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Berliner Modewoche : Plissees ohne Klischees

An Ideen mangelt es nicht: Noch nie gab es eine solche Breite an stilistischen Ausdrucksformen Bild: Fricke, Helmut

Die Berliner Modewoche ist wieder einen Schnitt weiter - auch wenn viele das noch immer nicht glauben können.

          Ein Blumenstrauß auf jeder Treppenstufe des Berliner Altbaus weist den Gästen den Weg hinauf in den ersten Stock. Die Präsentation des Designer-Duos Augustin Teboul in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms hätte man aber auch so gefunden: Die Menschenschlange reicht bis vor die Haustür.

          Berliner Label: die Kollektion von Derya Issever und Cimen Bachri, beide Absolventinnen der HTW Berlin Bilderstrecke
          Berliner Label: die Kollektion von Derya Issever und Cimen Bachri, beide Absolventinnen der HTW Berlin :
          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Annelie Augustin und Odély Teboul bleiben in ihrer vierten Saison in Berlin natürlich ihrem Markenzeichen treu, den zum Gruseln schönen schwarzen Stickereien. Jetzt bringen sie aber noch mehr Plissees, mehr Perlen, mehr Stickereien. „Les Fleurs du Mal“ nennen sie ihre Kollektion nach Baudelaire. Über den Köpfen der Models sind Blütenranken drapiert. Das Düstere wird plötzlich wunderschön. Aus rabenschwarzer Seide basteln sie geschwungene Mini-Türme. Winzige Kugeln fädeln sie so lange auf, bis daraus dicke Krusten entstehen. Ornament als Versprechen!

          In der Nacht wird gearbeitet und nicht gefeiert

          Die Marke der Stunde zeigt, dass die zuweilen belächelte „Mercedes-Benz Fashion Week“, die seit Mittwoch und bis zum Wochenende stattfindet, weiter ihre Erfolgsgeschichten schreibt. Die beiden Designerinnen arbeiten mit so viel Akribie an ihrer Linie, dass auch die französische „Vogue“ schon Teile für eine Modestrecke bestellt hat, dass Trendläden in Oslo, Istanbul oder Frankfurt zugreifen und dass mit vielen Plissees aufs schönste Klischees widerlegt werden. Die gehen so, dass aus der Berliner Mode ohnehin nichts werde, weil die Marken keine Ideen hätten oder die Arbeitsmoral fehle. Wenn Annelie Augustin und Odély Teboul die Nacht durchmachen, so viel ist jedenfalls klar, dann nicht um zu feiern, sondern um zu arbeiten.

          Und so geht es den meisten. Natürlich können sich einige Marken noch immer kein Defilee leisten - aber andere verdienen richtiges Geld. Natürlich kommt ein Luxus-Einzelhändler wie Albert Eickhoff aus Düsseldorf noch immer nicht zur Modewoche, weil ihm Paris und Mailand wichtiger sind - aber seine Mitbewerber Klaus Ritzenhöfer aus Düsseldorf („Apropos“) oder Josef Voelk („The Corner“) sind da.

          Die Treue zu Berlin

          Und in dieser Saison sind der „Bread & Butter“ in Tempelhof wirklich einige Aussteller wie Replay oder Diesel ferngeblieben. Aber den Gerüchten, er wolle mit der größten Sportswear- und Jeans-Messe der Welt nach Istanbul ziehen, widerspricht nicht nur Messechef Karl-Heinz Müller. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der in vier Tagen rund ein Dutzend Modetermine wahrgenommen hat und die Szene schon dadurch unterstützt, weist solche Gedanken im Gespräch zurück: „Karl-Heinz Müller ist berechenbar, er ist Berlin treu, er bleibt.“

          Und auch die Mär von der Business-Ferne der jungen Labels stimmt nicht mehr. Es gibt mehr lukrative Aufträge für Modemacher - Michael Sontag entwirft Schuhe für Görtz, Kaviar Gauche eine „Capsule Collection“ für den Online-Shop Zalando. Das Business-Know-how nimmt zu - bei der Marke Achtland, der Neuentdeckung dieser Saison, haben sich zum Beispiel ein Designer und ein Betriebswirt zusammengetan, um das Kreuzberger Label gleich auf richtige Beine zu stellen - im „Vogue Salon“ am Freitag im Hotel de Rome, der charmantesten Form der Wirtschaftsförderung, die in dieser Saison neben den beiden Neustartern Achtland, Augustin Teboul, Blame, Blaenk, Dawid Tomaszewski, Isabell de Hillerin, Maiami, Michael Sontag, Vladimir Karaleev sowie vier Accessoire-Marken vorstellt, zeigen schon einige Einzelhändler Interesse.

          Investoren greifen weiter zu

          Auch Investoren greifen weiter zu - so bekommt nun auch das Jungtalent Dawid Tomaszewski Unterstützung durch einen Finanzier. Große Marken wie Boss, Rena Lange, Laurèl, Escada oder Schumacher lenken mit ihren Blockbuster-Schauen die Aufmerksamkeit auch auf junge Designer. Viele Modemacher kommen jetzt besser in die Geschäfte - Vladimir Karaleev verkauft seine Kollektion nun auch in Hongkong, Kuweit, Dubai, New York und weiteren drei Shops in China. Die rund ein Dutzend Messen sind gut besucht. Auf der „Premium“ am Gleisdreieck kommt man zeitweilig im Gedränge kaum voran - obwohl die Hallen großzügig sind. Im weißen Schauenzelt der „Mercedes-Benz Fashion Week“, das in dieser Saison an der Siegessäule steht und nicht am Brandenburger Tor, ist dauernd etwas los. Und nicht zuletzt arbeiten die Modemacher zusammen: So zeigten am Donnerstagabend Mongrels in common und das Label Liebig, das ebenfalls zur Commandante Fashion Group gehört, gemeinsam ihre Kollektion im Hof der Jüdischen Mädchenschule.

          Viele Marken stilistisch weiter

          Auch die Nachwuchs-Preise bringen Dynamik in die Szene - etwa der „Designer for Tomorrow Award“ von Peek & Cloppenburg, den dieses Mal Leandro Cano aus Sevilla errang, oder der Wettbewerb „Start you Fashion Business“ des Berliner Senats, der am Freitagabend ausgetragen wurde. Michael Sontag gehört sogar zu den Finalisten für den renommierten „Woolmark Prize“, der bald vergeben wird.

          Viele Marken kommen stilistisch weiter. Einer der vielen vielversprechenden Neuzugänge ist Marc-Philippe Coudeyre. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Franzose, er selbst blieb nach vielen Stationen in Belgien. In Berlin ist der Designer nun mit tropischer Bourgeoisie in Champagner- und Rotweintönen, Koralle und Goldgelb dabei. An Ideen also mangelt es wirklich nicht: Die Kappen aus geflochtenem menschlichen Haar bei Mongrels in common, das Kontrastspiel der Materialien bei Perret Schaad, die neuen Grafiken beim Modekünster Michael Sontag, die romantische und trotzdem niemals kitschige Schumacher-Kollektion, die coole Hugo-Schau - noch nie gab es eine solche Breite stilistischer Ausdrucksformen in Deutschland.

          Und als letzte Beigabe kommen international nun ja auch deutsche Models in Mode. Esther Heesch, eine Fünfzehnjährige aus Lübeck, erst vor einem halben Jahr entdeckt und Anfang der Woche in Paris bei Dior auf dem Laufsteg, eröffnet erstmals eine Schau, bei Schumacher. „Sie ist“, meint Dorothee Schumacher, „ein superdeutsches Marzipanmädchen.“ Und wo sonst würde man die heute noch finden!

          Quelle: F.A.Z.

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