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Benno Fürmann So voll von Leben

 ·  Benno Fürmann, in Autorenfilmen ebenso zu Hause wie in Großprojekten, sucht noch immer das Extrem. Doch der Draufgänger ist auch reifer geworden.

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© Julia Zimmermann

Einen Frauentyp wie Benno Fürmann muss man gewisse Dinge einfach fragen: Wie wichtig sind Ihnen Ihr Körper und Ihr Aussehen?

"Hähähähähä": Fürmann prustet los. Ein Lachen wie das Gemecker eines jungen Ziegenbocks.

Warum lachen Sie?

"Weil das so eine schöne, konkrete Frage ist, die mich gerade beschäftigt."

Volltreffer, denkt man: Dieser Mann, der schon als Teenager ein gefühltes Vermögen in sein erstes Designerhemd investierte und von den Kumpels in Kreuzberg dafür ausgelacht wurde, hadert kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag offenbar mit den ersten grauen Bartborsten. Frohlocken: Jetzt geht es ans Eingemachte.

Aber Fürmann steht lediglich auf und verschwindet ins Bad. Naseputzen von ferne.

Als der Schauspieler wieder im Hotelsofa fläzt, sagt er, ihm sei nicht egal, wie er aussehe, aber er überprüfe bei der Arbeit nicht ständig die eigene Optik. "Das heißt, ich bin eitel, aber . . ." Pause, zehn Sekunden Nachdenken. "Wie beende ich den Satz?", fragt Fürmann dann. "Ich bin eitel. Punkt. Ich bin ganz normal eitel."

Anlässlich Agnieszka Hollands Films "In Darkness", der am kommenden Donnerstag in die Kinos kommt, sind für Mitte Dezember Interviews angesetzt. Der Film ist Fürmann wichtig, "weil er eine Parabel auf die Hoffnung ist", und der Schauspieler weiß, dass ein Holocaustdrama einer polnischen Regisseurin, das in weiten Teilen im Dunkeln spielt und auf Ukrainisch und Polnisch gedreht wurde, ein massentaugliches Aushängeschild gut gebrauchen kann. Die Oscar-Nominierung als bester nichtenglischsprachiger Film ist zu diesem Zeitpunkt nicht zu erahnen. Direkt im Anschluss will Fürmann nach Indien reisen, wo er besagten vierzigsten Geburtstag verbringen will.

Doch dann, Mitte November, ist da dieser Unfall passiert. Fürmann übersah in der Nähe von Starnberg beim Linksabbiegen ein Auto und verursachte einen Zusammenstoß, bei dem der Fahrer des anderen beteiligten Wagens schwer verletzt wurde; die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Boulevardzeitungen zerrten die Geschichte an die Öffentlichkeit und telefonierten mit den Eltern des Verletzten. Dann verebbten die Berichte. Fürmann sagte Auftritte und Interviewtermine ab. Für die verbliebenen Begegnungen haben Pressedamen die Losung ausgegeben: Keine Fragen zum Unfall. Solche Verbote sind in der Branche üblich.

Fürmann sieht blass und fast ein wenig dünnhäutig aus. Er hat miserabel geschlafen und bestellt Pfefferminztee mit Honig. Man ist versucht, jede Äußerung auf den Unfall zu beziehen, etwa wenn er über den Film und das Überleben einer Gruppe von Juden in der Kanalisation von Lemberg sagt: "Ich glaube ganz fest, dass wir in Notzuständen unser wahres Gesicht zeigen. So was interessiert mich: Menschen, die über sich hinauswachsen. In Situationen, in denen wir menschlich gefordert sind, wissen wir vorher nicht, was wir machen, bis wir in dieser Situation sind."

Ausgerechnet Fürmann: Sein wichtigstes Lob, seine schönsten Auszeichnungen hat er 2003 für seine Rolle in Christian Petzolds Film "Wolfsburg" bekommen. Er spielt darin einen Mann, der ein Kind totfährt und dessen Leben an der Schuld zerbricht, vielleicht gerade weil er keine Verantwortung dafür übernimmt. In der Wirklichkeit, haben die Medien berichtet, ist es wohl so gewesen: Fürmann hat den Krankenwagen alarmiert; der Mann soll schnell außer Lebensgefahr gewesen sein. "Mit den Betroffenen bin ich im Gespräch", sagt Fürmann immerhin.

Man wüsste nun gerne von Fürmann, ob man im Film für die Wirklichkeit üben kann. Wie das ist, wenn die Wirklichkeit den Film einholt, und wie Schuld sich anfühlt, wenn sie persönlich ist und keine Rolle mehr. Aber man fragt lieber nach dem Film, nach der Schauspielerei, nach der Eitelkeit. Und Fürmann redet. In seinem neuen Film spielt er wieder einen dieser wortkargen Typen, die mehr über Augen und Körperhaltung ausdrücken als durch Sprache. Fürmann sagt: "Ich finde einen Blick interessanter, als auszusprechen, was eh im Raum steht." Nichts schlimmer als Filme, in denen ein Paar den Sonnenuntergang anstaunt, und dann raunt einer der beiden noch: "Ich liebe dich wirklich."

Jetzt aber spricht Fürmann schnell, offen, witzig, entspannt. Er erzählt zum Beispiel von den anstrengenden Dreharbeiten zu "In Darkness": Weil das Budget so klein war, gab es keine komfortablen Aufenthaltsräume für die Schauspieler. Vielmehr musste auch ein Fürmann stundenlang in der Kanalisation ausharren, ohne zu wissen, was als Nächstes passiert. "Und du hörst nur um dich herum: Njech mats njes millischmi! Ses millischmi!" Was das bedeuten soll? "Was weiß ich, was das heißt", ruft Fürmann, "so hat es sich angehört!" Dem Film jedoch, glaubt Fürmann, sei die nervige Warterei gut bekommen, weil sie mit der Qual der Juden korrespondierte, die 15 Monate lang ohne einen Strahl Sonnenlicht in Nässe, Kälte und mit fauligem Brot einem zwielichtigen polnischen Helfer ausgeliefert waren. "Das ist total unsere Situation: Nicht wissen. Sich hilflos fühlen. Nicht in Kontrolle sein."

Oder man erfährt, wie Fürmann die Schauspielerei für sich entdeckt hat, weil er sich "so voll von Leben" fühlte, "das war mir alles irgendwie auch zu viel, ich musste wohin". Man weiß, dass er als Kind seine Mutter, als Jugendlicher dann auch den Vater verlor. Dass er die Schule nach der zehnten Klasse abbrach, dass er anderthalb Jahre Gerüstbauer, Kulissenschieber, Türsteher war und dass er bei seinem ersten Versuch als S-Bahn-Surfer gegen einen Betonpfeiler knallte und drei Wochen im Krankenhaus lag. Jetzt erzählt er, wie er noch im Gymnasium auf der Theaterbühne stand und seinen Text vergessen hatte: zweieinhalb Seiten Tucholsky, ein Monolog, zur Hälfte weg. Fürmann improvisiert. Das Publikum folgt ihm, voll konzentriert.

In den neunziger Jahren hat Benno Fürmann sich als mantafahrender Fernsehproll einen Namen gemacht. Heute spielt er Blockbuster wie Autorenfilme und wirbt mit seinem Renommee für Amnesty International. Zwischendrin hat er ein Jahr Elternzeit genommen, lange bevor es diesen Begriff dafür gab, geschweige denn Geld. Das wirkt wie ein Bruch.

Fürmann erklärt seine Entscheidung mit Egoismus, mit dem Luxus, einem einschneidenden Erlebnis Raum geben zu wollen: "Was heißt das? Wie fühlt sich das an?" Er gibt zu, dass es Momente gab, in denen er sich mit Baby überfordert fühlte oder den eigenen Ansprüchen nicht genügte. "Da habe ich mich geschämt, wieder mal", sagt er. Etwa wenn er, anstatt seine Frau zu entlasten, die Frühschicht verschlief.

Fürmann wechselt in einen Ton, der so überzeugend nach Autosuggestion zwischen Kopfkissen und Halbschlaf klingt, dass man sich diese Episode sofort in jedem Film zum Thema vorstellen könnte. "Also, gleich stehe ich auf. Ich stehe auf. Heute stehe ich auf! Nicht sie schon wieder! Und zack, wache ich auf, zwei Stunden später, und die sitzen in der Küche und haben schon gefrühstückt."

Es macht Spaß, Fürmann zuzuhören. Manchmal antwortet der Schauspieler mit einem Witz, um eine ernsthafte Antwort nachzuschieben. Manchmal mündet ein sachlicher Bericht in eine launige Pointe. Immer ist er bereit, etwas von sich preiszugeben. Und manchmal schwingt sich eine Antwort auf zum Grundsatzmonolog: "Ich finde Kinder lehrreich, auch zum Thema Eitelkeit und Ego. Es ist scheißegal, wie es dir geht, die Brote müssen geschmiert werden, und dann wird zur Schule gefahren. Eine Verbindlichkeit habe ich in meinen frühen Jahren versucht auszuklammern. Die habe ich gelebt, wenn ich gedreht habe. Und nach einem Dreh kam eine Reise, wo ich einen Rucksack gepackt habe und gerne alleine an irgendeine Ecke der Welt geflogen bin. Für einen Menschen da zu sein, den beim Aufwachsen zu beobachten und zu versuchen, dem einen stabilen Rahmen zu geben, wo der zu dem werden kann, zu dem er werden soll, das ist eine unglaublich lebensverankernde Erfahrung."

Das klingt alles, als sei mit den Jahren und der Vaterschaft aus einem stürmischen Draufgänger ein reifer Mann geworden, der kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag zu Recht behaupten kann: "Ich bin nicht nur okay mit den Dingen, die ich getan habe, ganz klar. Die gehören zu mir, und das Annehmen des Lebens in all seinen Facetten ist immer wieder die Aufgabe, in der übe ich mich, so wie wir alle. Aber ich fühle mich wohl. Ich werde gerne älter."

Allerdings entwickeln Menschen sich nicht so gradlinig wie Filmfiguren, und die Wirklichkeit ist wohl so, jedenfalls aus Fürmanns Sicht: Es gibt da zwei Benno Fürmanns. Den Kontrollfreak, der die Dinge gerne in der Hand behält, der sein eigener ärgster Kritiker ist, was ihn antreibt, was ihn aber auch sagen lässt: "Die Kunst im Leben ist halt, zu unterscheiden zwischen Kritik und Zerfleischen." Und den ehemaligen S-Bahn-Surfer, der als Siebenjähriger sein neues Fahrrad gleich bei der Jungfernfahrt schrottete, den Hobbykletterer, den bis heute - wie man zuletzt in "Nordwand" sehen konnte - jedes extreme Erlebnis, jedes Austesten von Grenzen schärft.

Als Schauspieler neigt Fürmann dazu, Szenen immer wieder drehen zu wollen, selbst wenn die Regie längst zufrieden ist. Es geht ihm ums Ausprobieren. Fürmann sucht nicht die Anerkennung, sondern die Erfahrung - die nicht nur Kick, sondern auch Empfindung ist. Und die ihn zwingt, die Kontrolle abzugeben. "Das sind Gegensätze, die dann bei der Arbeit aufeinanderprallen. Wo ich immer den einen Benno wegschüttele und sage: Jetzt lass mich mal. Hör doch mal auf. Geh mir aus dem Weg. Ich spring jetzt noch mal."

Schulabbrecher, Tankwart, Aufsteiger, Bergsteiger

Benno Fürmann, 1972 in West-Berlin geboren und in Kreuzberg aufgewachsen, brach die Schule nach der zehnten Klasse ab, jobbte als Türsteher und Kellner und nahm in New York privaten Schauspielunterricht. Als Tankwart Günni in der RTL-Fernsehserie "Und tschüss!" wurde er in den neunziger Jahren populär. Sein Durchbruch kam mit seiner Darstellung in "Die Bubi Scholz Story" von Roland Suso Richter, für die Fürmann 1999 den Deutschen Fernsehpreis erhielt. Nach der Geburt seiner Tochter 2002 legte Fürmann eine berufliche Pause ein. Anschließend brillierte er in Filmen von Christian Petzold ("Wolfsburg", "Jerichow") und spielte in großen Fernsehzweiteilern mit ("Die Nibelungen", "Die Grenze"). Große Beachtung fand auch das Bergsteigerepos "Nordwand" (2008). Zurzeit ist Fürmann auch als Indiana Joe in dem Kinderfilm "Tom Sawyer" zu sehen. "In Darkness" läuft ab Donnerstag in den Kinos. Fürmann lebt in Berlin.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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