19.01.2012 · Fragen über Fragen bei der Modewoche in Berlin: Warum erscheint die Chefredakteurin einer Modezeitschrift mit Bommelmütze, Pelzmantel und Trainingshose? Warum hat eine andere „wieder Anlass, sich zu ärgern“? Und: Ist Berlin nun wirklich eine Mode-Hauptstadt?
Von Alfons Kaiser und Jennifer WiebkingKaum hatte die Modewoche am Mittwochmorgen begonnen, gab es die ersten Misstöne. Die Frage, ob Berlin nun eine Mode-Hauptstadt ist, wird erst am Abend, also am Ende dieses Artikels, beantwortet. Daher hatte man tagsüber viel Zeit, über eine ungleich wichtigere Frage zu diskutieren. Wie also konnte „Instyle“-Chefredakteurin Annette Weber zu, ausgerechnet, Escada Sport mit Bommelmütze, Pelzmantel und rosafarbener Trainingshose erscheinen? Der Hinweis, sie sei gerade vom Flughafen gekommen, ließ die Debatte auf dem Blog Modepilot nicht erlahmen. „Peinlich“, „bescheiden“, „schlimm“, meinten die Leser. Und Marie kommentierte entgeistert: „Yeti meets Neon, meets Peru, meets Zwergnase.“
Da musste die Bloggerin mit einem Kommentar dazwischengehen: „Jetzt seid´s halt nicht so spießig!“ Und wirklich: Sollte man sich nicht auch mal freuen, wenn eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Mode entspannt auftritt? Sollte nicht gerade Berlin die sonst meist etwas angestrengten Münchnerinnen auflockern? Und, hey, ist nicht gerade das Unverständliche cool? Sollten wir uns nicht alle freuen, wenn aus der glamourgestählten „Instyle“-Redaktion am Arabellapark, wo nur der männliche Bürobote auf High-Heels verzichten darf, die Botschaft in Richtung Berlin nun lautet: Man kann den Ball und die Sohlen auch mal flach halten?!
Berlin nämlich hat zugleich belebende und entspannende Wirkung auf die Mode, wie Annette Weber als eine der viel zu wenigen Yetis dieser Branche erkannt hat. Bei Escada Sport sah man das noch nicht so richtig, die kommen aber eben aus München. Die Vergangenheit scheint es der Marke angetan zu haben. In der letzten Saison schaute sie tief in die Siebziger hinein. Für den nächsten Herbst bricht Designerin Madeleine Schäfer nun in der ersten Schau des ersten Tags der Modewoche zu einer Zeitreise durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Nach einem brav schwingenden, hoch taillierten Rock wie aus den Fünfzigern ging es dann richtig los mit dem Spiel der Referenzen. Minikleider mit Plisseefalten im Stil der Sechziger, Senftöne und Flower-Power-Muster aus den Siebzigern. Seegrüne Samtanzüge trugen böse Achtziger-Jahre-Erinnerungen in das Jahr 2012, hatten dann aber Hosensäume, die kurz über dem Knöchel abschlossen, und schwups, schon war man zurück in den Fünfzigern. Ein roter Grunge-Mantel wie aus den Neunzigern fiel so lässig wie Kurt Cobains Flanellhemden von damals. Umgekehrt passte eine schwarze Bluse zu den Blazer-Jacken einer Neunziger-Jahre-Geschäftsfrau. Alles schon verdammt lang her.
Livia und Christine von Mongrels durchbrechen mit einer schwarzen Serie und starken Drucken die aufkommende Lieblichkeit mancher Jungdesigner-Kollektionen. Und Lala, wie ihre Freunde Leyla Piedayesh einfach nennen, ging, wie sie sagt, „zurück zu den Wurzeln“ und brachte viel Strick. Die starken Muster ihrer frühen Palästinensertücher ließ sie einfach eine Etage tiefer rutschen – und siehe da, das Muster hat auf Kleidern, Röcken, Pullovern noch einmal eine ganz andere Wirkung. Auffällig, aber wir sind hier eben nicht in der cremefarbenen Fraktion, wir sind in Berlin.
Und nebenbei auch in Paris, zumindest bei Lena Hoschek, wo französische Lebensart auf den Laufsteg kam. Chansons, Schluppenblusen, A-Linien-Röcke, Baskenmütze: voilà! Es ging zu wie am Set von Woody Allens etwas langatmigem Film „Midnight in Paris“. Und wirklich, auch bei Lena Hoschek hätte man kürzen können. Mehr Lokalkolorit brachte das sechs Jahre alte Label JuliaandBen, wie man schon an Kleinigkeiten wie einem Batik-Druck erkennt. Immer wieder taucht bei der Präsentation ein Muster auf, das an unverputzte Wände in einem unsanierten Berliner Haus erinnert – auf gerippten Strickpullis, knöchellangen Kleidern, festen Wollhosen und dünnen Leggings. Das war’s dann aber auch schon mit der groben Schlamper-Ästhetik, die größten Hingucker waren gleichzeitig die anständigsten. Knöchellange Seidenkleider ließen nicht mehr als Trippelschritte zu, der kamelfarbene Wintermantel des Labels wäre eine vernünftige Wahl, eine Lederclutch für Männer, mit einem Spiraleinband zusammengehalten, könnte so auch unterm Arm zur Humboldt-Universität geschleppt werden.
Mädchen-Gothic – viel Schwarz mit feinen Stickereien – ist das Markenzeichen von Augustin Teboul, jetzt in der dritten Saison. In einer Berliner Galerie mit Rohbau-Charme zeigten die Designerinnen Odély Teboul und Annelie Augustin im Detail noch mehr Sicherheit mit Stickereien. Die Arbeitsintensität der beiden, das deutsche Pendant zur amerikanischen Marke Rodarte, zeigte sich nicht nur im Handwerk der Kollektion, sondern auch auf Odélys Unterarm. Das vermeintliche Tattoo war eine lange To-Do-Liste, die sich die Designerin kurzerhand auf den Unterarm gekritzelt hatte. „Meine Fashion-Week-Liste“, sagt sie später auf der „Vogue“-Party. „Jetzt ist alles durchgestrichen.“
Es hätte also alles so schön enden können an diesem ersten Tag, Ton in Ton gewissermaßen. Champagner bis zum späten Abend bei der „Vogue“, Bier bis zum frühen Morgen bei der Party des „Zeit-Magazins“. Karl-Heinz Müller, noch so ein Yeti der Branche, meint in der Nacht zum Donnerstag zufrieden und überrascht: „Dieser Winter toppt noch den letzten Sommer“ – obwohl der Sommer auch noch die Freiflächen für seine Messe „Bread & Butter“ am Flughafen Tempelhof bereithielt. Anita Tillmann von der Messe „Premium“, bei der die Gäste lange vor der Eröffnung am bitterkalten Morgen draußen Schlange standen, nennt sich angesichts des Erfolgs glücklich „tiefenentspannt“. Und Daniel Aubke vom Schauenveranstalter IMG spricht von seinem „Luxusproblem“, viele Bewerber um die Schauenplätze abweisen zu müssen.
Es hätte also alles in champagnerseliger Harmonie enden können. Doch dann kamen (nach der „Instyle“) auch noch bei der „Vogue“ Misstöne auf. Chefredakteurin Christiane Arp meinte zur Begrüßung der Gäste sibyllinisch: „Auch heute hatte ich wieder Anlass, mich zu ärgern.“ Und das war wirklich freundlich ausgedrückt. Denn sie meinte, wie die Gäste nicht erfuhren, das Modewochen-Bashing in der „taz“ des Tages („Weniger sexy war nie“). Besser hätte sie vielleicht das Wort in den Mund genommen, das sie vor einem Jahr aus Anlass eines ebenso seltsamen „Spiegel“-Artikels verwendete. Aber „Scheiße“ wäre, andererseits, für den aktuellen Artikel ein zu nettes Wort gewesen. Und allzu nett will man in der Mode ja auch nicht sein.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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