Miras hatte sein Plastikgewehr gerade aus der Hand gelegt, als ihn die Kugel traf. Sie trifft ihn von hinten, weil er den Balkon verlassen wollte, durchbohrt seinen Unterleib und tritt vorne rechts wieder aus. Weitere Geschosse durchschlagen die Glastür, den Rolladen, das Fenster zum Kinderzimmer. Ein Projektil durchstößt sogar noch die Zimmertür, seine Splitter hinterlassen Spuren an den Wänden des Treppenhauses.
Den Kindern wird klar, daß aus ihrem Soldatenspiel Ernst geworden ist. „Sie schießen auf Miras“, schreit dessen Cousine Maysan. Sie selbst wird von Splittern leicht am Bauch verletzt. Miras wankt, schafft es aber aus eigener Kraft zur Treppe, auf der ihm seine Mutter Afaf schon entgegenkommt. Vor dem Haus stoppt sie ein Taxi, wirft die Fahrgäste hinaus und bringt ihren dreizehn Jahre alten Sohn in ein Krankenhaus in Bethlehem. Erst während der Fahrt, als der Schreck nachläßt, spürt Miras die Schmerzen.
„Soldaten und Araber“
Seine Familie lebt seit Generationen im Flüchtlingslager Aida an der Sperranlage, die Israel vom besetzten Westjordanland trennt. Die Schüsse wurden offensichtlich von einem Wachturm auf dieser acht Meter hohen Betonmauer abgefeuert. Der Posten liegt vielleicht 150 Meter Luftlinie entfernt, dem Haus der Familie Azzeh genau gegenüber.
An diesem sonnigen Freitag Anfang Dezember spielen die Kinder „Soldaten und Araber“, die palästinensische Version von „Cowboys und Indianer“. Miras und die nur ein Jahr jüngere Maysan schlüpfen in die Rolle der Soldaten und halten den neunjährigen Rowaid und den sieben Jahre alten Zaid in einem aus karierten Wolldecken gebauten Zelt „gefangen“. Miras hat gerade die Lust am Spiel verloren und will ins Haus zurück, als der Kugelhagel auf die Kinder niedergeht.
„Ich werde sie verklagen“
Der Junge hat dennoch Glück: Das Geschoß verfehlt alle lebenswichtigen Organe und die Wirbelsäule. Wäre Miras nur wenige Zentimeter weiter links getroffen worden, säße er jetzt im Rollstuhl. Doch so kann er sechs Tage nach der Operation das Krankenhaus verlassen. Noch am selben Abend versammelt sich die Verwandtschaft im Wohnzimmer der Familie, einem schmucklosen Raum mit bilderlosen Wänden. Ein Gasheizgerät hat Mühe, das Zimmer aufzuheizen, das sich wie ein übergroßer Kühlschrank von innen anfühlt. Nur ein paar fein gemusterte Teppiche und weiche weiße Sofas künden vom bescheidenen Wohlstand, den die Azzehs erreichen konnten, weil Vater und Mutter Arbeit haben.
Miras schält sich langsam aus seinem Bett, das in einer Zimmerecke steht, macht dann die ersten Schritte, noch ganz benommen, und setzt sich vorsichtig in einen Sessel vor das Heizgerät. Seine dunkelbraunen Augen springen im Raum umher, suchen Halt und finden ihn bei der Mutter zu seiner Rechten. Ein Pflasterverband bedeckt Miras' fast 30 Zentimeter lange Narbe auf dem Bauch, er darf erst einmal nur Brei und Suppe essen. Wieder und wieder legt er sein glattes Gesicht in beide Hände, seine Stimmbänder wollen ihm noch nicht wieder gehorchen.
„Ich werde sie verklagen“, sagt Miras' Vater Nidal mit sanfter, aber entschlossener Stimme. Erklären kann er sich den Vorfall nicht. „Vielleicht ist ein Soldat ausgerastet, vielleicht war es ein Versehen.“ Daß Miras irrtümlich angeschossen wurde, mag sein Onkel Ayad dagegen auf keinen Fall glauben. „Die Kinder haben schon stundenlang auf dem Balkon gespielt. Wie kann sich ein Soldat in einem gepanzerten Wachturm davon bedroht fühlen? Sie hätten ihre Lautsprecher benutzen oder in die Luft schießen können, aber es gab keine Warnung.“
„Nur selten eine Antwort“
Miras' Vater hat eine eigene Geschichte über Spielzeugpistolen zu erzählen: „Ich war sieben oder acht Jahre alt, als ich auf dem Weg zu meiner Tante mit einer Plastikpistole auf Soldaten zielte, die in einem gepanzerten Jeep vorbeifuhren. Sie stoppten sofort und banden mich auf ihrem Dach fest. Die Fahrt zur Polizeistation war schrecklich. Sie hielten mich bis zum Abend fest. Dann konnte mein Vater mich endlich abholen.“
Zu den Schüssen auf den Balkon erklärte die israelische Armee auf Anfrage, sie habe an jenem Tag auf mehrere bewaffnete Palästinenser gefeuert und einen von ihnen getroffen. Er sei zuvor eindeutig als Erwachsener identifiziert worden, von weiteren Opfern wisse man nichts. Nun will die UN-Organisation für palästinensische Flüchtlinge UNRWA beim Verteidigungsministerium eine Untersuchung des Vorfalls verlangen. Doch große Hoffnungen macht man sich nicht. „In ähnlichen Fällen haben wir nur selten überhaupt eine Antwort bekommen“, heißt es im Hauptquartier der UNRWA in Jerusalem.
„Ich könnte mir vorstellen, daß die nervös werden“
Deshalb will Miras' Vater vor Gericht ziehen. Ein erst wenige Tage altes Urteil des höchsten israelischen Gerichtshofs macht ihm Mut. Die Richter hatten die siebte Ergänzung des Intifadagesetzes für nichtig erklärt, die der Armee eine weitreichende Immunität gewährte. Mit dem Gesetz wurden das Westjordanland und der Gazastreifen zur Konfliktzone erklärt, Schadensersatzansprüche gegen Soldaten fast ausgeschlossen. Menschenrechtsgruppen hatten die Regeln wiederholt als Verstoß gegen internationales Recht kritisiert.
„Die Regierung hat sich sehr für das Gesetz ins Zeug gelegt“, sagt Azem Bishara von der Vereinigung für Bürgerrechte in Israel. „Ich könnte mir vorstellen, daß die jetzt nervös werden.“ Denn nun könnten Hunderte Fälle von Fehlverhalten israelischer Soldaten vor Gericht kommen - und das ohnehin angeschlagene Ansehen der Armee weiter ramponieren.
Kinder sind die großen Verlierer
Miras und seine Geschwister haben seit den Schüssen Angst, in ihren Kinderzimmern im ersten Stock zu übernachten, deren Fenster zum Wachturm zeigen. Nur bei den Eltern fühlen sie sich sicher. Fast in jeder Nacht fallen an der Mauer draußen Schüsse. Die Kleinen gehören zu den großen Verlierern des politischen Konflikts. Laut Unicef war das gerade auslaufende Jahr für palästinensische Kinder eines der schlimmsten.
Ihre Rechte würden „in beispiellosem Ausmaß verletzt“, befindet das Kinderhilfswerk. Etwa 340 Minderjährige säßen zur Zeit in israelischen Gefängnissen. 124 Kinder wurden nach Angaben der UN seit Jahresbeginn in den besetzten Gebieten getötet. Verschlimmert wird die Lage der Kinder noch durch Streiks in Schulen und Krankenhäusern, deren Personal seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen hat, weil die palästinensische Autonomiebehörde zahlungsunfähig ist.
Vier verstörte Kinder
Miras' Mutter Afaf konnte für ihre Kinder dennoch eine psychologische Betreuung organisieren. Auf Hilfe der Armee kann sie nicht zählen. Im Gegenteil: Schon in der ersten Nacht, die Miras wieder daheim verbringt, wird die Familie gegen drei Uhr aus dem Schlaf gerissen. Soldaten dringen in ihr Haus ein, durchsuchen die Kinderzimmer, fragen nach dem Verwundeten.
Schubladen werden ausgekippt, Schränke durchwühlt, ein elektronisches Keyboard geht zu Bruch. Eine Stunde dauert der Spuk, zurück bleiben zwei verwüstete Räume und vier verstörte Kinder. „Ich werde sie verklagen“, sagt Miras' Vater. „Jetzt erst recht.“
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