Home
http://www.faz.net/-gum-qesx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bern Mit Einstein und Klee gegen Zürich

13.06.2005 ·  Im ständigen Popularitätswettbewerb mit Zürich trumpft Bern jetzt auf. Mit einer Ausstellung, einem Museum und neuem Fußballstadion. Trotzdem scheint der Stadt vor allem eines zu fehlen: Temperament.

Von Konrad Mrusek
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Bern und Berlin, so unterschiedlich sie sind, haben viele Gemeinsamkeiten: Der Bär ist das Wappentier. In beiden Städten wird links regiert. Die Schulden sind hoch, die Zahl der Firmen ist gering. Bern, einst der mächtigste Schweizer Kanton, ist heute auf Zuwendungen aus Zürich und Basel angewiesen. Für viele Eidgenossen ist Bern mit seinen 130.000 Einwohnern eine putzige, aber langweilige Beamten-Stadt.

Für einen Zürcher ist ein Job in Bern eine Art Strafversetzung in die Provinz. Daher sind nachmittags die Züge nach Zürich und Basel auch so voll: Jeder sucht nach der Arbeit schnell das Weite. Doch nun putzt sich die Provinz heraus. Bern will es den arroganten Zürchern zeigen und beweisen, daß es kein verschlafenes Kaff ist, daß die Bürger in den malerischen Gassen nicht bloß einstiger Größe nachtrauern. Bern kopiert dabei eine Methode, die man auch in Berlin kennt: Ist die Lage schlecht, muß man für gute Stimmung sorgen mit Kultur und Sport, mit Feiern und Ausstellungen.

Ausstellung für Einstein, Museum für Klee

Die Schweizer Hauptstadt feiert nun gleich dreifach: Albert Einstein bekommt eine Ausstellung, weil er vor hundert Jahren in Bern - damals war er noch „Technischer Experte III. Klasse“ im eidgenössischen Patentamt - mit seiner Speziellen Relativitätstheorie das Weltbild der Physik revolutionierte. Der Maler Paul Klee, auch er ein langjähriger Berner (den man jedoch nicht einbürgern wollte), erhält ein neues Museum, gebaut vom Star-Architekten Renzo Piano. Und im Juli wird der Neubau des ehemaligen Wankdorf-Stadions eröffnet, der deutschen Heldengedenkstätte, in der 1954 Fritz Walter und seine Mannen die Weltmeisterschaft im Fußball holten. Die Berner nennen den Neubau großspurig „Stade de Suisse“ und freuen sich diebisch, daß sie die Zürcher bei ihrem Stadionprojekt abgehängt haben.

Die Tourismusmanager der Stadt beben geradezu vor Begeisterung, daß sich endlich etwas Großes tut. Lange Zeit konnte man im Fremdenverkehr nur dieselben Sehenswürdigkeiten anpreisen wie etwa Bärengraben, Zeitglockenturm, die Altstadt sowie das Münster mit Blick auf Aareschleife und Alpen. Die Begeisterung der Werber („Bern hoch drei - einfach genial“) hat inzwischen auch die Bürger infiziert: Vor kurzem genehmigten sie sich in einer Volksabstimmung endlich einen neuen Bahnhofplatz und wählten dabei sogar die modernere und teurere Variante mit einem Baldachin.

Zürich ist weltläufig, Bern dagegen bäuerlich

Schon vor einem Jahr zeigte Bern, daß es in seinen alten Mauern keineswegs erstarrt: Da wurde der Bundesplatz neu gestaltet und mit Wasserspiel versehen. Aus dem einst tristen Platz wurde eine Attraktion: Nirgendwo wirkt Bern so fröhlich wie vor dem Schweizer Parlament, wenn die Kinder versuchen, die elektronisch gesteuerten Wasserfontänen zu überlisten, um nicht naß zu werden. Viele Klischees über Bern und die Berner, etwa über ihre Langsamkeit, stimmen. Dennoch wird man damit der Stadt nicht gerecht. Sie ist nicht langweilig, sondern lebt einen anderen Rhythmus.

Was zornige Zürcher gerne „die Berner Krankheit“ nennen, ist nicht etwa ein psychosoziales Gebrechen, sondern eher ein nostalgischer Zugang zur Welt. Man ist verliebt in das bewährte Alte, in die verführerische Schönheit der Altstadt, die zum Unesco-Welterbe zählt. Deshalb dauert es so lange, bis man etwas Neues wagt. Während Zürich die weltläufige Seite des Schweizer Volkes zeigt, ist Bern Sinnbild seiner bäuerlichen Natur. Die ersten Wiesen und Felder sieht man immer noch vom Turm des Münsters. Möglicherweise mögen die Zürcher die Berner vor allem deshalb nicht, weil sie ihnen zu traditionell eidgenössisch sind. In dieser Stadt will man nicht hektisch und chic sein, sondern die bodenständige Herkunft nicht verleugnen. Zürich ist „hip“, Bern ist gutbürgerlich oder alternativ.

Lebendige Altstadt, umsatzstarke Geschäfte

„Hier in Bern ist es reizend“, schrieb Einstein im Jahre 1902 seiner Verlobten Mileva Maric, als er in der Gerechtigkeitsgasse 32 bei der Witwe Anna Sievers-Mühlestein in einem winzigen Zimmer im ersten Stock wohnte. „Eine altertümliche, urgemütliche Stadt, in der man genau ebenso leben kann wie in Zürich.“ Einstein hinterließ in den sieben Berner Jahren erstaunlich viele Spuren in der Stadt, da er nicht weniger als sieben Wohnungen hatte; eine ist heute ein Museum. Zum Jubiläum erschien ein Buch („Albert Einstein - Jene glücklichen Jahre“), das bei der Spurensuche in der Stadt hilft.

Die Altstadt bezaubert mit Lage, Architektur, Lauben, Brunnen - und Lebendigkeit. Sie ist kein Museum, sondern die vitale Mitte der Stadt. Die Gassen zwischen Bahnhof und Zeitglockenturm sind stets voller Menschen, obwohl man sie nur mit Zug, Tram oder Bus erreichen kann. Einer der umsatzstärksten Migros-Läden in der Schweiz ist in der Marktgasse und verfügt über keinen einzigen Parkplatz. Erst im unteren Teil der Altstadt, die sich zur Aare und zum Bärengraben hin neigt, wird es ruhiger, wird das Kopfsteinpflaster noch rauher. Gerade hier zeigt sich in Geschäften und Galerien, in Bars und Kellertheatern, wie originell diese Stadt sein kann.

Statt südlichem Temperament zurückhaltende Zufriedenheit

Obwohl man die nahe Grenze zur französischsprachigen Romandie spürt, zeigt Bern nichts von südlichem Temperament. Die Menschen sind auch dann wortkarg, wenn sie nicht hochdeutsch, sondern mit leicht kauender Bewegung bärndütsch reden und etwa statt Kuß „Müntschi“ sagen. Der Berner mag kein „Gstürm“, also keine Hektik. Hartnäckiges Schweigen kann daher auch Behagen bedeuten. Insofern sollten Fremde es auch nicht persönlich nehmen, wenn sie viele freudlose, bisweilen gar mürrische Gesichter sehen: Solch ein Berner kann höflicher sein als ein lustiger Rheinländer. Die Gesichter der vielen pensionierten Beamten, die dank der hohen Lebensqualität sehr alt werden, sind nicht deswegen oft freudlos, weil es ihnen etwa schlecht geht.

Dahinter steckt immer noch die Mentalität einer protestantisch-reformierten Stadt, in der lange Zeit nur fromme Lieder gesungen werden durften. Freude, Vergnügen, gar Leidenschaft zu zeigen - das ist hier gar nicht opportun. Der Berner Patrizier und Schriftsteller Rudolf von Tavel schrieb vor achtzig Jahren: „Wenn Bern und bernisches Wesen in der dramatischen Literatur verhältnismäßig wenig vorkommen - trotz der großen Geschichte Berns-, so beruht das unzweifelhaft zum Teil darauf, daß im Charakter der Berner die Leidenschaft keine große Rolle spielt. Gerade in heftigen Gemütswallungen versagt dem Berner oft die Sprache. Er schweigt. Und aus Schweigen läßt sich kein Bühnenspiel machen.“

Quelle: F.A.Z., 14.06.2005, Nr. 135 / Seite 7
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1950, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge