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Beruf „Profiler“ Die Tote und der Kommissar

 ·  Axel Petermann ist Fallanalytiker. Er versucht, ungeklärte Verbrechen neu zu lesen, um die Täter doch noch zu finden. Und: Er schreibt Bücher, berät den „Tatort“. Unterwegs mit einem Profiler.

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© Daniel Pilar Profiler Axel Petermann: In einem Raum im Keller des Bremer Polizeipräsidiums sammeln er und seine Kollegen alles, was sie über einen Fall wissen.

Am Anfang war der Ort. Der Tatort, wohlgemerkt, weshalb Axel Petermann jetzt einen schwarzen Dienst-Kleinwagen quer durch Bremen steuert. Gröpelingen ist ein ehemaliger Arbeiterstadtteil mit schlechtem Ruf, und das, obwohl der Straßenstrich aus dem Hafengebiet längst verschwunden ist. Der Ausländeranteil hier sei hoch, sagt die Oberkommissarin auf dem Beifahrersitz, die Arbeitslosigkeit auch. Petermann parkt in einer Wohngegend. Die Wintersonne taucht krumme Straßen und niedrige Häuser in mildes Licht. Zwischen einer Altenwohnanlage und einem Kindergarten liegt ein Grasstreifen an einem Fußweg. Die Polizisten blättern in der Akte mit den alten Fotos. Da, der zweite Gullideckel muss es sein.

Hier wurde vor fast zwanzig Jahren die Frau gefunden, deren Namen Petermann nie benutzt, weil er seine Arbeit nur erträgt, wenn er das Elend des Einzelschicksals auf Distanz hält. So jedenfalls erklärt der Neunundfünfzigjährige die Gewohnheit in seinem gerade erschienenen neuen Buch „Im Angesicht des Bösen“. Meistens sagt Petermann schlicht „die Tote“. Im Sommer 1993 wurde sie auf dem Boden eines Kanalschachts gefunden, und auch das nur, weil sie nach heftigen Regenfällen irgendwelche Abflüsse verstopfte. Bis auf einen Slip war die Tote nackt. Vermutlich hatte sie schon einige Wochen in dem Schacht gelegen.

Warum gerade hier?

Wie lange braucht man, um eine Leiche in einen Kanalschacht zu werfen?

Welches Risiko hatte der Täter?

Und vor allem: Wie kriegt man so einen Kanaldeckel auf?

“Der Einsatz, zu dem Polizei und Feuerwehr gestern mittag in Gröpelingen gerufen wurden, könnte einem gruseligen Kriminalfilm entstammen“, schrieb die Lokalzeitung damals. „Wie die Polizei mitteilte, handelt es sich eindeutig um einen Mordfall.“

Die Wirklichkeit ist selten so eindeutig wie ein Krimi. Die Frau, so ergaben die Ermittlungen vor fast zwanzig Jahren, könnte an einer Überdosis Heroin gestorben sein. Wie und warum sie im Kanalschacht landete, wurde nie geklärt. Drogentote, sagt Petermann, würden gemeinhin weniger aufwendig entsorgt. Und weil 1993 in Bremen gleich mehrere Prostituierte tot an ungewöhnlichen Orten gefunden wurden und weil auch die Junkiefrau aus dem Kanal ihre Drogen vermutlich durch Prostitution finanzierte, hat das dreiköpfige Team von der Dienststelle Operative Fallanalyse des Bremer Landeskriminalamts die alten Akten wieder hervorgekramt. Schließlich könnte es einen Zusammenhang geben. Und es könnte sein, dass der Täter noch frei herumläuft.

Der Fallanalytiker kreist um Spuren, die etwas über den Täter verraten

Im Ideallfall könnten Petermann und seine Kollegen den Impuls für neue Ermittlungen liefern. Das ist der Job von Fallanalytikern, die umgangssprachlich meist als Profiler bezeichnet werden, weil das Ergebnis ihrer Untersuchungen auf ein Persönlichkeitsprofil des Täters zielt. Aber ihre Arbeit beginnt am Tatort, auch wenn es in diesem Fall keinen gibt, sondern nur den Fundort einer Toten. Petermann schreckt das nicht. Manchmal haben sie nicht einmal eine Leiche.

Während Mordermittler Hinweisen nachgehen und Zeugen vernehmen, kreist der Fallanalytiker um objektive Spuren, die etwas über den Täter verraten. „Er trifft ja ständig Entscheidungen“, sagt Petermann. „So ein Täter hat viele Möglichkeiten.“ Er hätte die Leiche zum Beispiel in den Keller tragen können. Er hätte sie ins nächste Gebüsch werfen können oder, wenn er denn ein Auto hatte, ins nahe Hafenbecken. Beides wäre einfacher gewesen. „Aber er hat sich entschieden, sie herzufahren und sie im Kanal zu versenken“, sagt Petermann und spekuliert:

Hatte er einen Bezug zu diesem Ort?

Wohnte er in der Nähe?

Kannte er sich beruflich aus mit der Kanalisation?

Ständig werfen die Kommissare neue Fragen auf. Es ist wie ein Pingpong mit drei Beteiligten, eine Methode, als Team systematisch alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Auf der Suche nach der Antwort braucht es dann oft Fachwissen. Deshalb hat Petermann sich mit Kanalarbeitern der Wassergesellschaft verabredet. Breitschultrige Männer in Overalls und Warnwesten wuchten mit einer speziellen Eisenstange den Gullideckel zur Seite. Notfalls, behaupten sie, schaffe man das auch mit dem Finger. Aber vor zwanzig Jahren, vor der Sanierung der Schächte, bei den alten Deckeln mit den schmalen Schlitzen, brauchte man mindestens einen Kuhfuß.

Fast wie im Film: drei Ermittler im Backshop

Petermann und sein Team werden anschließend zum Recyclinghof mitfahren, um einen ausrangierten Kanaldeckel in Augenschein zu nehmen. Das Ziel ist schließlich, eine möglichst genaue Vorstellung zu entwickeln, wie der Täter vorgegangen sein könnte. „Das ist das Tolle bei unserer Arbeit“, sagt Petermann. „Dass wir immer neue Dinge erfahren.“ In seinem Buch schildert der Kommissar Fälle, in denen ihm eine Domina und ein Ethnologe auf die Sprünge geholfen haben.

Später sitzen die drei Fallanalytiker in einem Backshop und wärmen ihre klammen Finger an Pappbechern mit Milchkaffee. Geplänkel über Rückenschäden und Dienstsport, aus den Lautsprechern dudelt türkische Popmusik. Fast wie im Film. Petermann und sein Team gäben tatsächlich einen idealen „Tatort“-Cast ab: die hübsche Oberkommissarin, resolut, herzlich, schnell im Kopf; der erfahrene, etwas behäbige Hauptkommissar, der sein kariertes Hemd in der Hose trägt und damit als Einziger aussieht wie ein klassischer Polizist; und natürlich Petermann, Gründer und Leiter der Dienststelle, schon immer ein Exot. Fotos von vor dreißig Jahren zeigen ihn in einem Trenchcoat, den er auch heute anhat. Schon damals besaß er einen Walrossschnauzer und viel zu lange Haare für seinen Job. Seine Kollegen schätzen seinen analytischen Scharfsinn.

“Er ist immer ein ruhiger und besonnener Typ gewesen“, sagt der Staatsanwalt Uwe Picard, der ihn seit dreißig Jahren kennt: Auf dem Schwarzweißfoto mit dem Trenchcoat war Picard noch Referendar. Heute ist er in Bremen zuständig für politisch motivierte Straftaten und Kapitalverbrechen, weshalb Petermann seinen Segen braucht, wenn er sich einem Fall zuwenden will. Nicht, dass man sich immer einig wäre. Aber der Staatsanwalt schätzt den Profiler, er nennt ihn einen Freigeist, einen kreativen Kopf. Mit neuen Methoden, etwa der DNA-Analyse, habe er sich immer gern auseinandergesetzt. Kein Wunder, dass er sich als einer der ersten in Deutschland auch für die Operative Fallanalyse interessierte.

„Tatort“-Leichen sind hübscher

Außerdem sagt Picard: „Er hat eine besondere Schreibe.“ Petermanns Aktenvermerke höben sich ab vom bürokratischen Einheitsdeutsch der Kollegen. Da „liegt“ der Kopf der Toten dann nicht einfach auf einem Pappkarton mit alten Brötchen, er „ruht“. Nicht allen in der Branche gefällt, dass der Kriminalhauptkommissar jetzt Bücher schreibt und damit auch in der Öffentlichkeit eine herausgehobene Rolle einnimmt. Der Staatsanwalt weiß das durchaus. Aber er sagt: „Das passt zu ihm.“

Im Keller des Polizeipräsidiums gibt es einen Raum, in den sich die Fallanalytiker zum Nachdenken zurückziehen. Hier klingelt kein Telefon. Die Wände können sie mit Skizzen hypothetischer Tatabläufe tapezieren. An einer Schaumstoffpuppe untersuchen sie bei Bedarf anhand der Einstichkanäle, wie der Mörder sein Messer geführt haben muss. Jetzt haben sie den Rechtsmediziner zum Gespräch gebeten, der 1993 mit Schutzanzug und Atemmaske in den Kanalschacht hinabgestiegen ist, um die tote Frau zu bergen. Gemeinsam werden die alten Fotos durchgeblättert, Ansichten eines Körpers, der kaum mehr nach Körper aussieht, weil das Wasser ihn aufgeschwemmt und ihm Ratten zugesetzt haben. „Tatort“-Leichen sind hübscher. Petermann fährt mit dem Finger über die Bilder auf der Suche nach Informationen.

Gab es Totenflecken, aus denen man schließen könnte, wie lange die Frau tot war, bevor sie im Gulli endete?

Ist es denkbar, dass sie - wie eine andere getötete Prostituierte - unter starkem Drogeneinfluss erdrosselt wurde?

Hätte man Würgespuren bei einer Leiche in diesem Zustand überhaupt nachweisen können?

Am Ende der Besprechung resümiert Petermann: keinerlei Hinweise auf äußerliche Gewalt. Aber ein „weiches Ersticken“ oder ein „sanfter Angriff gegen den Hals“ sei auch nicht auszuschließen.

Der schmale Grad zwischen Neugier und Voyeurismus

Die Deutung der Spuren an der Leiche sind für Petermann und seine Arbeit zentral. Im Fernsehen ist dafür in der Regel nur der Pathologe zuständig. Joachim Król unterdessen musste als „Tatort“-Ermittler seinen „Toten im Nachtzug“ im vergangenen November genau untersuchen und beschreiben. Petermann hat das gut gefallen. Der Handlung liegt schließlich eine Episode aus seinem erstem Buch zugrunde, weshalb der Profiler einen Teil der Dreharbeiten begleitet hat. Auch die Szene, in der Król und Nina Kunzendorf in einer Art Rollenspiel erkunden, wie sich der Mord zugetragen haben könnte, ist der Arbeitsweise der Fallanalytiker entlehnt. Erst kürzlich, erzählt Petermanns Kollegin, hätten sie auf einer Wiese ausprobiert, auf welche Weise man aus einem Auto fallen kann - sehr zum Staunen der Spaziergänger.

Mit seinen Büchern bewegt sich Petermann auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Voyeurismus, Neugier und dem lustvollen Grausen im Angesicht des Bösen. Wenn er schreibt, wie er im Regen den Kragen seines Trenchcoats hochklappt, zollt er den Lesegewohnheiten der Krimifans Tribut. Schildert er die Prinzipien seines Vorgehens, beschreibt er einen Tatort oder berichtet er von einem Verhör, ist sein Tonfall sachlicher als jede Gerichtsreportage. Sein Wunsch, das Verbrechen zu verstehen, sofern das irgend möglich ist, hat ihn als jungen Mann in die Mordkommission geführt. Um stärker in die Tiefe gehen zu können, ist er dann Profiler geworden.

Halbe Nächte liegt er wach und knobelt an seinen Fällen

Die Idee, ein Buch zu schreiben, haben andere an ihn herangetragen, die von seinen Geschichten fasziniert waren. Petermann gefiel zunächst die Idee, eine Lanze für die Kriminalistik zu brechen: Den Hype um die DNA-Analyse als ultimative Methode der Verbrechensaufklärung sieht er skeptisch. Erst dann hat er gemerkt, dass das Schreiben auch eine Form der Aufarbeitung war. Mit seiner Frau, einer Krankengymnastin, hat er nie viel über seinen Job geredet, schon allein, weil die drei Kinder nicht mit Mord und Totschlag aufwachsen sollten. Zugleich war er immer einer, der halbe Nächte wach liegt, wenn er an einem Fall herumknobelt. „Ich musste das vielleicht auch mal loswerden“, sagt Petermann.

Was die Tote im Kanalschacht angeht, haben die Fallanalytiker unterdessen eine Toxikologin zu Rate gezogen.

Ist die Frau wirklich an einer Überdosis Heroin gestorben?

In was für einem Bewusstseinsstadium war sie, als sie starb?

Und wie lange vor ihrem Tod hat sie die Drogen konsumiert?

Die Toxikologin will die alten Befunde vor dem aktuellen Stand der Forschung neu bewerten. Dann weiß man vielleicht mehr.

Axel Petermann

Zur Polizei gegangen ist Axel Petermann, Jahrgang 1952, ursprünglich auf Zeit, weil er den Wehrdienst vermeiden wollte. Nachdem ein Kriminalistik-Dozent aber seine Neugier auf Mord und Verbrechen geweckt hatte, setzte Petermann alles daran, schnell zur Kriminalpolizei zu kommen. Er war stellvertretender Leiter der Bremer Mordkommission und ein Vorreiter in Deutschland, als er 1999 anfing, sich mit den Methoden der Operativen Fallanalyse vertraut zu machen. Heute gibt es solche Profiler in allen Landeskriminalämtern, Petermann leitet die entsprechende Bremer Dienststelle. Der Kriminalhauptkommissar ist Dozent für Kriminalistik und berät den „Tatort“ des HR. Sein erstes Buch „Auf der Spur des Bösen“ stand wochenlang in den Bestsellerlisten; sein zweites, „Im Angesicht des Verbrechens“ (Kindler Verlag, 14,95 Euro), ist gerade erschienen. Petermann ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in der Nähe von Bremen.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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