30.07.2005 · Bis Montag morgen werden am Lehrter Bahnhof vier 70 Meter hohe Stahltürme wie eine Zugbrücke heruntergelassen - der Spielraum zwischen den beiden Bügelbrücken beträgt nur zwei Zentimeter. Doch erst ab Mai 2006 soll der neue Hauptbahnhof den Bahnhof Zoo ersetzen.
Von Kerstin Schwenn, BerlinBerlin hatte nie einen Hauptbahnhof. Strahlenförmig liefen im 19. Jahrhundert die Gleise aus den verschiedenen Himmelsrichtungen auf das Stadtzentrum zu, doch die Züge der privaten Eisenbahngesellschaften fanden keine gemeinsame Mitte. Damals endeten die Züge aus Hamburg und Bremen am Hamburger Bahnhof, die Züge aus Lehrte (Hannover) am Lehrter Bahnhof, aus Dresden am Anhalter Bahnhof, aus Stettin und Rostock am Stettiner Bahnhof, aus Frankfurt (Oder) am Schlesischen Bahnhof, aus Görlitz am Görlitzer Bahnhof und aus Potsdam und Magdeburg am Potsdamer Bahnhof. Zumeist waren das Kopfbahnhöfe, die außerhalb des Stadtzentrums lagen. Ende des 19. Jahrhunderts verband schließlich der S-Bahn-Ring die wichtigsten Fernbahnhöfe.
Berlin hatte ebensowenig einen Hauptbahnhof wie London und Paris. Aber das soll sich ändern (siehe auch: Berlin: Stahltürme zu Brücken). Am 28. Mai 2006, kurz vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft, soll der Lehrter Bahnhof als neuer Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt eröffnet werden. Im Neunzig-Sekunden-Takt sollen Züge nach West und Ost, Nord und Süd fahren. Der Name "Hauptbahnhof" soll sich dann - so wollen es die Lokalpolitiker und Bahnchef Hartmut Mehdorn - eingebürgert haben.
Berlin als „kontinentale Bahnmetropole“
Seit 2002 wird er schon für den S-Bahn-Haltepunkt benutzt. In Anbetracht ihres Vorzeigevorhabens schwelgt die Deutsche Bahn in Superlativen: Der Lehrter Bahnhof sei der größte und modernste Kreuzungsbahnhof Europas. "Der neue Hauptbahnhof", so hofft die Werbung der Bahn, "etabliert Berlin wieder als kontinentale Bahnmetropole."
Der alte Lehrter Bahnhof, 1871 eröffnet, wurde im Zweiten Weltkrieg 1943 durch Bomben schwer beschädigt. 1952 wurde der Verkehr dorthin fast ganz eingestellt, die Ruine des Prachtgebäudes sieben Jahre später gesprengt. Nur der Name des nahen Lehrter Stadtbahnhofs, Haltepunkt auf der Stadtbahnlinie, erinnerte noch an die Fernverkehrsvergangenheit. In der Aufbruchstimmung nach dem Fall der Mauer und der Vereinigung der beiden Stadthälften entstanden rasch die ersten Pläne für einen hauptstädtischen Verkehrsknoten. Vor zehn Jahren wurde auf dem Brachgelände in Berlins Mitte die Baustelle angelegt. Im September 1998 begann mit der Grundsteinlegung der eigentliche Bahnhofsbau.
Teurer als gedacht
Das Projekt - vom Gelände des Kanzleramts nur durch die Spree getrennt - wird mehr Geld verschlingen als gedacht. Von zehn Milliarden Euro Gesamtkosten für die Berliner Schieneninfrastruktur ist die Rede, davon angeblich allein 700 Millionen Euro für den Lehrter Bahnhof. Dessen Dimensionen bergen angesichts der heutigen Fahrgastzahlen Kapazitätsreserven für das nächste Jahrzehnt. Die acht Gleise der Nord-Süd-Verbindung liegen 15 Meter unter der Erde, die der 2001 fertiggestellten Ost-West-Trasse zehn Meter über der Erde, dazwischen Gewerbeflächen.
Durch das Glasdach soll Tageslicht auch die unteren Geschosse erhellen. Über die architektonische Gestaltung wird wohl bald vor Gericht gestritten. Der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan, von dessen Büro die Metall-Glas-Konstruktion mit "Kathedralen-Effekt" stammt, hat vor kurzem Klage gegen die Bahn eingereicht. Er sieht sein Urheberrecht verletzt und klagt, die Bahn habe seine Entwürfe für das Dach ohne seine Einwilligung verändert und dadurch entstellt.
Konsum auf 15.000 Quadratmetern
Eine Zäsur für die Errichtung des Renommierbahnhofs ist die Fertigstellung der sogenannten Bügelbauten, der beiden 46 Meter hohen Bürogebäude, die das Hallendach des überirdischen S-Bahnhofs wie Brücken überspannen sollen. An diesem Wochenende sollen sie in einer spektakulären Aktion auf das Dach geklappt werden. In die Büros einziehen werden die Bahn-Tochtergesellschaft DB Station & Service und ein Hotel.
Auf den verschiedenen Bahnhofsgeschossen sollen auf 15000 Quadratmetern Einzelhandelsgeschäfte, Serviceeinrichtungen und Gastronomie angesiedelt werden. Passagiere werden dort mehr Geld ausgeben, als sie für Zugfahrkarten aufwenden. Heute verdient die Deutsche Bahn bei ihren großen Bahnhöfen mehr mit Pachten und Mieten der Händler als mit den Stationsgeldern der Verkehrsunternehmen.
Bahnhof Zoo gibt Funktion ab
Einen Aufschrei verursacht (zumindest im Westteil Berlins) die Erkenntnis, daß mit der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs der Bahnhof Zoologischer Garten diese Funktion verlieren werde. Das führt zu verkehrlichen Veränderungen: So verlängert sich etwa die Fahrt des schnellen Zuges aus Hamburg, der seit dem Ausbau der Strecke nur noch eineinhalb Stunden braucht, um einige Minuten. Die West-Berliner Idee, zumindest jeden zweiten Hamburg-Zug am Zoo halten zu lassen, wird sich kaum verwirklichen lassen.
Nach dem Konzept der Bahn für die Fern- und Regionalstrecken, wegen der Anordnung der Trassen "Pilzkonzept" genannt, fahren die Züge aus Hamburg künftig über das Nordkreuz und nicht mehr auf der Ost-West-Trasse in die Stadt hinein. Auch der Ostbahnhof im Ostteil der Stadt, der bis nach Kriegsende Schlesischer Bahnhof und in den letzten DDR-Jahren Hauptbahnhof hieß und heute neben dem Zoo zweite zentrale Haltestelle für die Fernzüge ist, wird an Bedeutung einbüßen. Des einen Freud, des anderen Leid: Die Fahrzeit der Züge nach Süden verkürzt sich durch die neue Streckenführung. Der Zug nach Leipzig etwa wird dann nur noch 75 statt 90 Minuten benötigen.
Bahnhof der weiten Wege
Der Charme des Bahnhofs Zoo, der mit nur vier Fernbahngleisen von provinziellem Ausmaß ist, liegt für viele Pendler und Besucher in seiner günstigen Anbindung an das Berliner U-Bahn-Netz und der Einbettung in das lebendigste der verschiedenen Geschäfts- und Beherbergungszentren der Stadt. Um den Lehrter Bahnhof hingegen liegt das Land brach. Der "Bahnhof der kurzen Wege", von dem in den Bahn-Prospekten geschwärmt wird, gilt vor allem für die künstliche Bahnhofswelt.
Die Nahverkehrsanbindung läßt für den, der nicht mit der schnellen S-Bahn auf der Ost-West-Achse fahren will, zu wünschen übrig. Die geplante U-Bahn-Linie 55, die 2006 fertig werden soll, führt nur über den Reichstag zum Brandenburger Tor. Wer nach Norden oder Süden weiterwill, muß mit Bus oder Straßenbahn vorliebnehmen und umsteigen.
Reichstag in Sichtweite
Die Bahn kalkuliert am Lehrter Bahnhof mit 300.000 Passagieren und Besuchern am Tag - das sind Kunden, die am Kurfürstendamm und am Tauentzien fehlen werden. Der Handel befürchtet nicht von ungefähr erhebliche Umsatzeinbußen. Das französische Bahnunternehmen Connex hat angekündigt, in die Angebotslücke stoßen zu wollen, die die Deutsche Bahn am Zoo hinterläßt. Connex will Züge nach Hamburg und Sylt bereitstellen.
Doch drei Züge am Tag werden kaum ausreichen, um die Hoteliers, Gaststätten- und Ladenbesitzer in der West-City zu beruhigen. Neuankömmlinge werden noch auf absehbare Zeit im Niemandsland aussteigen müssen. Ein Stadtviertel muß dort, wo die Wunden des Krieges und der Teilung Deutschlands noch nicht ganz verheilt sind, langsam wachsen. Das Hauptstadtgefühl am Hauptbahnhof muß sich erst noch einstellen - auch wenn Reichstag und Kanzleramt in Sichtweite liegen.