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Biergärten : 120 Minuten sind nicht genug

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Occupy Viktualienmarkt: Der Biergarten – hier im Jahr 2000 – ist eine zutiefst demokratische Errungenschaft Bild: Barbara Klemm

Der Seligkeit ganz nah ist hier im Sommer, gekühlt von oben und von innen, nicht nur der Münchner. Der Biergarten wird 200 Jahre alt.

          Die Vermessung der Welt zeitigt in München ein einzigartiges Ergebnis – einen Ort, der nicht weit entfernt vom Paradies ist. Wer an diesem Ort weilt, eine frische Maß Bier, einen Wurstsalat und einen Radi vor sich, ist der Seligkeit ganz nahe. Einen besonderen Grund, dieser Epiphanie nachzuspüren, bedarf es eigentlich nicht. Aber die Münchner sind jetzt in der glücklichen Lage, ihr Streben nach diesem Ort zur Pflicht erklären zu können. Denn es jährt sich zum zweihundertsten Mal, dass der bayerische König Max I. Joseph dem Biergarten, dem Münchner Garten Eden, das obrigkeitliche Plazet gab. Und diese historische Tat, die mehr wiegt als Schlachtensiege und Schlösserbauten und Fußball-Endspiele, gilt es natürlich angemessen zu feiern, am besten durch tägliche Besuche.

          Schon um schmählichen Tendenzen einer Profanierung Einhalt zu gebieten: Ein Biergarten ist nicht eine bloße Ansammlung von Tischen vor einer Gastwirtschaft, wie manche Gastronomen glauben machen wollen. Ein Biergarten ist eine strenge Kunstform, die dem Diktum von Joseph Beuys folgt, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Sprich, jeder darf zu Hause in seinen Korb legen, wonach ihm der Sinn steht - vom Bierschinken bis zum veganen Sushi. Jeder darf, im Biergarten angelangt, seine mitgebrachten Speisen auf seine beste Tischdecke drapieren und auch das ererbte Tafelsilber präsentieren, wenn ihm ein Brotzeitmesser zu banal ist. Und jeder darf die nachbarliche Essiggurke mit einem Trüffel-Pecorino kontrastieren. Nur das Bier - oder die Limo oder eine Mischung von beidem - muss beim Wirt gekauft werden. Der Biergarten ist ein urdemokratisches Vergnügen, klassenlos, ohne Quoten, ohne Gesichtskontrolle, eine sanfte Vorform der Occupy-Bewegung.

          Harter Kampf bis zum Biergarten

          Wie alle sozialen Errungenschaften musste auch der Biergarten hart erkämpft werden. Vor der Erfindung der Kühlmaschinen im 19. Jahrhundert konnte untergäriges Bier nur bei niedrigen Temperaturen produziert werden, sprich in der kalten Jahreszeit. Um auch im Sommer genügend Bier anbieten zu können, bauten die Münchner Brauer vor den Toren der Stadt große Kelleranlagen, in denen das Bier mit Eis, im Winter von Seen, Kanälen und Gletschern herangeschafft, kühl gehalten wurde. Über den Kellern wurden Rosskastanien, deren flache Wurzeln die Gewölbe nicht beschädigten, als Schattenspender gepflanzt. Die Münchner entdeckten rasch die Vorzüge dieses klimatischen Arrangements für sich, mit Kühlung von oben (Bäume) und innen (Bier). Und die Brauer hatten eine neue Einnahmequelle, indem sie das gelagerte Bier an Ort und Stelle ausschenkten, sehr zum Ärger der innerstädtischen Wirte, die um ihre Umsätze in den Sommermonaten bangten.

          Ein zähes juristisches Ringen begann; die Wirte wollten den Brauern den Ausschank an den Bierkellern verbieten, die Gäste riefen: „Legalize it!“, zeitgemäß formuliert selbstverständlich. Max I. Joseph setzte dem Streit schließlich 1812 ein salomonisches Ende: Den Brauern wurde gestattet, von Juni bis September den Durstigen in den Gärten über den Bierkellern Bier auszuschenken und Brot zu verkaufen, aber auch nicht mehr: „Das Abreichen von Speisen und anderen Getränken bleibt ihnen aber ausdrücklich verboten.“ Strikt liberale Gemüter mochten darin eine schändliche Frühform eines reglementierten Marktes sehen. Generationen von Münchnern gab und gibt sie freilich die Freiheit, auch mit einem schmalen Geldbeutel die ganze Familie ausführen zu können und am goldenen Sommerglück unter Kastanien teilhaben zu lassen. Zu den wertvollsten Erinnerungen vieler Münchner Familien gehören die gemeinsamen Stunden im Biergarten.

          Bier und Brot

          Niemand wird auch mehr auf Bier und Brot gesetzt, wenn er vor dem Aufbruch ins bayerische Elysium sich nicht verproviantieren kann. Längst ist das Verkaufsverbot gefallen; ein schlechter Wirt, der in seinem Biergarten nicht an Ständen Hendl, Steckerlfisch und Spare-Ribs, die urbayerische Spezialität, offeriert. Und es gibt immer die Möglichkeit, sehnsüchtige Blicke zum Nachbartisch zu werfen, wo zuweilen kleine Feinkostwelten entstehen. Die Frage „Mögen’s probieren?“ wird nicht lange auf sich warten lassen. Notfalls muss mit der Erkundigung, welch spezielles Obazda-Rezept das denn sei, nachgeholfen werden. Der Biergarten ist ein Ort der Begegnung - eine bayerische Agora, in der jeder seinem Da- und So-Sein freien Lauf lassen darf, gleichgültig, ob er aus der Münchner Au, der New Yorker Bronx oder von der Copacabana kommt.

          In der Sonne schmeckt es einfach besser

          Gefährdet war das Biergarten-Glück, das Max I. Joseph stiftete, häufig. Vor einigen Jahren musste es gegen Bestrebungen verteidigt werden, an banalen Ellen wie Lärmschutzbestimmungen gemessen zu werden - als könnte eine unverwechselbare Stimmung aus frohen Stimmen, dem Absetzen der Maßkrüge nach dem Zuprosten, das ganz oben im Biergartenknigge steht, und Blasmusik unter dem Begriff „Lärm“ gefasst werden. Doch die historische Kontinuität wurde gewahrt, auch wenn nicht mehr die Wittelsbacher regieren: Die Bayerische Staatsregierung erließ 1999 eine Verordnung, in der festgehalten ist, dass es sich beim Biergarten um ein „Kulturgut“ handelt. Die Landesverfassung bestimmt, dass Bayern ein „Kulturstaat“ ist: Um sich verfassungstreu zu verhalten, muss also niemand bei sommerlichen Temperaturen in der Münchner Oper oder in den Pinakotheken schwitzen - es reicht ein kräftiger Schluck aus dem Maßkrug unter Kastanien.

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