11.10.2002 · Erik Weihenmayer hat ein besonderes Gespür für Berge. Sehen kann er sie nicht. Der 34-jährige Bergsteiger ist blind.
Erik Weihenmayer hat ein besonderes Gespür für Berge.
An schneebedeckten Steilwänden werden Eisäxte zu seinen Fingerspitzen. Die voran tappenden Teleskop-Wanderstöcke sind wie eine Verlängerung seiner Hände, die vorsichtig über Geröllmoränen, Gletscherspalten und Schneefelder tasten.
„Nur eine Sache, die gegen mich spricht“
Manchmal werden sie auch zu einem zweiten Paar Beine, die zusätzliche Standfestigkeit verleihen, wenn der schmale Felsgrat gefährlich vibriert. Wenn sich Steinbrocken lösen und ins Tal donnern, kann er den Schwindel erregenden Abgrund hören. Sehen kann er ihn nicht. Der 34-jährige Bergsteiger ist blind.
„Aber das ist nur eine Sache, die gegen mich spricht“, sagt der selbstsichere junge Mann, „hundert andere sprechen für mich.“ Seine Ausdauer zum Beispiel, sein fundiertes Wissen über die verschiedenen Techniken des Bergsteigens, seine Fitness - aber vor allem sein Mut haben ihm geholfen, hochfliegende Träume zu realisieren: Als erster blinder Mensch erklomm Erik Weihenmayer die „höchsten Gipfel aller sieben Kontinente“.
Bezwinger der „Seven Summits“
Am 5. September 2002 erreichte er mit seinen sechs Teamgefährten die 2230 Meter hohe Spitze des Mount Kosciuszko in Australien. Damit gehört der Amerikaner zu einem elitären Club von Alpinisten. Weltweit haben nur etwa hundert Bergsteiger die „Seven Summits“ bezwungen.
Neben dem Mount Kosciuszko zählen dazu: Mount Everest in Asien (8846 Meter), Aconcagua in Südamerika (6959 Meter), Mount McKinley in Nordamerika (6194 Meter), Kilimanjaro in Afrika (5892 Meter), Elbrus in Europa (5642 Meter) und Mount Vinson in der Antarktis (5140 Meter).
„Keine Zeit verschwenden, um lang zurückzublicken“
Weihenmayer wurde mit einer seltenen Augenkrankheit geboren, die langsam zur Erblindung führt. Als Kind habe er sich verzweifelt gegen die Diagnose gewehrt. Erst als er mit 13 Jahren das Augenlicht vollständig verlor, hatte er den Taststock als Hilfsmittel längst akzeptiert.
„Ich werde keine Zeit verschwenden, um lang zurückzublicken“, schwor sich der Teenager damals. Denn wenn er gelernt habe, selbstständig zu lesen und zu gehen, dann könne er sich durch bloße Willenskraft viele andere Fähigkeiten erschließen: „Ich brauche nur die richtige Strategie.“
Mit 32 Jahren auf dem Mount Everest
Dieser fixe Gedanke wurde zu Weihenmayers Leitspruch. Mit 16 lernte er „Rock Climbing“ (technisches Klettern mit Haken und Seil), dann Eisklettern, Ski-Fahren und mit 32 Jahren stieg er als erster Blinder auf den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt. Beim Klettern musste er sich auf den eigenen Spürsinn verlassen - und auf die Augen seiner Kletterkameraden.
Abwechselnd erklärten ihm seine Team-Mitglieder die Route: Felsnase links, Abhang rechts, Eisfeld geradeaus. Wenn keiner die Hand vor Augen sehen konnte - weil Skibrillen über den Sauerstoffmasken beschlugen oder noch vor Tagesanbruch zur nächsten Etappe aufgebrochen wurde - dann habe Weihenmayer die Gruppe sicher durch die Dunkelheit geführt, erinnert sich sein Freund Charles Mece.
Kein Wert auf schöne Aussicht
Weihenmayer sagt, das Gemeinschaftsgefühl sei ihm viel wichtiger als das eigentliche Erreichen des Gipfels. Darum könne ihm auch die schöne Aussicht glatt gestohlen bleiben, witzelt er. Vielleicht wäre er niemals auf Berge gestiegen, wenn er nicht erblindet wäre, sagt Weihenmayer nachdenklich.
Vielleicht hätte er sonst die Herausforderung nicht angenommen, Erwartungen zu übertreffen. Weihenmayer plant für Februar 2003 die Besteigung des „achten Gipfels“, Carstensz Pyramid (4884 Meter) in Indonesien, der höchste Berg in Ozeanien. Und in der Zwischenzeit vergnügt er sich mit seinem neuesten luftigen Hobby: Paragliding.