27.10.2008 · Alle zwei Jahre richtet die belgische Kleinstadt Kortrijk Europas schönste Möbelmesse aus, die an spektakulären Highlights nicht spart. Die meisten namhaften Designer schauen mindestens einen Tag lang in der Kleinstadt in Westflandern vorbei.
Von Peter-Philipp SchmittIm Beet wachsen Diamanten, daneben einige Salatköpfe. In die Erde wurden auch Schilder gesteckt, auf denen sonst der Name des Gemüses steht. In diesem Fall weisen sie auf die neueste Leuchte von Luc Vincent hin: „Ace of Diamonds“, ein gläserner Kubus, der von innen heraus diffus leuchtet. Auch „Branch“ macht sich gut in dem kleinen Garten. Der Entwurf der belgischen Designer von Rotorpress erinnert an einen dünnen Holzstumpf, dessen Enden Licht aussenden. Dreizack „Izar“ hängt ums Eck - über einer Wursttheke, vor der ein Orientteppich ausgebreitet wurde. „A(r)mor“ wiederum liegt fast unbemerkt vor der Tür am Boden und strahlt zu einem Tante-Emma-Laden hin, der mit frischem Obst und Weingummi zum Selbstbedienen aufwartet.
Der Stand ist ein Spektakel. Zum wiederholten Mal schon stellt das Unternehmen Modular aus dem belgischen Roeselare auf der Designmesse „Interieur“ in Kortrijk seine Leuchten aus. Mal in einem (nachgebauten) Flugzeughangar, mal in einem Iglu - die Schau von Modular zählt alle zwei Jahre zu den Höhepunkten auf dem XPO-Gelände. Doch ein Produzent allein macht nicht den Charme der Biennale aus, die zu Recht als schönste Möbelmesse Europas gelten darf. Auch an der - selbstverständlich vorhandenen - Austernbar liegt es nicht. Sie zeigt aber, mit welcher Zuneigung an dieser Messe gearbeitet wird.
Eine allgemeine Freude an der guten Form
Fast alle guten Hersteller (insgesamt 300) sind - natürlich - nach Kortrijk gekommen, unter ihnen einige der einflussreichen Italiener, die um die stetig an Bedeutung verlierende Kölner Möbelmesse inzwischen einen Bogen schlagen. Die meisten namhaften Designer schauen ebenfalls mindestens an einem Tag in der Kleinstadt in Westflandern vorbei. Es ist ein Familientreffen. Neuheiten gibt es kaum zu sehen, doch das spielt keine Rolle. Man fühlt sich wohl, denn eine besondere Wertschätzung für Design zeichnet Kortrijk aus, eine allgemeine Freude an der guten Form.
„Wir haben Design in der DNA“, sagt der Bürgermeister Stefaan De Clerck sehr zu Recht über seine Stadt mit ihren 74.000 Einwohnern. Alle zwei Jahre strömen bis zu 120.000 Besucher auf die zehntägige „Interieur“. Industriell geprägt war der Ort lange, gilt noch heute als internationales Zentrum der Flachsverarbeitung und des Flachshandels. Doch schon im späten 19. Jahrhundert gab es auch eine überaus erfolgreiche „Kunstwerkstede“ der Brüder Jozef und Adolf De Coene. Besonders vermerkt in der Firmengeschichte ist das Jahr 1897, als in Kortrijk ein neues Geschäft mit einem selbstentworfenen Esszimmer aus Ulme im Schaufenster eröffnet wurde. In den zwanziger und dreißiger Jahren wurden Art-Déco-Möbel produziert, nach 1945 bekam De Coene die Lizenz zur Fertigung amerikanischer Knoll-Möbel in Europa. Zeitweise hatte die Fabrik 3000 Mitarbeiter, fast jede Kortrijker Familie war an das Unternehmen gebunden.
Es wird ein namhafter Lockvogel ausgewählt
Warum also nicht eine Designmesse ins Leben rufen? Schon beim ersten Mal vor vierzig Jahren kamen mehr als 50.000 Besucher, zur zweiten Biennale 1970 waren es doppelt so viele. Der Anspruch war von Anfang an hoch. Die Idee, jeweils einen namhaften Lockvogel auszuwählen, der als Ehrengast die Messe mit seinen Arbeiten begleiten darf, erwies sich als zusätzlicher Publikumsmagnet. Die Liste der - mittlerweile - 21 liest sich wie ein Designer-„Who's Who“: Raymond Loewy, Gio Ponti, Verner Panton, Jean Prouvé, Philippe Starck, Jasper Morrison, Jean Nouvel, James Irvine - um nur einige zu nennen.
Oft standen die Benannten noch am Beginn oder an einem Wendepunkt ihrer Karriere. Der Münchner Konstantin Grcic, der vor acht Jahren „guest of honour“ in Kortrijk war, nennt seine Wahl ehrenvoll, aber auch heikel, weil er sich erstmals fast retrospektiv mit seinen Arbeiten konfrontiert sah. Dieser Prozess, sagt Grcic, der inzwischen zu den namhaftesten Designern überhaupt zählt, sei von allergrößtem Wert für ihn gewesen.
Der Designer im Hasenkostüm
In diesem Jahr präsentiert sich der Spanier Jaime Hayón. Augenzwinkernd nennt er seine sehenswerte Ausstellung „Hayonnaise“. Er ist jung (Jahrgang 1974) und alles andere als „nur“ ein Möbeldesigner. Die Inszenierung liegt ihm, wie er auf der „Interieur 08“ eindrucksvoll beweist. Dafür zieht er sich auch mal ein rosafarbenes Hasenkostüm an oder reitet auf einem großen, grünen Huhn, das zu seinen jüngsten Werken gehört.
Informationen unter www.interieur.be und www.hayonstudio.com
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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