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Berlin „Goya“ wankt, statt zu rocken

09.02.2006 ·  Der Berliner Nachtclub „Goya“ hat bereits neun Wochen nach seiner glanzvollen Eröffnung ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten. Nun versucht der Betreiber durch freien Eintritt und einen „offenen Brief“ Gäste anzulocken.

Von Sascha Lehnartz, Berlin
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Der Großraum-Nachtclub „Goya“ am Berliner Nollendorfplatz hat womöglich einen neuen Rekord im Produktsegment „Überambitionierte Erlebnisgastronomie“ aufgestellt: Von der glanzvollen Eröffnung bis zum Eingeständnis ernsthafter wirtschaftlicher Schwierigkeiten dauerte es ganze neun Wochen.

Peter Glückstein, Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft, die den Club betreibt, griff angesichts des ausbleibenden Gedränges auf den 2.600 Quadratmetern Vergnügungsfläche nun zu einer Werbemaßnahme, die man ungewöhnlich mutig oder aber verzweifelt nennen mag. In einem „offenen Brief“ spricht er von „Mißverständnissen und vorurteilshaften Sichtweisen“, die der „Startphase des Hauses zu schaffen machen“.

„Nächte der offenen Tür“ bei freiem Eintritt

Für potentielle Gäste habe sich eine „Hemmschwelle aufgebaut, einen Besuch zu wagen“, da auf breiter Basis der Eindruck entstanden sei, „Goya“ stünde nur für einen „engen Kreis von Gästen offen“. Um diese Mißverständnisse auszuräumen und um die scheinbar tanzmuffelige Berliner Klientel in sein Haus zu locken, sieht Glücksteins Krisenreaktionsplan für die nächsten zwei Wochenenden „Nächte der offenen Tür“ bei freiem Eintritt vor.

Marketingstrategisch handelt es sich bei dieser Aktion um einen Power-Slide, eine 180-Grad-Wende durch ruckartiges Anziehen der Handbremse bei durchgedrücktem Gaspedal. Denn angetreten war das „Goya“ mit dem Ehrgeiz, einen elegant-erwachsenen Kontrapunkt im Berliner Nachtleben zu setzen. Dieses spielt sich bislang fast ausschließlich zwischen ironisch aufgestellten Gebrauchtpolstermöbeln in rückbaubedürftigen postsozialistischen Restimmobilien ab. Es wird vorwiegend von Akteuren bestimmt, die Konzepten wie regelmäßiger Erwerbsarbeit oder gebügelter Abendkleidung gleichermaßen reserviert gegenüberstehen.

Zahlreiche „Ärzte, Anwälte und Psychoanalytiker“

Für die Verwandlung des 1906 erbauten Metropol-Theaters in seinen Traum von einem mondänen „Hauptstadtclub“, mit „Europas größter Cocktailbar“ für Leute, „die für Techno zu alt und für Tanztee zu jung sind“, hatte Glückstein, der in Berlin seit 1990 erfolgreich die „Bar am Lützowplatz“ betreibt, den Stararchitekten Hans Kollhoff gewinnen können. Finanziert wurde das rund elf Millionen Euro teure Projekt zu 80 Prozent durch Aktionäre, die sogenannten Goyaner. Nach Angaben von Glückstein haben inzwischen 2.700 Aktionäre Beträge zwischen 1.980 und 3.960 Euro bezahlt, unter ihnen einige Prominente, aber auch zahlreiche „Ärzte, Anwälte und Psychoanalytiker“.

Die Aktienpakete machen sie nicht nur zu Teilhabern, sondern sichern ihnen auch lebenslangen Eintritt und Zutritt auf den zweiten Balkon, der, wie es im Prospekt geschrieben steht, „nur den Aktionären vorbehalten ist“. In dieser illustren Gruppe findet man unter anderen Vadim Glowna, Thomas Kretschmann oder Rolf Zacher. Leider wurden diese oder andere Glamour suggerierende Besucher nach der dreitägigen Eröffnungssause Anfang Dezember weder auf dem zweiten Balkon noch auf der Tanzfläche in ausreichender Zahl gesehen. Und den Nicht-Aktionären, so vermutet Glückstein, erschien das ganze Konzept womöglich etwas abschreckend exklusiv. Man habe das Marketing bislang ausschließlich darauf ausgerichtet, Aktionäre zu gewinnen, hat Glückstein erkannt.

„Dann gehen wir baden“

Dabei seien „Hippies in Turnschuhen“ als Gäste ebenso willkommen wie „Anzugträger“ oder „Partypeople“. Um diese zu ermuntern, den Club zu besuchen, verfolgt Glückstein nun das, was er seine „Outing-Strategie“ nennt. Er räumt die Anlaufschwierigkeiten offen ein: „Wir brauchen für den Break-even etwa 4.000 Gäste am Wochenende. Am vergangenen Wochenende hatten wir 3.300, und das war noch eines unserer besten“, sagte Glückstein dieser Zeitung am Donnerstag. „Wenn sich das nicht verbessert, halten wir das noch ein Vierteljahr durch, aber dann gehen wir baden.“

Der Start sei zwar nicht katastrophal gewesen, aber doch „lauwarm“, sagt der Club-Betreiber. Dies liege vor allem daran, daß der Club in der Öffentlichkeit und hier besonders durch die Boulevardmedien in ein falsches Licht gerückt worden sei. „Wir sind ständig als Millionärsclub bezeichnet worden“, beklagt sich Glückstein, der aber auch eigene Fehler, etwa in der Öffentlichkeitsarbeit, nicht ausschließt. „Selbst Leute aus meinem Freundeskreis haben mich gefragt, ob ich sie vielleicht mal mitnehmen kann, weil sie dachten, sie kämen am Türsteher nicht vorbei.“ Schwächen, die man in den ersten Wochen des Betriebs ausgemacht habe, sollen nun behoben werden. „Wir werden die Akustik in Kürze verbessern“, gelobt Glückstein. Außerdem weicht er auf vielfachen Wunsch von seinem ambitionierten Konzept ab, das Haus die meiste Zeit mit ausgewählter Weltmusik zu beschallen. „Das ist den Leuten offenbar zu schlau.“

„Die Leute schreien halt eher nach Partymusik“

Man wolle die Weltmusik zwar nicht vollständig aufgeben, aber doch die Gewichtung ändern. Künftig werde es „weniger Indien, weniger Westafrika und weniger Balkan-Welle geben“, kündigt Glückstein an. „Die Leute schreien halt eher nach Partymusik.“ Also wird Glückstein, der Ende 1987 selbst als House-DJ begann, ihnen ein bißchen mehr Partymusik geben. Nicht ändern wird der „Goya“-Vorstand das gastronomische Konzept. Zu Beginn jedes Abends wird im Restaurant „Txoxo“ baskisch diniert, bevor die Tische dann der Tanzfläche weichen. Das Restaurant sei ständig ausgebucht, sagt Glückstein, inzwischen habe man von 132 auf 170 Plätze erhöht.

Ob Glücksteins tapfere „Outing“-Strategie aufgeht, werden schon die nächsten Wochen erweisen. Einige Freunde hätten ihm abgeraten, die Schwierigkeiten des „Goya“ publik zu machen, sagt Peter Glückstein: „Aber es geht mir nicht darum, hinterher als Sieger dazustehen, sondern ums Leben dieses Clubs.“

Quelle: F.A.Z., 10.02.2006, Nr. 35 / Seite 10
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