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Betrug mit „Gravitationswellen“ Erfolgreich, aber erfunden

 ·  Mit Gravitationswellen wollte ein falscher Professor Daten übertragen und Lottozahlen vorhersagen. So ergaunerte er Millionen. Nun ist er auf der Flucht - doch mit seiner „Theorie“ wird noch immer Geld verdient.

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Anfang Januar blieb Hartmut Müllers Stuhl im Landgericht Dresden leer. Beinahe ein Jahr lang war über ihn und drei weitere Angeklagte verhandelt worden. Doch als klar wurde, dass Müller die Hauptschuld an einem der größten Anlagebetrugsfälle der jüngsten Zeit trifft, floh der 57Jahre alte Mann. Müller bezeichnet sich als Erfinder des „Global Scaling“, einer pseudowissenschaftlichen Theorie, nach der mittels natürlich vorkommender Gravitationswellen im „kosmischen Hintergrundrauschen“ Telefonate und Daten übertragen, Elektrosmog vermieden und sogar Lottozahlen vorhergesagt werden können. Er hat damit ein „Institut“ in München und eine „Universität“ in Santa Fe in den Vereinigten Staaten gegründet und Vorträge an Hochschulen gehalten. Seit 2003 investierten knapp 3000 Anleger gut fünf Millionen Euro in die Wundertechnik.

„Dieses Verfahren war auch für uns Neuland“, sagt Richter Hans Schlüter-Staats, der die Verhandlung 48 Prozesstage lang leitete. Am Anfang des Prozesses sah es so aus, als hätten sich drei mitangeklagte Finanzberater aus Leipzig nur Müllers Theorie bedient, um Anleger übers Ohr zu hauen, was zumindest für einen Teil des Betrugs, der nach dem klassischen Schneeballsystem funktionierte, auch stimmte.

Betrüger werden zu Opfern

Dann aber stellte sich heraus, dass mehr als die Hälfte der Fälle geprellter Investoren auf Müller selbst zurückzuführen war und die Mitangeklagten von seiner Technologie so überzeugt waren, dass sie am Ende alle Anleger auszuzahlen und selbst Millionäre zu werden hofften. So kam es zu der kuriosen Situation, dass die Betrüger selbst Opfer Müllers wurden und das Gericht nun einer Menge naturwissenschaftlicher Formeln, Theorien und Experimente folgen musste.

Müller machte einen seriösen Eindruck. Er trat stets in Schlips und Kragen, mit dem gütigen Blick eines älteren Herrn sowie einer ansehnlichen akademischen Karriere nebst Doktor- und Professorentitel auf. Allerdings entpuppte sich dieser Werdegang als frei erfunden. Müller habe zwar im damaligen Leningrad Philosophie, aber nie Mathematik oder Physik studiert, nicht in Angewandter Mathematik promoviert und statt dessen einen Doktortitel über die „Internationale Interakademische Vereinigung“ erworben. Das ist eine 1996 mutmaßlich als Titelmühle gegründete russische Organisation, die Müller auch gleich noch mit dem „Vernadsky-Stern Ersten Grades“ für seine wissenschaftlichen Leistungen auszeichnete. Den Professor habe er sich über seine Universität selbst verliehen.

Um die Jahrtausendwende berichtete Müller zum ersten Mal von vermeintlichen Gravitationswellen. Ihren Nutzen konnte er nie nachweisen. Dennoch trat er auf Anleger-Veranstaltungen auf, sprach von immensem Potential und baldiger Marktreife und bekam von den eingesammelten Millionen 530.000 Euro - angeblich für Forschung und Entwicklung. Selbst vor Gericht behauptete er weiter, dass seine Theorie in der Praxis funktioniere, woraufhin sich die Verfahrensdauer auf 48 Tage verdoppelte. Allerdings brachen die Sachverständigen Versuche stets ab, als Müller die von ihnen vorgegebenen Kontrollbedingungen zu umgehen suchte.

Ein Regelwerk ohne Grundlage

„Die Technik hat nicht funktioniert“, sagt Richter Schlüter-Staats. „Sie beruht ausschließlich auf Manipulation.“ Schließlich gab sogar Müller zu, bei bislang erfolgreichen Anwendungen - etwa einem Telefonat von Bad Tölz nach St. Petersburg via Gravitationswellen - nachgeholfen zu haben. So war das Gericht am Ende überzeugt, dass er bewusst manipuliert hat, um an Geld zu kommen.

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21.04.2012, 12:22 Uhr

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