08.04.2007 · Besonders Berufskraftfahrer kämpfen häufig mit ihrer Müdigkeit, die fatale Folgen haben kann. Verstärkt werden diese Probleme durch nächtliche Schlafstörungen. Studien zum Thema zeigen oft erschreckende Ergebnisse.
Von Martina Lenzen-SchulteWer sich auf eine der vielen nächtlichen Omnibusreisen quer durch Europa begibt, hofft wohl beim Einsteigen, dass er bald einnickt und die Unbilden solch einer Fahrt verschläft. Niemand erwartet, dass der Busfahrer, dem er sich anvertraut, in ähnlich müdem Zustand am Lenkrad sitzt. Daher dürften die Ergebnisse, die kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin in Mainz vorgestellt wurden, nicht nur Mediziner wachrütteln.
Zunehmend befassen sich deutsche und internationale Arbeitsgruppen mit der Schläfrigkeit von Berufskraftfahrern und den damit zusammenhängenden Unfallrisiken. Britta Geißler vom Institut für Arbeitsmedizin der Universität Mainz berichtete von einer noch laufenden Studie an Busfahrern im Fernverkehr. Mit verschiedenen Tests überprüften die Mainzer die Schläfrigkeit von bis jetzt 27 Fahrern. Sieben davon, also rund ein Viertel, zeigten klare Hinweise auf ein bedenkliches Schläfrigkeitsniveau.
Selbsteinschätzung weicht stark von Ergebnis ab
Erfasst wurde zunächst die subjektive Selbsteinschätzung der Fahrer, etwa mittels der sogenannten Karolinska-Schläfrigkeitsskala. Hinzu kam ein objektiveres Verfahren, die Pupillographie. Hierbei werden unmittelbar vor der Fahrt im Sitzen die spontanen Änderungen der Pupillenweite in dunkler Umgebung aufgezeichnet. Der aus der Untersuchung abgeleitete Pupillenunruheindex gibt die Schwankungen der Pupillenweite in Millimeter pro Minute an und gilt als Maß für das Aktivierungsniveau im Gehirn oder eben auch für die Schläfrigkeit des Probanden.
Es stellte sich heraus, dass insbesondere vor Fahrtbeginn die Selbsteinschätzung mitunter deutlich von dem Ergebnis der Pupillographie abwich. Die Fahrer gaben an, sich wach und munter zu fühlen, der Pupillenunruheindex ließ indes gänzlich anderes vermuten. Ob die vorher als übermüdet eingestuften Fahrer dann während der Fahrt womöglich tatsächlich kurz einnickten, soll später anhand von Videoaufzeichnungen ermittelt werden, die während der Fahrten vorgenommen wurden.
Bedenkliche Ergebnisse zum Einnicken am Steuer
Andere Untersuchungen kommen zu ähnlich bedenklichen Ergebnissen. In einer am Institut für Arbeits- und Sozialmedizin der Universität Tübingen vorgenommenen Studie waren 256 Fernfahrer an Raststätten befragt worden. 43 Prozent von ihnen gaben an, sich an ein Einnicken während ihrer Fahrten im vorangegangenen Jahr zu erinnern. Monotone Nachtfahrten auf geraden Autobahnstrecken begünstigen das Einnicken und die dadurch verursachten Unfälle. Allerdings fand man auch in Israel, wo Langstrecken- und Nachtfahrten unüblich sind, dass von den befragten Lastwagenfahrern rund 30 Prozent berichteten, kürzlich am Steuer eingeschlafen zu sein.
13 Prozent waren in müdigkeitsbedingte Unfälle verwickelt gewesen. Lastwagen machen in Israel sechs Prozent aller Fahrzeuge aus, Unfälle mit diesen Fahrzeugen sind indes die Ursache für 20 Prozent aller Verkehrstoten. Als Grund für die Müdigkeit wurden in dieser Erhebung die widerrechtlich langen Arbeitsschichten von mehr als 12 Stunden genannt. Hierzulande hängen 25 Prozent aller tödlichen Autobahnunfälle mit dem Einschlafen am Steuer - allerdings nicht nur der Berufsfahrer - zusammen.
Höheres Risiko bei Fahrern wegen sitzender Tätigkeit
Arbeitsmediziner interessieren sich zunehmend auch für die Müdigkeit der Bediensteten im öffentlichen Nahverkehr von Städten. Immer wichtiger wird es offenbar, jene Personen zu erkennen, bei denen der Verdacht auf ein obstruktives Schlafapnoe-Syndrom besteht. Hierbei handelt es sich um ausschließlich während des Schlafens auftretende Atemstillstände, die insbesondere eine erhöhte Schläfrigkeit am Tag nach sich ziehen. Wegen der körperlich wenig anstrengenden sitzenden Tätigkeit besteht für die Fahrer ein höheres Risiko, übergewichtig zu werden, was wiederum die Entstehung gerade dieser Erkrankung begünstigt.
Eine Untersuchung in Köln, über die Rolf Lorbach vom Betriebsärztlichen Dienst der dortigen Stadtwerke berichtete, förderte bei 31 von 698 befragten Fahrbediensteten, darunter Bus- und Straßenbahnfahrern, den Verdacht auf eine Schlafapnoe zutage. Dieser bestätigte sich in rund der Hälfte der Fälle nach einer eingehenden Untersuchung im Schlaflabor.
Fragebogen-Erhebungen haben stets ein Manko
Erhebungen mittels Fragebogen haben stets ein Manko. Ebenso wie bei den Berufsbusfahrern auf Fernstrecken lässt sich nämlich bei den städtischen Fahrern nicht genau sagen, inwieweit die eigenen Angaben zutreffen. Manche Fahrer haben sich womöglich zum einen derart an ihre Müdigkeit gewöhnt, dass sie die Beeinträchtigung wahrheitsgemäß als nicht so erheblich empfinden. Zum anderen könnte ihnen die Angst um den Arbeitsplatz beschönigende Antworten diktieren.
Der Leiter des Gesundheitsschutzes der Wuppertaler Stadtwerke, Martin Weskott, fand mit seinen Mitarbeitern bei einer rigoroseren Erhebung denn auch einen mehr als doppelt so hohen Anteil an Schlafapnoe-Patienten unter den Bediensteten, nämlich rund zehn Prozent, wie seine Kollegen in Köln. In einer australischen Studie wurde der Anteil der Schlafapnoe-Patienten unter professionellen Fahrern sogar auf knapp 16 Prozent beziffert.
Nach Therapie sind viele Fahrer wieder diensttauglich
In Wuppertal hat man alle Schwebebahnfahrer mittels eines standardisierten Gerätes getestet, das die Atempausen in der Nacht aufzeichnet. 112 von insgesamt 1171 Untersuchten, darunter auch andere Fahrer, hatten ein zuvor unentdecktes obstruktives Schlafapnoe-Syndrom und wurden in der Folge nachts mit Beatmung therapiert. Aufgrund einer direkten Zuweisung zu einem werksnahen Schlaflabor und der raschen Kontrolle der Therapieerfolge in einer Klinik waren 94 von ihnen innerhalb kurzer Zeit wieder diensttauglich. Die Übrigen wurden zum Teil versetzt oder erhielten eine Rente.
Dass solche Untersuchungen auch andernorts Konsequenzen haben, erläuterte Barbara Wilhelm vom Steinbeis-Transferzentrum Biomedizinische Optik und Funktionsprüfung in Tübingen. Bei einer arbeitsmedizinischen Studie an 34 Tunnelbauarbeitern auf einer Baustelle im Olympiapark München wurde das Ausmaß der Müdigkeit nach unterschiedlicher Schichtdauer erfasst. Im Verlauf einer Zwölfstundenschicht der körperlich anstrengenden Arbeit unter Tage war die Hälfte der Bauarbeiter bereits nach acht Stunden massiv einschlafgefährdet. Nicht zuletzt anhand dieser Ergebnisse wurde beschlossen, behördliche Sondergenehmigungen für derart lange Schichten am Bau nicht mehr in bisherigem Umfang zu erteilen.