17.02.2011 · Die Magellan-Pinguine leben an der argentinischen Atlantikküste und gelten eigentlich als besonders ortsfest. Doch jetzt verlegen sie ihre Nester immer weiter nach Norden. Wissenschaftler beobachten die gestressten Vögel mit Sorge.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresHab und Gut müssen sie nicht mitschleppen. Aber neue Nesthöhlen müssen sie sich bauen, die argentinischen Magellan-Pinguine. Dafür haben sie gute Werkzeuge, einen kräftigen Schnabel, einen harten Schädel und Flossen, die als Schaufeln taugen. Doch die bis zu zwei Meter tiefen Höhlen in den harten Boden zu graben ist mühsam. Dirk Steffens muss zu einer Spitzhacke greifen, um es den Tieren nachmachen und das Erdreich aufschlagen zu können. Der Fernsehmoderator will für eine Wissenschaftssendung im ZDF nicht nur Kuriositäten aus dem Leben der flugunfähigen Seevögel bieten – etwa den seit einigen Jahren zu beobachtenden Drang der eigentlich standorttreuen Pinguine, ihre Brutstätten weiter in den Norden zu verlegen. Er will vor allem den Wissenschaftlern Gehör verschaffen, die auf die vielfältigen Bedrohungen für die Pinguin-Kolonien und das gesamte Ökosystem im Südatlantik hinweisen.
Es müssen nicht einmal spektakuläre Ölteppiche von Tankerunfällen sein wie jener, dem 1991 vor der argentinischen Küste 20 000 Pinguine zum Opfer fielen, sagt Argentiniens bedeutendster Pinguin-Spezialist Pablo García Borboroglu, mit dem sich der deutsche Fernsehmann bei den Dreharbeiten am Brutplatz über die Gefahren für die riesigen Kolonien an der argentinischen Atlantikküste unterhält. Schon kleinere Öl- und Treibstoffreste, die von den Besatzungen der durchfahrenden Fracht- oder Passagierschiffe abgelassen werden, greifen das Gefieder an. In den achtziger Jahren verendeten 40 000 Pinguine wegen des verschmutzten Meerwassers vor der Küste. Nicht zuletzt auf Betreiben der Wissenschaftler sind die Schifffahrtsrouten nach der Katastrophe von 1991 weiter ins Meer hinaus verlegt worden. Seitdem werden sehr viel weniger ölverschmutzte Tiere aufgelesen.
Paare bleiben ihrem Nest bis zu 17 Jahre treu
Dafür entstehen bei den Falkland-Inseln neue Gefahrenquellen. Dort wird in der Nähe des von Argentinien „Malvinas“ genannten Archipels nach Erdöl gesucht. Das hat nicht nur zu neuen politischen Verwicklungen geführt. Umweltschützer schauen besorgt auf das Wettrennen nach dem schwarzen Gold. Bislang waren die Probebohrungen nicht sonderlich erfolgreich. Doch sollte eines Tages in dem Gebiet Erdöl gefördert werden, sind die Konsequenzen für die zwar kleinen, aber auf fast allen Inseln des Archipels lebenden Kolonien fünf verschiedener Pinguin-Arten und für das gesamte Ökosystem im Südatlantik unabsehbar.
Die Magellan-Pinguine, die im Sommer der Südhalbkugel Jahr für Jahr die südargentinische Atlantikküste bevölkern, um den Nachwuchs aufzuziehen, kehren eigentlich in das Nest zurück, in dem sie geschlüpft sind, oder zumindest in dessen Nähe. Es wurden schon Paare beobachtet, die bis zu 17 Jahre ihrem „Wohnort“ treu geblieben sind. Wie sie jedes Mal ihre Nesthöhle finden, nachdem sie ein halbes Jahr oft Tausende Kilometer entfernt im Meer zugebracht haben, ist noch immer ein Rätsel.
Schrumpfende Kolonien, verlassene Nester
An der patagonischen Atlantikküste gibt es 65 Pinguin-Kolonien. Seit Jahren ist zu beobachten, dass immer mehr der am Strand von Punta Tombo in der Provinz Chubut heimischen Pinguine, der bedeutendsten Ansammlung der Seevögel in Argentinien, nicht mehr an ihren angestammten Nistplatz zurückkehren. Die zweitgrößte dort ansässige Kolonie, jene der Isla Leones, die 1995 noch 100 000 Paare hatte, ist seitdem auf 50 000 zurückgegangen, die größte ist um 22 Prozent geschrumpft. Dafür wuchs die Kolonie von San Lorenzo auf der etwa 200 Kilometer weiter nördlich gelegenen Halbinsel Valdés von nur hundert Paaren in den siebziger Jahren auf 131 000 bei den jüngsten Zählungen. In der noch weiter nördlich gelegenen Provinz Río Negro sind neue Kolonien entstanden. So ist eine, in der es 2003/2004 nur 22 Nester gab, auf heute 4000 Paare gewachsen.
Die Wanderungstendenz habe sich in der zur Zeit auf Hochtouren laufenden Brutperiode fortgesetzt, bestätigt Pablo García Borboroglu. Für die südlichen Kolonien in der Provinz Chubut sei es das zweitschlechteste Brutjahr seit Beginn der Beobachtungen vor 28 Jahren. Viele Männchen hätten entgegen ihrer Gewohnheit gar nicht abgewartet, bis das ihnen treu verbundene Weibchen auch das zweite Ei abgelegt hat. Viele Nester seien verlassen gewesen. Dafür herrschte weiter nördlich auf der Halbinsel Valdés um so größere Betriebsamkeit. Doch die Überproduktion im Norden habe den Mangel im Süden nicht ausgleichen können. Die Bilanz der laufenden Saison ist noch nicht abgeschlossen.
Öl und Treibstoff verschmutzen das Federkleid
Über die Ursachen der Wanderung nach Norden gibt es mehrere Hypothesen. Nach der plausibelsten haben sich die Fischgründe, aus denen die Pinguine ihre Nahrung beziehen, nach Norden verlagert. Für die Tiere ist es eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung, ob sie Tag für Tag jeweils 40 oder 50 Kilometer weiter ins Meer hinaus schwimmen müssen, um Fische zu erhaschen und sich und ihren Nachwuchs zu ernähren, oder ob sie sich der einmaligen Mühe unterziehen, an einer günstiger gelegenen Stelle ein neues Nest zu bauen, erläutert García Borboroglu.
In dem bald zu Ende gehenden Sommer auf der Südhalbkugel kommen die erwachsenen Tiere in die Mauser. Sie wechseln dann innerhalb von zwei bis drei Wochen ihr Federkleid. Zuvor haben sie sich auf größeren Beutezügen Reserven angefressen, weil sie sich nun für eine Weile nicht ins Wasser können. Der neue „Tauchanzug“ muss ein Jahr lang wasserdicht sein. Das ist von Natur aus kein Problem, weil die in drei Schichten gelagerten Federn so konstruiert sind, dass sie ein wasserundurchlässiges Polster bilden. Die größte Gefahr für diese effiziente Art von Isolierung gegen Kälte und Nässe ist die immer stärkere Verschmutzung des Meerwassers vor allem mit Öl und Treibstoff. Wenn das Federkleid nicht geschlossen ist, leidet vor allem die Manövrierfähigkeit der Seevögel im Meer.
Wissenschaftler hoffen auf „Sympathiebonus“ für Pinguine
Neben der Wasserverschmutzung ist das Überfischen in Atlantik und Pazifik die größte Gefahr für die Pinguine in Südamerika. Welche Auswirkungen die Erderwärmung auf die Fauna auf der Südhalbkugel hat, ist erst in Ansätzen erforscht. Das schwindende Eis in der Antarktis lässt den Lebensraum der dort heimischen Pinguine buchstäblich zusammenschmelzen. Der spektakuläre Zusammenstoß zweier Eisberge und das Abbrechen einer ganzen Eiszunge in der Antarktis vor einem Jahr war ein nicht zu übersehendes Menetekel. Der Bestand der in Südafrika lebenden Pinguine ist, wie García Borboroglu berichtet, in den vergangenen 100 Jahren um 90 Prozent zurückgegangen, von einstmals 1,3 Millionen Tieren auf 26 000 Paare. Vor allem Unfälle auf den um das Kap der Guten Hoffnung führenden Routen der großen Tanker und die Überfischung haben die Region für die Tiere unwirtlich gemacht.
Pinguine gibt es nur auf der Südhalbkugel. Die 17 verschiedenen Arten unterscheiden sich sehr in Größe, Aussehen und Verhaltensweiten. Nicht alle lieben die Kälte wie die in der Antarktis heimischen Kaiserpinguine. Die Magellan-Pinguine wagen sich sogar bis vor die Küste Brasiliens in fast schon zu den Tropen zählende Breiten. Um den Austausch zwischen Wissenschaftlern zu fördern, die sich von Neuseeland und Australien bis Südafrika, Argentinien und der Antarktis mit den Tieren beschäftigen, hat Pablo García Boboroglu eine Vereinigung gegründet, die er GPS, „Global Penguin Society“, getauft hat. Die Wissenschaftler aus 16 Ländern wollen die letzten Rätsel der Pinguine, etwa die Funktionsweise ihres Orientierungssinns, lösen. Sie wollen den Sympathiebonus, den die putzigen Seevögel genießen, aber vor allem dazu nutzen, um für die Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen zu werben und extrem gefährdete Arten wie die Galápagos-Pinguine vor dem Aussterben zu bewahren (www.globalpenguinsociety.org). Die Pinguinforscher wollen der Öffentlichkeit zeigen, dass Veränderungen im Verhalten der Tiere – etwa der Drang, neue Nistplätze zu erschließen – als wertvolle Indikatoren für Veränderungen in den Ökosystemen der Südhalbkugel taugen. Die Pinguine sind für Argentinien zu einer der großen Tourismus-Attraktionen geworden. Während der Brutzeit in den Sommermonaten von September bis März besuchen 125 000 Touristen Punta Tombo, den bislang größten, doch nun immer seltener von den Pinguinen aufgesuchten Brutplatz Argentiniens. Auch die Halbinsel Valdés, wo die neuen Brutkolonien entstehen, zählt zu den touristischen Attraktionen. Das Interesse der Politiker am Schutz der Kolonien müsste also groß sein.
Präsidentenpaar verglich sich mit Pinguinen
Pablo García Borboroglu, der ursprünglich Diplomat werden wollte, sich nach dem Jurastudium aber der Biologie zugewandt und über die Pinguine promoviert hat, spricht von zwiespältigen Erfahrungen mit der Politik. Das größte Übel sei die Abhängigkeit von der jeweils gerade herrschenden politischen Konjunktur. Zeiten, in denen die öffentliche Hand die wissenschaftlichen Institutionen und Naturschutzeinrichtungen unterstütze, wechselten mit Phasen, in denen nicht einmal das Geld für Heizung oder andere elementare Dinge vorhanden sei. Ohne Hilfe aus dem Ausland wäre manches Vorhaben nicht zu verwirklichen.
Zur Zeit komme sein Institut, das Nationale Patagonische Zentrum in Puerto Madryn, das zum argentinischen Forschungsrat Conicet gehört, leidlich zurecht, sagt der Pinguinforscher. Er hat in der gegenwärtigen politischen Großwetterlage in Argentinien sogar einen kleinen Vorteil. Das Präsidentenehepaar Cristina und Néstor Kirchner lebte jahrzehntelang in Patagonien. Der im Oktober gestorbene Néstor Kirchner war lange Gouverneur in der Provinz Santa Cruz. Zu seinen Lebzeiten hatte er immer wieder versucht, den Sympathiebonus der Seevögel für sich und seine Frau zu nutzen. Wenn beide über sich selbst sprachen, stellten sie sich gern als Pinguin-Paar dar. Ein argentinischer Cartoonist nahm das wörtlich und zeichnete als Epitaph für den verstorbenen Kirchner einen Pinguin in einsamer Eislandschaft, dessen Augen eine dicke, schwere Träne entquillt.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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