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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Berliner Mauer Mörderische Etappen der Grenzsicherung

09.11.2004 ·  Der Mauerbau zerstörte seine Existenz. Er wollte in den Westen fliehen und bezahlte für seinen Traum mit dem Leben: Günter Litfin starb als erstes Opfer an der Mauer.

Von Jochen Staadt, Berlin
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Vor fünfzehn Jahren fiel die Mauer - vor mehr als vierzig Jahren fielen die ersten Schüsse. Nach einem formellen Beschluß des SED-Politbüros wurde schon wenige Tage nach dem Mauerbau zum ersten Mal auf einen Flüchtling geschossen. Als sich Konrad Adenauer am 22. August 1961 vor dem Brandenburger Tor über die neue Situation in Berlin informierte, leitete zur gleichen Zeit nur knapp zwei Kilometer weiter die SED-Führung eine verhängnisvolle Entwicklung ein.

Die Spitzenfunktionäre um Walter Ulbricht trafen an diesem Tag zur ersten regulären Politbürositzung nach der Grenzschließung zusammen und zogen Bilanz: "Tag X" war gut verlaufen. Ost-Berlin war mit Stacheldraht eingezäunt. Der "pioniermäßige Ausbau" der Grenzanlagen ging zügig voran. Walter Ulbricht legte dem Politbüro zunächst eine Protesterklärung gegen den Berlin-Besuch des amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson zur Abstimmung vor. Darin hieß es, dieser Besuch und die demonstrative Verstärkung der amerikanischen Truppen in West-Berlin seien Beweise dafür, "daß Westdeutschland und Westberlin Besatzungsgebiet und Westberlin keine freie Stadt ist". In Verkennung der Lage rief die SED-Führung dazu auf, "in Westdeutschland für die Freiheit Westdeutschlands von den Besatzungstruppen zu demonstrieren", und zwar unter der Losung: "Ami go home".

Durch Anwendung der Waffe zu Ordnung gerufen

Formal entschied das SED-Politbüro sodann "die vorgesehenen Maßnahmen" zum "Übergang von der 1. Etappe zur 2. Etappe der Grenzsicherung". Aus der erläuternden Anlage zum Beschluß, die Walter Ulbricht verfaßt hatte, geht hervor, was die "2. Etappe" bedeutete. "Nach der verleumderischen Rede Brandts" - gemeint war der Appell "Schießt nicht auf die eigenen Landsleute" des Regierenden Bürgermeisters von Berlin an die DDR-Grenzer - sollte SED-Propagandachef Albert Norden dafür sorgen, "daß durch Gruppen, Züge oder Kompanien schriftliche Erklärungen abgegeben werden, um was es geht, und daß jeder, der die Gesetze unserer Deutschen Demokratischen Republik verletzt, auch wenn erforderlich, durch Anwendung der Waffe zu Ordnung gerufen wird". Zusammen mit diesen Erklärungen sollten auch Fotos derjenigen Angehörigen der "bewaffneten Kräfte" veröffentlicht werden, die sich zum Schußwaffengebrauch bekannten.

Albert Norden holte sofort nach der Politbürositzung von mehreren Einheiten an der Sektorengrenze entsprechende Selbstverpflichtungen ein. Den Text der "freiwilligen" Erklärungen hatte Norden eigenhändig verfaßt. Sie richteten sich in der Form eines "Offenen Briefes" an Willy Brandt, als dessen Anschrift "Verwaltungsleiter, z. Z. (noch) Rathaus Schönberg" angegeben war.

„Ein Akt höchster Menschlichkeit“

Im ersten Abschnitt eines solchen von der "Einheit Heymann" einstimmig angenommenen Schreibens an Brandt hieß es: "Obwohl Sie für ein Gespräch über Gewissen, Ehre, Menschlichkeit und Vaterlandsliebe nicht gerade der geeignete Partner sind, veröffentlichen wir diesen offenen Brief - nicht in der Hoffnung, Sie zu diesen Tugenden zu bekehren, wohl aber für Augen, Ohren und Verstand jener, denen Sie mit Ihrem verleumderischen Geschwätz über Charakter, Zweck und moralische und militärische Stärke der bewaffneten Organe der DDR Sand in die Augen streuen wollen.

Der Schutz des Friedens und die Aufgabe, Kriegsbrandstifter zu zügeln, ist ein Akt höchster Menschlichkeit. Dem Vaterland den Frieden zu retten ist das Gewissenhafteste, was es gibt. Und den größten Gefallen, den man unserem sozialistischen Staat, aber auch unseren Brüdern und Schwestern in Westberlin und Westdeutschland tun kann, ist es, gesinnungslosen Lumpen wie Ihnen übers Maul zu fahren, wenn sie sich zu mucken wagen."

Die "Einheit Heymann" erklärte, "daß wir nicht zuletzt hier sind, um die Einhaltung der Gesetze der DDR zu sichern, und wenn es erforderlich ist, durch Anwendung der Waffe diejenigen zur Ordnung zu rufen, die diese Gesetze der Arbeiter-und-Bauern-Macht mit Füßen treten wollen". Am Ende des Briefes wurde Willy Brandt aufgefordert: "Machen Sie das einzige, was Sie den Berlinern Gutes tun können: Treten Sie ab!" Diese und ähnliche Erklärungen anderer Volkspolizeieinheiten veröffentlichte das "Neue Deutschland" am 23. August. Daneben Fotos von Grenzsoldaten, die zustimmend ihre Hände hoben.

Das erste Opfer

Am 24. August 1961 um 16.10 Uhr erhielt der Stellvertretenden Innenminister der DDR, Stabschef Generalmajor Willi Seifert, folgende Meldung mit der Nummer 156: Ein Sicherungsposten der Transportpolizei habe "von der S-Bahn-Brücke, die sich kurz vor dem Lehrter Bahnhof befindet, eine im Wasser schwimmende Person, die die Republik verlassen wollte, erschossen. Die Person ging nach Abgabe des Schusses unter. Vermutlich handelt es sich um eine Person aus der Charité."

Zwei Stunden später, um 19.55 Uhr, informierte die Meldung Nr. 157 den Stabschef über den Tod des Flüchtlings: "Gegen 19.10 Uhr wurde die Leiche in der Nähe der S-Bahnbrücke Humboldthafen geborgen. Name: Litfin, Günter, 19. 7. 37 Bln.-Weißensee, Heinersdorfer Str. 32. Diese Person hat versucht, die Spree zu durchschwimmen, und wurde noch am Spreeufer von den Transportpolizisten gewarnt. Nachdem die Person in die Spree gesprungen war, wurden von den Genossen Warnschüsse abgegeben und danach Sperrfeuer gegeben. Als die Person ca. 10 m vom Ufer des demokratischen Berlin entfernt war, sackte sie ab, vermutlich infolge eines Treffers."

Erinnerung an alle Opfer

Günter Litfin wurde im Alter von 24 Jahren das erste Opfer des Schießbefehls. Der Schneider aus Weißensee arbeitete in einem West-Berliner Modeatelier und hatte sich dort bereits eine Wohnung gesucht, um den Ost-Sektor zu verlassen. Der Mauerbau zerstört seine Lebensplanung. Litfin war wie sein Vater und seine beiden Brüder Mitglied des illegalen CDU-Kreisverbandes Weißensee, der sich zur West-CDU bekannte und die Eingliederung der Ost-CDU in die "Nationale Front" unter Führung der SED ablehnte.

Das Zentralorgan der SED, "Neues Deutschland", verhöhnte wenige Tage später den Ermordeten mit den Worten: "Als der Zuhälter Horst Wessel bei der Ausübung seines nicht ungefährlichen Berufs zu Tode kam, wurde er zum geeigneten Objekt nazistischer Heldenverehrung. Warum soll also der Homosexuelle mit dem Spitznamen ,Puppe', der in den Humboldthafen sprang, nicht zum Heros der Frontstadt werden? Jeder soll die Helden haben, die er wert ist."

Nach Günter Litfin ist heute in Weißensee eine Straße und in Berlin-Mitte eine Gedenk- und Informationsstätte benannt, die sich in der Kieler Straße 2, dem einzigen noch begehbaren Wachturm einer ehemaligen Grenztruppenführungsstelle, befindet. Sie entstand vor allem durch die Initiative des jüngeren Bruders Jürgen Litfin, um die Erinnerung an alle Opfer des DDR-Grenzregimes wachzuhalten. Ihre genaue Zahl kennt man bis heute nicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004, Nr. 262 / Seite 9
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