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Berlusconi Wir sind verschieden wie Tag und Nacht

22.06.2004 ·  Für ein Buch brach Veronica Berlusconi ihr Schweigen. Ausführliche Zitate bieten ein gefundenes Fressen für diejenigen, die schon lange nach Belegen dafür suchen, daß man ihren Mann Silvio Berlusconi nicht ernst nehmen könne.

Von Tobias Piller
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Immer wieder kann Veronica Berlusconi mit entwaffnender Offenheit überraschen. Etwa wenn sie gefragt wird, ob sie etwas mit der Wanze in Silvio Berlusconis römischem Büro zu tun hatte. Der hatte 1996 als Oppositionsführer die Presse herbeigerufen, um den "skandalösen Fund" als Machenschaft der linken Regierung zu präsentieren. Veronica Berlusconi läßt nun tief blicken mit ihrer knappen Antwort: "Könnte sein." Die ehemalige Schauspielerin, die seit 23 Jahren mit Silvio Berlusconi lebt und seit 13 Jahren mit ihm verheiratet ist, läßt sich in der italienischen Öffentlichkeit kaum blicken, schon gar nicht als "First Lady" an der Seite des Ministerpräsidenten.

Ihre sonst gewohnte Diskretion hat sie aber nun ein wenig beiseite geschoben in einem Interview für ein Buch von 200 Seiten, das am heutigen Mittwoch vorgestellt wird. Die ausführlichen Zitate bieten ein gefundenes Fressen auch für diejenigen, die schon lange nach Belegen dafür suchen, daß man Silvio Berlusconi nicht ernst nehmen könne. Denn was bislang in den Hochglanzbroschüren für den Wahlkampf Berlusconis geschrieben wurde, mit vielen Fotos vom Familienleben und Texten wie in einer Illustrierten, erweist sich nun als eine Hollywood-Fassade. Die Autorin des Buchs, eine der wichtigsten Hauptstadtkorrespondenten des "Corriere della Sera" namens Maria Latella, entwirft ein ganz anderes Bild von Berlusconis Frau und vom Ministerpräsidenten selbst.

Mobiltelefon beim Weihnachtsessen

Bei einem Theaterbesuch in Mailand hätten sich Silvio und Veronica Lario in einem - von Berlusconi gekauften - Theater getroffen, und es sei "Liebe auf den ersten Blick" gewesen. So hieß es in der bunten Berlusconi-Broschüre. Veronica Berlusconi rückt nun einiges zurecht, nicht, weil sie kleinlich wäre, sondern weil manche Fabeln eben so gar nicht zur Persönlichkeit von Silvio Berlusconi passen. Den lernt der Leser in der Beschreibung seiner Frau kennen als jemanden, "der es einfach gewohnt ist, wie ein Single aufzutreten". Berlusconi habe sich immer gegeben wie ein amerikanischer Filmstar vom alten Schlag, der offiziell nie eine Freundin oder Ehefrau haben sollte, um nicht Tausende Fans zu enttäuschen. So lautet die Interpretation der Buchautorin Latella. Veronica Berlusconi kommentiert: "Wir sind verschieden wie Tag und Nacht." Silvio Berlusconi habe immer schon Selbstbestätigung und Zuwendung in der Öffentlichkeit gesucht, sie selbst sei dem Privaten zugewandt.

Der Leser lernt einen überschwenglich-oberflächlichen Silvio Berlusconi kennen, der am Sonntag zwar zu Hause ist, sich aber lange Zeit mit Telefonieren und seinem Fußballklub AC Milan beschäftigt, der auch beim Weihnachtsessen noch das Mobiltelefon neben sich legt und die Grüße seiner Freunde entgegennimmt. Italiens umstrittenster Ministerpräsident wird sonst nur ein wenig bewundert dafür, wie er sich immer hochfliegende Ziele setzt und sie mit allen Mitteln zu erreichen sucht, der meisterhaft auf die Wünsche seines Gegenübers eingehen kann und dann zum "großen Verführer" wird, und der während der Anfänge des Privatfernsehens "die Begeisterung des Augenblicks in ein Zusammengehörigkeitsgefühl verwandeln konnte, in dem alle Anwesenden ihre Talente optimal zur Geltung bringen konnten".

Ein diplomatisches Meisterstück

Doch Veronica Berlusconi, geboren 1955 in Bologna als Raffaella Miriam Bartolini, Tochter eines Angestellten im öffentlichen Dienst und einer Kassiererin der Supermarktkette Standa (später zeitweilig Teil des Berlusconi-Imperiums), als Schauspielerin mit dem Künstlernamen Veronica Lario, interessiert in Italien nicht allein mit Szenen aus dem Privatleben des bekanntesten Politikers. Noch mehr Neugierde weckt der Umstand, daß sie sich selten äußert, aber dann mit Bedacht andere Akzente setzt als erwartet, etwa als sie in einen Artikel zum Für und Wider des Krieges im Irak Verständnis für die Friedensdemonstranten äußert, ausgerechnet in der Monatszeitschrift des erklärten Todfeinds von Silvio Berlusconi.

Bekannt ist, daß die drei Kinder von Italiens größtem Fernsehunternehmer nach antroposophischen Grundsätzen in der Steiner-Schule erzogen wurden, "lieber mit Fabeln, der Magie des Marionettentheaters, Spielen oder handwerklichen Ton-Arbeiten", als mit dem Fernsehgerät. Nun, mit gerade volljährigen Kindern, zeigt sich das Unkonventionelle an Veronica Berlusconi darin, daß sie nicht weiter die typisch italienische Mamma sein will, sondern die Aufgabe der Erziehung als abgeschlossen ansieht. Der Autorin des Buchs, die seit langem mit Veronica Berlusconi befreundet ist, gelingt ein kleines diplomatisches Meisterstück. Sie zitiert die eigenständige Frau des Politikers Berlusconi ausführlich, doch so, daß kein Bruch zwischen den beiden hineingelesen werden kann. Aber doch auch so zündend, daß bei den Parteien der Opposition noch mehr gefeixt wird bei dem Schlagwort "Veronica for President".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2004, Nr. 143 / Seite 7
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Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

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