20.01.2012 · Dorothee Schumacher will auf der Berliner Modewoche „Divas around the world“ ansprechen. Alexandra Fischer-Roehler präsentiert Brautkleider, in denen 100 Stunden Arbeit und 60 Meter Stoff stecken. Und auf einem Laufsteg war eine Farbe zu sehen, die es bisher gar nicht gab.
Von Alfons Kaiser und Jennifer WiebkingBesser konnte der zweite Tag der Berliner Modewoche kaum beginnen. Dorothee Schumacher, eigentlich bekannt für pudrige Farben und liebliche Stimmungen, weckte die Modemenschen am Donnerstag nach einer durchfeierten Nacht sanft auf. Plötzlich sahen die Zuschauer mit Aquamarin, Smaragd, Saphir oder Jade ein Farbenspiel, das nicht nur vom Champagner am Vorabend stammen konnte. Die schmalen Röcke, die hohe Taille, die witzigen Galonstreifen, die weiten Mäntel, die schönen Capes – hier stimmten auch die Silhouetten. Die Designerin aus, ja, Mannheim ging sogar so weit, eigene Moderegeln aufzustellen: „Je länger ihr Rock, desto spitzer der Schuh.“
Dorothee Schumacher, die ihre Inspiration von Entwürfen der Couture-Legende Madame Grès aus dem Modemuseum in Kobe bezog, will „Divas around the world“ ansprechen. Das ist nicht nur angesichts wachsender Nachfrage nach ihrer Marke im Mittleren und Fernen Osten sinnvoll. Die internationale Ausrichtung, getragen durch einen immer wieder sportlich aufgepeppten klassischen Stil, begegnet auch einer Meldung der „Textilwirtschaft“ vom Donnerstag: Sieben von zehn deutschen Konsumenten warten demnach mit dem Kleiderkauf darauf, dass Jacke wie Hose billiger zu haben sind – am Montag in zehn Tagen beginnt der Winterschlussverkauf. Da werden es einige Berliner Marken nicht ganz einfach haben, mit ihren Preisen noch an die Frau zu kommen.
„Kaviar Gauche“, der weiteren Diva unter den Kollektionen vom Donnerstag, wird das nicht passieren. Denn mit ihrer „Bridal Couture“ staffiert man schließlich den schönsten Tag des Lebens aus, das darf ruhig etwas kosten. Und die Kleider, die Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler über den Laufsteg schweben ließen, verlangen dank vieler handgearbeiteter Details nach himmlischen Preisen. Die Göttinnen-Gewänder bestehen eben nicht nur aus edler Einfalt und stiller Größe: Allein in einem Brautkleid, so erklärt Alexandra Fischer-Roehler nach der Schau, stecken 100 Stunden Arbeit und 60 Meter Stoff.
Die beiden Modemacherinnen sind intelligent genug, den bei Hochzeitskleidern fast unvermeidlichen Gefühlskitsch zu meiden. Die Schau begann also mit einer schwarzgekleideten Braut, die zu Rammstein-Klängen sinister ein Weihrauchfass schwenkte. Der Schwarz-Weiß-Kontrast blieb den plissierten und teils aufwendig mit Tüllblüten bestickten Kleidern erhalten. Die dunkle Seite lässt tiefenpsychologisch erahnen, dass die beiden Designerinnen sich nicht vereinnahmen lassen wollen durch die Braut, die sich nichts traut: Sie möchten nicht nur Uptown sein. Das Weiß muss gebrochen sein wie die Romantik bei Rammstein. Alles andere wäre wohl reiner Kitsch.
Ohne solche Spannungen verlieren die Kollektionen, wie man bei „Don’t Shoot the Messengers“ sieht. „Wir haben eine starke und eine weiche Seite“, sagte Jen Gilpin, eine Hälfte des Labels, bei der Präsentation. Die Designerin meinte damit natürlich keine qualitativen Gegensätze in ihrer zwei Jahre alten Marke, sondern die ästhetische Ausrichtung.
Für den Herbst konzentrierte sich das Duo mit einer Serie schwarzer Kleider, mal mit ellipsenförmigen oder Criss-Cross-Ausschnitten, mal mit Federbesatz, besonders auf die weibliche, weiche Seite. Flach blieb dabei leider der Rest der Kollektion. Aus der Inspiration der indonesischen Ureinwohner auf den Mentawai-Inseln zog „Don’t Shoot the Messengers“ wenig Inhalt. Lederbesätze und Blitze von Edelstein-Farben standen leer im Raum – sie rechtfertigen jedenfalls nicht den Hype, den es zur Zeit um das Label gibt.
Karlotta Wilde kann man förmlich dabei zusehen, wie sie ihr Label aufbaut. Die Siebenundzwanzigjährige zeigte nun zum zweiten Mal auf der „Mercedes-Benz Fashion Week“ und tastete sich vor einem clean gehaltenen Hintergrund mit spannenden Details wie offenen Rückenschlitzen, grellgrünen Neonknopfleisten oder extra breiten Schulterpolstern weiter an das heran, was einmal den typischen Stil ihrer Marke ausmachen soll. Ist das zu langfristig gedacht für die kurzlebige Modeindustrie? Zu aufwendig für die Billig-Mentalität der Deutschen? Die Begeisterung bei den Fans ist jedenfalls groß. „Sich weiter zu beweisen“, sagt Karlotta Wilde illusionslos, „ist aber eine Kunst.“
An der hohen Kunst, eingeführte Marken weiterzuentwickeln, üben sich Hugo, die junge Line aus dem Hause Boss, und Rena Lange, die klassische Marke aus München. Hugo bestach mit klaren Grafiken, die entfernt an Art-Déco-Muster erinnerten, mit wieder mal dynamischen Farben wie einem kräftigen Orange und originell um die Hüfte drapierten Oberteilen. Röcke in unvorteilhafter Wadenlänge dagegen werden nicht zum Trend, und hängende Hosen sind ja sogar in Mitte langsam out. Man sah sie übrigens auch nicht später beim Boss-Dinner, dem zweiten gesellschaftlichen Höhepunkt der Modewoche nach der „Vogue Night“ vom Mittwoch. Denn welche Marke bringt es ansonsten fertig, Olivia Palermo und F.C. Gundlach, Klaus Wowereit und Julianne Moore, Bryanboy und Vicky Leandros an einen Tisch zu setzen?
Bei Rena Lange begannen die Schwierigkeiten mit der ersten Reihe. Nora von Waldstätten und Eva Padberg sahen in ihren Rena-Lange-Kleidern so umwerfend aus, dass die neue Kollektion um so schärfer dagegen abfiel. Hat Designer Karsten Fielitz etwa der Mut verlassen? Wiegte er sich durch die aufwendige Verarbeitung in Sicherheit? Irgend etwas stimmte jedenfalls nicht. Die floralen Muster des ersten Bilds wirkten allzu brav. Die applizierten goldenen Herzchen auf neckischen Blusen verfehlten den Witz. Die teils strukturierten und mit Cut-outs aufgeschlitzten schweren Stoffe wirkten – schwer. Da übersah man dann schon fast schöne Kombinationen wie die übergroßen Ponchos zu schmalen Röcken.
In der mühsamen handwerklichen Arbeit am Produkt setzt Rena Lange in Deutschland jedenfalls Maßstäbe – junge Marken wie Kaviar Gauche oder Perret Schaad möchten da nicht nachstehen. Johanna Perret und Tutia Schaad arbeiteten mit ihrem kleinen Team jedenfalls tagelang an einer Jacke und einem Rock aus Lamm-Nappa: Sie wattierten, fütterten, unterfütterten und stickten Kreuze in das dicke Material, so dass viele kleine Krater entstehen wie bei einem schönen alten Chesterfield-Sofa. Show Pieces, klar. Aber auch der Rest der Kollektion zeigte eine Liebe zum Detail und ein gutes Auge für Farben und Formen. Von mattem Zypressengrün wussten wir bis Donnerstagabend noch nicht einmal, dass es das gibt. Die kurvenreich verlaufenden Reißverschlüsse sind einfach nur rasant. Die komplexe Klarheit dieser Mode scheint aus höheren Sphären zu kommen – und landet hoffentlich bald auch in deutschen Geschäften.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
Jüngste Beiträge