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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Jugendliche Bloß keine Schwäche zeigen

12.03.2006 ·  Ein schräger Blick, und schon folgen Drohungen, Angst, vielleicht Gewalt. Der Umgang unter Jugendlichen wird rauher, Konflikte werden selten allein mit Worten gelöst. Ein Bericht aus Berlin von Julia Schaaf.

Von Julia Schaaf, Berlin
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Einen Moment lang sah es bedrohlich aus. Gropiusstadt, Berlin-Neukölln: Am U-Bahnhof Wutzkyallee pfeift der Wind über einen langgezogenen Platz. Häusertürme, die gerne 14, hier und da auch 22 Stockwerke hoch sind, überragen ein mickriges Einkaufszentrum. Vorstadt-Tristesse, scheinbar prädestiniert für Randale. Wenn die Schüler der Umgebung in einer Art Völkerwanderung den Heimweg antreten, belebt sich der Betonplatz für einen Moment.

Auch an jenem Februardonnerstag, als eine Schulleiterin die Polizei alarmierte, weil Gerüchte von einer bevorstehenden Schlägerei kursierten, kamen hier an die zweihundert Jugendliche zusammen, Pendler, Schaulustige, vielleicht ein paar Krawallbrüder. Die erwarteten Aggressoren jedoch seien nicht aufgetaucht, sagt später einer der beiden Jungen, denen die Polizei Waffen abnahm. Rasch ließ sich die Menge auflösen.

„Das sind keine potentiellen Gewalttäter“

„Es war keine Massenschlägerei“, schimpft Andreas Retschlag, Leiter des zuständigen Polizeiabschnitts, über die Hysterie der Medien. „Es war eigentlich eine banale Geschichte.“ Nichtsdestotrotz hat ihn die Sache bewegt. Er hat die Waffenbesitzer persönlich gesprochen: freundliche, intelligente, junge Männer aus stabilem Elternhaus, frei von jeglicher Frustration und voller Optimismus für die anstehende Ausbildungsplatzsuche. Der eine sei zur Strafe mit einem väterlichen Fußballverbot belegt worden. Der andere habe kräftig Schelte bekommen. Retschlag sagt: „Das sind keine Leute, die regelmäßig in der Schule auffallen. Das sind keine potentiellen Gewalttäter.“ Trotzdem hatten die Jungs einen Baseballschläger und ein Schlachtermesser bei sich.

Polizisten, Lehrer und Sozialarbeiter in der Gropiusstadt äußern Sorge. Den Praktikern geht es nicht um Jungkriminelle, die sich zu Banden zusammenschließen, mit Straßenraub auffallen oder sich als Schläger profilieren. Sie stellen bei den ganz normalen Zwölf- bis Achtzehnjährigen Veränderungen fest. Der Anteil latent aggressiver Schüler sei in zehn Jahren von einem auf zwei Drittel gestiegen, schätzt Hiltrud Rothaus, Rektorin der Helmholtz-Oberschule. „Die Verrohung hat deutlich zugenommen“, beobachtet Polizeioberrat Retschlag. Er nennt das: „Verschiebung der Seelenachse“.

„Ich wußte nicht, was ich machen soll“

Die Helmholtz-Oberschule genießt auch bei Schülern einen guten Ruf. Im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes hängen Kinderfotos des Kollegiums, die signalisieren: Wir waren auch mal jung. Die Pforten der Schule sind meistens abgeschlossen, um Störenfriede fernzuhalten. Das Gebot der Gewaltfreiheit ist ausdrücklich in der Schulordnung verankert. Zwei Lehrer sind stundenweise vom Unterricht befreit, um als Mediatoren zu wirken, sprich: um jedem Streit schon im Ansatz nachzugehen, um die Hintergründe aufzuklären und die Zankhähne miteinander auszusöhnen.

Deshalb saßen auch die Protagonisten der geplatzten Prügelei am U-Bahnhof schließlich Klaus Werner gegenüber. Wie üblich ließ der Mediationslehrer die Schüler erst mal die Ereignisse aufschreiben - das beruhigt die Gemüter. Jetzt liest der Dreiundsechzigjährige aus den Protokollen vor: „Ich hatte Angst und wußte nicht, was ich machen soll. Ich habe einen Schläger mitgenommen und habe es im Park hingelegt“, notiert der Siebzehnjährige, der mit der Baseballkeule erwischt worden ist.

Der Grund des Schlamassels: „Angucken“

Und sein Freund hält fest: „Also . . . Die rufen halt immer auf mein Handy an und bedrohen mich. Ich hab halt Angst, daß . . . ich . . . abgestochen werde.“ Der breite Rand zwischen Text und Blattkante verschiebt sich mit jeder Zeile, die blauen Kulibuchstaben neigen sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Werner erzählt: Der junge Türke hatte offenbar schon seit dem Sommer Ärger mit einem Jungen aus einer anderen Schule, der ihm die Freundin ausgespannt hatte. Der Grund des Schlamassels: „Angucken“, sagt der Lehrer lapidar.

Das trifft den Kern der Sache. Ein Blick wird Ursache für eine Verkettung von Drohungen, Angst und potentieller Gewalt. Der Anlaß ist austauschbar und in der Regel belanglos: Jemand hat schief geguckt oder einen blöden Spruch gemacht oder aus Versehen die Freundin angequatscht oder einen Schneeball zu fest geworfen oder nicht rechtzeitig den Weg freigemacht.

„Ich gehe Gymnasium“

Aber die Nichtigkeit eskaliert, weil sie als Beleidigung mißverstanden wird, weil ein Wort das andere gibt, der erste schubst, der nächste haut, und wenn sich dann die Clique einmischt, die Jugendliche in diesem Alter und Milieu so zuverlässig begleitet wie Turnschuhe, teure Handys und ein gewisses rauhbeiniges Getue, ufert der Streit aus. Fehlt bloß noch, daß jemand ein Messer dabeihat.

„Die Jugendlichen, mit denen wir zu tun haben, lernen zu Hause nicht mehr, wie man einen Konflikt vermeidet oder ihn löst“, sagt Schulleiterin Hiltrud Rothaus. Das fängt bei der reduzierten Stakkato-Sprache an, die nicht nur unter Hauptschülern und Ausländerkindern um sich greift: Wer systematisch auf Artikel und Präpositionen verzichtet (“Ich gehe Wutzkycenter“, „Ich gehe Gymnasium“) und qua Plural-S dekliniert (“Opfers“, „Arabers“), tut sich schwer, einen Streit mit Worten beizulegen.

„Unter Freunden sagt man das immer“

Vor allem aber schildern Lehrer und Sozialarbeiter eine neue Explosivität. „Die sehen rot und gehen aufeinander los“, sagt die Leiterin eines Jugendclubs und berichtet von Fällen, in denen selbst ältere Freunde die Kontrahenten kaum zurückhalten können. Besonders brisant: Jeder Fall, in dem die Familie beleidigt wird. Weil die Mutter heilig ist, darf eine Beschimpfung wie „Hurensohn“ mit jeder denkbaren Brutalität geahndet werden. Ähnlich wie der Sprachcode färbt dieser Ehrenkodex mittlerweile von ausländischen Jugendlichen auf die deutschen Klassenkameraden ab. Sozialarbeiter Christian Bolz spricht von einem „gegenseitigen Assimilieren“.

Bolz leitet das Jugend- und Kulturzentrum Wutzkyallee, wo es eine „Technikgruppe“ gibt, die bei den Konzert- und Diskoveranstaltungen des Zentrums Licht und Ton verantwortet. Jugendhäuser haben tendenziell eine eher schwierige Klientel, aber wer Lautsprecher schleppt und Scheinwerfer setzt, übt sich in Zuverlässigkeit und ist auf dem besten Weg, sein Leben zu meistern. Interview mit der Technikgruppe, sieben Jungs flegeln sich um einen Tisch und erklären ihre Welt: „,Iih, du Opfer' - ,du scheiß Kanacke'“, ruft ein bulliger Blonder mit roten Wangen und Grübchen, „,halt die Fresse, du Spast': So was ist Umgangssprache. Unter Freunden sagt man das immer.“

Markige Sprüche und ruppiges Auftreten

Normale Härte. Sie alle sind schon mal „abgezogen“ worden, also anderen zum Opfer gefallen, die ihnen Handy oder Markenfeuerzeug geraubt haben. Viele besitzen einen Totschläger, ein Messer, eine Gaspistole. Warum? „Einfach so.“ Der 16 Jahre alte Blonde sagt: „Man will schon so den Macker machen vor seinen Freunden.“ Ein Abiturient berichtet von einem Mitschüler, der sich als Opfer für Gemeinheiten geradezu angeboten habe. Der Junge habe sich mit den Worten vorgestellt, er sehe gern die Tagesschau und die Sendung mit der Maus. Die Technikgruppe grölt. Der Blonde brüstet sich, er habe bei ähnlicher Gelegenheit Punkte gesammelt, indem er verkündete, er möchte Hobby und Beruf verbinden: Er gammele gerne und wolle Hartz-IV-Empfänger werden.

Markige Sprüche und ruppiges Auftreten fallen in einem bestimmten Alter in die Kategorie „männliches Imponiergehabe“, das galt schon für frühere Generationen. Aber Beate Köhler, polizeiliche Präventionsbeauftragte unter anderem in der Gropiusstadt, weiß aus Anti-Gewalt-Trainings, wie schwer es Schülern derzeit fällt, diese Muster zu verlassen. Ausweichen oder nachgeben sind Zeichen von Schwäche, und die Gruppendynamik schürt die Gefahr, das Gesicht zu verlieren. Da bleibt nur die Flucht nach vorn. Köhler spricht von der Hemmschwelle, die sinke, während die Gewalt in den Familien und den Medien wachse. „Sie akzeptieren das als normal“, sagt Köhler. „Gewalt gehört dazu.“

„Das ist eine gesellschaftspolitische Frage“

Das ist mehr als die übliche Schelte Erwachsener gegen niveauloses Nachmittagsfernsehen und brutale Videospiele. Denn wie wirkt sich das aus, wenn Jugendliche wetteifern, wer den grausamsten Kurzfilm, das blutigste Video im Handy gespeichert hat? Sozialarbeiter Bolz spricht von „visuellen Mutproben“. Anfänger laden sich Hinrichtungsszenen aus dem Internet herunter. Fortgeschrittene filmen selbst, wenn sich vor ihren Augen jemand vor die U-Bahn stürzt.

Der Umgang mit den neuen Medien habe sich verselbständigt, warnt Schulleiterin Rothaus und meint eine neue, vermittelte Form der Kommunikation: Chatforen im Internet haben eine solche Bedeutung für die Jugendlichen erlangt, daß auch Beleidigungen und Sticheleien auf diesem Weg die Runde machen - einerseits anonym, andererseits öffentlich. „Da steckt ein unheimliches Gewaltpotential hinter.“ Wenn sich immer mehr Jugendliche beteiligt fühlen, ohne die Wurzel der Aggression zu kennen, und sei es nur aus Sensationslust, entsteht eine Art Selbstläufer. Diese unberechenbaren Konflikte schwappen in die Schule hinein. „Das kann man nicht mehr mit ein paar Mediationsstunden lösen“, sagt Rothaus. „Das ist eine gesellschaftspolitische Frage.“

Neues über Jugendgewalt

Der große Versachlicher aller Kriminalitätsdebatten, Christian Pfeiffer, hält das Gerede von „sinkenden Hemmschwellen“ für Unsinn. Die Zahl der Übergriffe mit Verletzungsfolgen an Schulen sei seit 1998 um zirka ein Drittel zurückgegangen, sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Diese Entwicklung hängt mit einer Abnahme innerfamiliärer Gewalt zusammen, wie eine Studie belegt, die Pfeiffer diesen Monat vorstellen will. Allerdings deckt die „Schülerbefragung 2006“ regionale Unterschiede auf.

Weil sich die schulische Integration der Aussiedlerkinder, nicht aber der Türken verbessert hat, ist es möglich, daß ein Bezirk wie Berlin-Neukölln mit wenigen rußlanddeutschen, aber vielen türkischen Schülern weniger von dem Trend profitiert. Die Studie identifiziert eine Kopplung von elterlicher Gewalt, Medienkonsum und Gewaltbereitschaft, von der Ausländerkinder stärker betroffen sind. Inwiefern Schüler Opfer von „Happy Slapping“ werden, also bei Übergriffen gefilmt und so doppelt gedemütigt werden, läßt Pfeiffer derzeit zusätzlich untersuchen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.03.2006, Nr. 10 / Seite 63
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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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