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„Bibliothek der DDR“ : Goethe in der Bananenkiste

Bücher, wohin das Auge reicht: Peter Sodann sammelt Bücher für die Nachwelt Bild: ZB

Millionen von Büchern kamen auf den Müll, als die DDR verschwand. Der Schauspieler Peter Sodann wollte die Bücher retten und begann vor zwanzig Jahren zu sammeln, was er kriegen konnte. Nun träumt er von einer „Bibliothek der DDR“.

          Manchmal trifft Peter Sodann die Realität. Er steht in einer alten Scheune inmitten von 600.000 Büchern, Paletten voller Regalböden und gebrauchten Büromöbeln, schüttelt den Kopf und sagt: „Is’ schon bissel irre.“ Es ist angenehm kühl hier drin, das massive Gemäuer hält die Hitze draußen. Auf dem Dreiseiten-Hof brütet die Sonne, es ist schwül, Gewitter sind vorhergesagt. Sodann, 75 Jahre alt, hat eben im Uhrzeigersinn und in Hochform seine Pläne erläutert. „Hier kommt das Antiquariat rein, dort im ehemaligen Kuhstall die Bibliothek, da drüben eröffnen wir ein Café, in der Scheune ein Theater und dort“ – Sodann zeigt auf das renovierte ehemalige Gutshaus – „machen wir ein Hotel draus.“ Zumindest ist das sein Traum.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          In dem angekündigten Hotel hat Bürgermeister Peter Geißler seinen Sitz. „Ich muss ihn bremsen.“ Geißler, 64 und parteilos, hat noch drei Amtsjahre vor sich. Sodann aber würde das Gemeindeamt am liebsten schon jetzt in eine Herberge verwandeln. „Alles Schritt für Schritt“, sagt der Bürgermeister diplomatisch. Ende 2009 sah Geißler einen Fernsehbericht über Sodann, der eine Bleibe für seine Bücher suchte. Geißler dachte an den Ritterguts-Kuhstall, dessen Dach zusammenzufallen drohte, und schickte ein Angebot. Sodann erschien noch vor Silvester. Er hatte schon zig Städte besichtigt, Dessau, Hohenstein-Ernstthal, Hildburghausen. „Die dachten alle, ich bringe Geld mit“, sagt Sodann. „Aber ich habe ja kein Geld.“

          Geplant ist eine der größten Privatbibliotheken Europas

          Nun also Staucha, 400 Einwohner, mitten in Sachsen und je eine Stunde entfernt von Chemnitz, Dresden und Leipzig. Lommatzscher Pflege heißt die hügelige Gegend, Kirschalleen säumen die Straßen, auf den Feldern reifen Raps und Gerste. Die Welt ist hier in Ordnung, bestätigt Geißler. „Wir haben 50 Kilometer Gemeindestraßen – zu 98 Prozent saniert!“ Der Gemeinderat votierte einstimmig für die Kuhstall-Renovierung. Von den 320.000 Euro übernahm die EU knapp zwei Drittel. Es blieb ein dicker Brocken für das Dorf, doch das werde sich auszahlen, hofft Geißler. „Wir kriegen hier eine der größten Privatbibliotheken Europas.“ Sein Bauamtsleiter ergänzt: „Die Zeit wird kommen, da halten hier Reisebusse.“ Anfragen von Reisefirmen gebe es bereits.

          „Leseland DDR”: die Überreste stecken in Bananenkisten

          Von der Bibliothek aber ist bis auf die Bücherkisten noch nicht viel zu sehen. Im Obergeschoss bauen Freiwillige Regale auf und sortieren Bücher. Insel-Verlag und Aufbau-Verlag, lauten die Zettel über den Stapeln, Greifenverlag, Reclam, Neues Leben. Rund 150 Verlage gab es in der DDR. Sodann will ihre ganze Vielfalt zeigen, „angefangen vom 8. Mai 1945 bis zum Tag von Schabowskis einzigem vernünftigem Satz, dass die Mauer offen ist“. Dass er genau genommen bis zum 2. Oktober 1990 sammeln müsste, lässt ihn nur kurz stutzen. Es komme nicht so auf Details an, brummt er wie Ehrlicher, der Kommissar aus dem „Tatort“, den er 15 Jahre lang verkörperte. Er nehme auch westdeutsche Ausgaben mit auf, für das Antiquariat. „Ich lehne kein Buch ab.“ Der Stapel unter dem Zettel „Westdeutsche und Nachwende“ hat schon beträchtliche Höhe.

          „Die schmeißen dein Leben weg, das kannst du nicht zulassen“

          Und täglich bringt die Post neue Bücherpakete. In einer Ecke liegen leere Kartons mit Absendern aus Gera und Schwerin, Düsseldorf und Kassel, Frankreich und Schweden. Sodanns Plan hat sich herumgesprochen, seit er vor 20 Jahren mit dem Sammeln anfing. Zufällig erfuhr er nach dem Mauerfall, wie das Gewerkschaftshaus in Halle seine Bibliothek entsorgte. Bücher, Magazine und Schallplatten wurden auf Lastwagen geworfen, darunter nicht nur Propaganda. Goethe und Max Frisch, Thomas Mann und Christa Wolf, Kinder- und Lehrbücher, selbst Aufsätze Richard von Weizsäckers flogen auf den Müll, weil sie in der DDR erschienen waren. Sodann, damals Intendant in Halle, dachte: „Die schmeißen dein Leben weg, das kannst du nicht zulassen.“ Die Hallenser Bücher waren nicht zu retten, doch Sodann fuhr nun mit Freunden durchs Land und sammelte, was er kriegen konnte. Rund 10.000 Bibliotheken machten dicht, Verlage wurden abgewickelt, bald hatte er eine halbe Million Bücher zusammen.

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