von „Blackwater“ etliche Delikte vor, die den Straftatbestand organisierter Kriminalität erfüllen, Waffenschmuggel und Geldwäsche zum Beispiel. Auch wegen Steuerhinterziehung hat sich Prince angeblich strafbar gemacht.
Schadenersatzprozesse gegen den „Blackwater“-Gründer
Vor amerikanischen Gerichten führt Burke für Dutzende von Irakern Schadenersatzprozesse gegen den „Blackwater“-Gründer. Öffentlichkeitswirksam unterstützt wird ihr juristischer Feldzug vom „Center for Constitutional Rights“ (CCR). Die New Yorker Menschenrechtsorganisation hat sich vor allem durch die erfolgreiche Vertretung von Guantánamo-Häftlingen vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten einen Namen gemacht.
Burke ist von Hause aus eigentlich keine Menschenrechtlerin. Die blonde Anwältin mit dem freundlichen Lächeln hat zunächst Prozesse auf allerlei anderen Gebieten geführt, im Arbeits-, Versicherungs-, Umwelt- und Wettbewerbsrecht. Zu ihren Spezialitäten gehören die gefürchteten Sammelklagen, bei denen sich eine Vielzahl von Klägern in Schadensersatzprozessen zusammenschließen. Nach „9/11“ hat Burke dann ihr Herz für Opfer des von George W. Bush befohlenen Kriegs gegen den Terrorismus entdeckt. 2005 gründete sie ihre eigene Kanzlei, um misshandelte irakische Gefangene aus dem berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnis zu vertreten. Mittlerweile führt „Burke O'Neil“ zahlreiche Prozesse wegen der Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan. Auch Opfer der Schießerei auf dem Nisur-Platz gehören zu den Mandanten: elf Iraker, die von „Blackwater“-Schützen verletzt wurden, und vier Familien von getöteten Opfern. Gemeinsam mit vier weiteren Klagen gegen „Blackwater“ wird der Fall von einem Bundesgericht in Alexandria, Virginia, geprüft.
Zeugen angeblich unter mysteriösen Umständen getötet
Von Anfang an hatte Burke ihre Anschuldigungen gegen Prince in flammende Rhetorik gekleidet. Als „Händler des Todes“, der eine „Kultur der Gesetzlosigkeit pflegt“, hat sie den Boss von „Blackwater/Xe“ im Namen ihrer Mandanten gebrandmarkt. Dieses Mal sind es allerdings nicht nur Bürger im fernen Irak, die Prince und seine Männer als „Bande von Kriminellen“ bezeichnen. Nun kommen die Anschuldigungen auch von den eigenen Leuten. Burke hat bei Gericht eidesstattliche Erklärungen von zwei Mitarbeitern des Sicherheitsunternehmens vorgelegt, von denen der eine noch für „Xe“ arbeitete, als er Ende Juli seine Aussage machte.
Was beide Männer berichten, klingt nach Polit- und Justizthriller. Nur gegen Zusicherung von Anonymität erklärten sich „John Doe Nummer 1“ und „John Doe Nummer 2“ zur Aussage bereit. Beide fürchten gewalttätige Vergeltungsmaßnahmen, wenn sie unter ihrem wirklichen Namen über die Zustände bei „Blackwater/Xe“ und über Prince' Machenschaften berichten. „Ich weiß von meinen Blackwater-Kollegen und früheren Kollegen, dass eine oder mehrere Personen, die Informationen geliefert haben oder Informationen über Erik Prince und Blackwater liefern wollten, unter mysteriösen Umständen getötet worden sind“, gibt „John Doe Nummer 1“ zu Protokoll. „John Doe Nummer 2“ hat angeblich sogar schon Todesdrohungen erhalten. Das Firmenmanagement des „Blackwater“-Konzerns habe ihm nach seinem Ausscheiden mehrfach persönlich mit Tod und Gewalt gedroht. Konkrete Belege für diese Behauptungen werden allerdings nicht genannt.
„Ohne Grund“ auf ein irakisches Fahrzeug gefeuert
Ungefähr vier Jahre hat „John Doe Nummer 2“ für den Sicherheitskonzern gearbeitet. „John Doe Nummer 1“ verrät über sich selbst, dass er zunächst Mitglied der Eliteeinheit Marineinfanterie gewesen sei. Als er wegen einer Verwundung ehrenhaft entlassen worden sei, habe er bei „Blackwater“ angeheuert. Im Irak habe er Personal des amerikanischen Außenministeriums und andere amerikanische Regierungsmitglieder bewacht. Unter Nennung von Namen schildert der frühere Marineinfanterist, wie „Blackwater“-Mitarbeiter im Irak absichtlich „unnötige, unverhältnismäßige und ungerechtfertigte tödliche Gewalt“ eingesetzt hätten. Er habe selbst miterlebt, wie Beau Phillips, genannt „Elvis“, in Baqubah im Nordosten von Bagdad aus einem Konvoi heraus „ohne Grund“ auf ein irakisches Fahrzeug gefeuert habe. Dabei seien Zivilisten getötet oder zumindest schwer verwundet worden. Doch niemand von „Blackwater“ habe sich um die Opfer gekümmert; den irakischen Behörden sei der Vorfall verschwiegen worden. Auch das Außenministerium habe nichts davon erfahren.
Aufnahmen von der Tat, die eine Videokamera auf einem der Konvoifahrzeuge aufgezeichnet habe, seien gelöscht worden - wie überhaupt potentielle Beweismittel für Gewaltdelikte im Irak systematisch vernichtet worden seien.
Geldgier und religiöser Fanatismus
Glaubt man „John Doe Nummer 2“, so wurden diese Machenschaften von der „Blackwater“-Führung nicht nur geduldet, sondern sogar massiv gefördert. Prince habe den Konzern auf eine Weise geleitet, die zur Tötung von Irakern ermuntere und die Schützen belohne. „Auf Iraker zu schießen und sie zu töten galt als Sport oder Spiel“, schildert der frühere Mitarbeiter. Appelle von Angestellten, damit Schluss zu machen, habe Prince stets ignoriert. Schlimmer noch: Der Konzernchef habe „Blackwater“-Verantwortlichen im Irak untersagt, Mitarbeiter zurückzuschicken, die Jagd auf Iraker machten oder wegen Alkohol- und Drogenproblemen ungeeignet für den Job gewesen seien. „Hört auf, Kosten zu verursachen“, lautete die Anweisung aus Moyock.
Die Geldgier habe sich außerdem mit religiösem Fanatismus gepaart, behauptet „John Doe Nummer 2“. „Herr Prince hat absichtlich gewisse Männer in den Irak geschickt, die seine Vision christlicher Vorherrschaft teilen, in dem Wissen und mit dem Willen, dass diese Männer jede Gelegenheit nutzen, um Iraker zu ermorden.“ Viele dieser Männer hätten sich mit Symbolen und Codenamen des Templerordens verständigt.
Prince als christlicher Kreuzzügler
Es ist nicht das erste Mal, dass Prince als christlicher Kreuzzügler dämonisiert wird, der sich auserwählt glaube, Muslime und den Islam vom Globus zu tilgen. Ähnliche Vorwürfe hatte zuvor vor allem der linksliberale Journalist und Autor Jeremy Scahill in seinem Bestseller „Blackwater: The Rise of the World's Most Powerful Mercenary Army“ erhoben. Als „Neo-Kreuzzügler“ und „Theocon“ wird der Blackwater-Gründer von Scahill porträtiert.
Schon bevor „Blackwater“ im Irak in Verruf geriet, passte Unternehmensgründer Prince bestens ins ideologische Feindbild amerikanischer Linker. Der Konzernchef stammt aus einer reichen, erzkonservativen Familie. Sein Vater Edgar Prince war mit Führern der christlichen Rechten wie James Dobson und Gary Bauer befreundet. Für den Aufbau des „Family Research Council“, eine der einflussreichsten Organisationen der religiösen Rechten, hat er große Summen gespendet. Sohn Erik, ein zum Katholizismus konvertierter evangelikaler Christ, machte sich vor allem als Spender zugunsten der Republikaner einen Namen. Mit mehr als einer Viertelmillion Dollar hat er die „Grand Old Party“ und ihre Kandidaten unterstützt.
„Wir haben zu jeder Zeit angemessen gehandelt“
Dass die Regierung Bush seine Großzügigkeit mit den Millionenaufträgen für „Blackwater“ im Irak-Krieg belohnte, bestreitet Prince energisch. Als patriotischen Dienst „loyaler Amerikaner“ hat der „Blackwater/Xe“-Boss den Einsatz seiner Männer im Irak beschrieben. „Sie bluten (in den amerikanischen Nationalfarben) Rot, Weiß und Blau“ - wobei er großzügig darüber hinwegsieht, dass ein Viertel seiner Sicherheitskräfte aus Drittstaaten, vor allem aus Ländern Lateinamerikas und Osteuropas, kommt.
Aber Prince lässt sich nicht beirren: „Wir haben großartige Arbeit für die amerikanische Regierung geleistet.“ Nicht ein einziger Offizieller, den „Blackwater“-Mitarbeiter für das amerikanische Außenministerium beschützt hätten, sei im Irak getötet worden. Dagegen hätten dreißig seiner Männer das „ultimative Opfer“ erbracht, sagte Prince im Jahr 2007 im Kongress aus. Den Vorwurf, dass seine Privatsoldaten absichtlich unschuldige Zivilisten töteten, hat er energisch zurückgewiesen. „Ich glaube, wir haben zu jeder Zeit angemessen gehandelt“, sagte er damals in der Anhörung.
Beschuldigungen seien „ohne Grundlage“
Empört hat Prince auf die neuen Anschuldigungen im juristischen Gefecht mit Burke reagiert. „Unbegründete und beleidigende Behauptungen“ seien das, die man über ihn und sein Unternehmen verbreite. Eine „üble Verleumdungskampagne“, die Klägeranwälte mit Hilfe linker Medien betrieben. Prince' Anwälte haben das Gericht in Alexandria aufgefordert, nicht zuzulassen, dass Burke ihre Klage auf die Aussagen der beiden „John Does“ stützt. Die „skandalösen“ Beschuldigungen seien unzulässig; sie seien „irrelevant“, „unfair“ und „ohne Grundlage“, trugen die Anwälte vor. Die Absicht dahinter sei klar: Burke und ihre Mitstreiter verfolgten politische Ziele. Die Klagen, gestützt auf anonyme Berichte, seien als „Megaphon“ gedacht, um die Öffentlichkeit gegen den Einsatz privater Sicherheitskräfte, vor allem gegen Erik Prince und sein Unternehmen, aufzubringen. „Diese Taktiken sind unfair und höchst nachteilig für die Beklagten und sollten vom Gericht nicht toleriert werden.“
Unbeirrt davon versucht Burke, eine neue Front gegen Prince zu eröffnen. Für die Klägeranwältin steht nach den eidesstattlichen Versicherungen der beiden „Blackwater“-Mitarbeiter fest, dass Prince wegen Mordes und anderer schwerer Verbrechen angeklagt werden müsse. Ob die Staatsanwaltschaft das ebenso sieht, weiß man noch nicht. Den Ermittlern waren die „John Doe“-Aussagen schon bekannt, bevor Burke die Mordvorwürfe gegen Prince in die Öffentlichkeit brachte. Dass auf diese Anschuldigungen bislang trotzdem keine weiteren Anklagen folgten, entlastet Prince aber nicht unbedingt - die Ermittlungen laufen noch.