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Beruf Clown-Schauspieler „Ein Schritt ist auf der Bühne ein Riesending“

25.09.2005 ·  Höchste Konzentration und Körperbeherrschung. An der Clownschule in Mainz wird hart und detailversessen gearbeitet. Komisch sein ist eine Berufung.

Von Nina Baumann
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Wie von einem Stromschlag getroffen schüttelt sich Marcos Körper. Seine Hand fliegt durch die Luft und landet auf einem unsichtbaren Gegenstand neben ihm.

Er setzt sich auf und streckt sich. Der schlaksige junge Mann rappelt sich auf und wankt ein paar Schritte über den Holzboden. Einen halben Meter vor ihm findet seine Hand Halt in der Luft und dreht etwas. Marco streckt den rechten Zeigefinger vor der Brust nach vorne, dann wagt er sich einen Schritt vor. Genußvoll rubbelt er sein T-Shirt.

Im wahren Leben ist Marco Pfriemer schon vor gut fünf Stunden unter die Dusche gestiegen. Nun zeigt er um ein Uhr mittags in der Pantomime-Klasse der Schule für Clowns in Mainz-Finthen seine Interpretation des Themas Morgen. „Die Darstellung des Weckerklingelns als Schütteln deines Körpers ist gut“, sagt Dozent Rolf Mielke, nachdem er zusammen mit den anderen elf Schülern applaudiert hat. „Achte aber noch mehr auf die Präzision. Du mußt das Schütteln durchhalten, bis deine Hand auf den imaginären Wecker trifft.“

Prinzip Dorfschule

Im hohen, lichtdurchfluteten Übungssaal der Clownschule ist es kühl, und doch triefen die Schüler vor Schweiß. Seit 20 Minuten hat Michael Stuhlmiller die angehenden Clowns nur ein paar einzelne Schritte machen lassen. Jedoch mit Bedacht. „Ein Schritt ist auf der Bühne ein Riesending“, sagt der Leiter der Clownschule. Auch ihm rinnt der Schweiß über die Stirn. Jede Bewegung erfordert höchste Konzentration und Körperbeherrschung. „Überlegt euch: Kommt der Schritt aus dem Becken, dem Bauch oder der Schulter?“ Stuhlmiller fliegt nach vorne, als hätte ihn jemand an der Schulter gepackt, nach oben gerissen und wieder fallen lassen.

Luis Handfläche winkt fröhlich vor seinem Bauch hin und her. Seine Augen sprechen schelmisch zu einem nicht vorhandenen Publikum. Stuhlmiller gefällt das nicht. „Nein, Lui, wir verlängern noch nicht in den Raum. Bleib mit deinem Blick bei der Bewegung.“ Auf die „pure Bewegung“ will Stuhlmiller seine Schüler zu Beginn der Ausbildung zurückführen. Acht seiner Schützlinge kennen ihn erst seit August, Lui und Marco dagegen schon seit einem Jahr.

Nach dem Prinzip Dorfschule lernen Anfänger und Fortgeschrittene gemeinsam. Luis Augen folgen nun seiner Hand, die über seinem Kopf nach links und rechts saust. Erst wenn er die Bewegung in den Parametern groß-klein, oben-unten, schnell-langsam durchgespielt hat, darf er einen Schritt weitergehen. „Aus Wiederholung und Variation entsteht Komik“, sagt der Schulleiter.

Der Clown gehört nirgendwo dazu

Michael Stuhlmiller lehnt sich im Regiestuhl in seinem Büro zurück. Er sinniert über die Rolle des Clowns in der Gesellschaft. „Immer wenn die Dinge scheinbar in Ordnung sind, werden sie gebrochen. Der Clown steht den Randgruppen sehr nahe, aber er gehört nirgendwo dazu. Er hat nur sich selbst und seine innere Instanz.“

An den Wänden des Büros erinnern Plakate an Aufführungen von Clownschülern und Ehemaligen. Viele Abgänger der Profi-Klassen arbeiten als freie Künstler. Einige finden feste Engagements bei Theatergruppen. Ein Ehemaliger ist bei der populären „Blue Man Group“ untergekommen, ein anderer macht heute Filme. Manche sehen die Ausbildung als Ergänzung für soziale oder psychologische Arbeit.

Der Kindergärtner Till beispielsweise möchte die Ausbildung später in seinem Beruf nutzen. Wieder andere können sich vorstellen, eine Zeitlang von Straßenkunst zu leben. Egal, ob saftige Gage oder mühsam zusammengespieltes Abendessen - über eines kann Michael Stuhlmiller nur lachen: Wenn das Arbeitsamt mal wieder eine „Fortbildung für arbeitslose Künstler“ anbietet.

„Beklopft - Aaron Dewitz“

Schließlich habe ein kreativer Mensch immer etwas zu tun, weil er etwas ausdrücken wolle. „Es gibt keinen arbeitslosen Künstler.“ Aaron schüttelt energisch seine hüftlangen Dreadlocks. „Nein, ich spiel' heute nix.“ In eineinhalb Stunden beginnt die Mittwochsbühne. Die Clownschüler führen einmal im Monat öffentlich vor, was sie gelernt haben.

Bühnenerfahrung kann der beste Unterricht nicht vermitteln. „Wie soll ich das Stück denn nennen?“ grummelt Aaron. „Unrasiert?“ Seine Hand kratzt über die Stoppeln an der Wange. „Ach komm schon“, schmeichelt Stuhlmiller, der auf dem Balkongeländer hockt. Fünf Minuten später steht auf dem aktualisierten Programmzettel unter „2. Teil“: „Beklopft - Aaron Dewitz“. Die pure Bewegung: Das sind „silly moves“, frei von Zeichen und Assoziationen.

Marco ist in seine Bühnenfigur Willi geschlüpft. Die in der Mitte gescheitelten Haare kleben am Kopf, auf der Nase thront eine riesige Hornbrille, Modell Politbüro. Die ohnehin schon kurze Hose sitzt knapp unter der Brust. Daumen und Zeigefinger beider Hände preßt Marco aufeinander. Die vier Fingerkuppen drückt er zusammen und dreht angestrengt, als wolle er sie ineinander bohren. Marco-Willi hält inne und schaut fragend ins Publikum.

Dann wieder auf seine Hände. Mit gewaltigem Kraftaufwand reißt er schließlich die Hände auseinander, sie schießen zu beiden Seiten weg. „Hepp“, schiebt Marco hinterher. Das Publikum lacht. „Ich hab' genau gemerkt, wo die Spannung da war und wo nicht.“ Marco reflektiert in der Pause seinen Auftritt. „Es stimmt, was der Michael uns einschärft: Wenn der Blick während der Bewegung ins Publikum geht, funktioniert die Nummer nicht.“

Der gefühlte Adrenalinspiegel sinkt nur langsam

„Unrasiert“ würde mittlerweile nicht mehr als Titel für Aarons Nummer passen. Sein Gesicht ist von den Stoppeln befreit. Was er „beklopft“, wird schnell klar: Mal platschen seine Hände auf Bauch und Brust, dann trommelt er mit den Fäusten gegen seinen Kopf, mal klatscht er in Schuhplattler-Manier auf Oberschenkel und Schuhe. Gerade wenn er zu voller Fahrt beschleunigt hat, stoppt er abrupt und fängt die Spannung mit einem Rollen der Augen oder einer Verrenkung auf. Mehrmals liegt Szenenapplaus in der Luft, doch in diesen ganz besonderen Rhythmus und die Tempowechsel will sich niemand einmischen.

Am Ende des Auftritts tost der Beifall um so lauter. Während die Zuschauer in die laue Sommernacht davonschlendern, plätschert weißes und rosafarbenes Wasser in die Waschbecken. Die Clowns schlüpfen wieder in Kleider ihrer Konfektionsgröße. Für viele war der Auftritt heute der erste seit dem Entschluß, zertifizierter Clown zu werden.

Aufgekratzt kommt einer nach dem anderen zurück ins Foyer. Der gefühlte Adrenalinspiegel sinkt nur langsam. Um Mitternacht gehen die letzten. Auch morgen klingelt der Wecker wieder früh. Und zwar der echte.

Die Schule für Clowns in Mainz bietet eine staatlich anerkannte Ausbildung zum Clown-Schauspieler.

Der Schwerpunkt liegt bei Clowntheater und Improvisation. Zudem werden die Schüler in Pantomime, Artistik, Musik und Stimmbildung unterrichtet. Die zweijährige Ausbildung kostet 4740 Euro und wird nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BaföG) gefördert.

Über die Aufnahme entscheidet ein Vorstellungsgespräch. Für Berufstätige, Unentschlossene und Senioren gibt es Workshops, Clownschule für Oldies und berufsbegleitende Kurse.

Mehr Informationen über die Schule gibt es im Internet unter www.clownschule.de oder unter der Telefonnummer 0 61 31/47 21 02.

Quelle: F.A.Z., 24.09.2005, Nr. 223 / Seite 59
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