18.08.2008 · Bayreuth hat nicht nur den grünen Hügel, sondern auch eine Oboistenkneipe. Dort werden die Oboisten nach den Aufführungen mit ihren Lieblingsspeisen bekocht. Nur während der Festspiele stehen diese Gerichte auf der Karte.
Von Martina Dreisbach„Beates Traum“ ist eine samtweiche Curry-Apfel-Suppe mit Eismeergarnelen, und Beate isst ihren Traum. „Thomas' Ouvertüre“, zwei große Knoblauchbratwürste, liegen auf seinem Teller. Eben schneidet Paulus speckumwickelte Kängurumedaillons namens „Paulus liebt das Spiel“. Und so geht es weiter. Acht Oboisten, acht Vornamen, acht Speisen. Im „Goldenen Löwen“, seit dem Jahr 1959 Bayreuths Oboistenkneipe, haben sie eine eigene Karte, die während der Festspiele ausliegt. Lauter Lieblingsspeisen kurz vor Mitternacht. Dann füllt sich die Gastwirtschaft „Zum Goldenen Löwen“ noch einmal.
Sie liegt zu Fuß nur eine Viertelstunde stadtauswärts vom Festspielhaus entfernt. Die Oboisten aber fahren nach Dienstschluss doch lieber mit dem Auto. Sie haben Stunden im Graben verbracht. Bei „Siegfried“ heißt das von 16 bis 23 Uhr. Drei Akte, eineinhalb, eine und noch einmal eineinhalb Stunden, unterbrochen von zwei Pausen à 60 Minuten. Sie haben den Sonnenuntergang verpasst und die Bühnenbilder, die blätternde Wand im alten Schulzimmer, den unheimlichen Wald aus Bäumen und Baumstümpfen und die unerklärliche Landschaft eisiger Felsblöcke.
Keine gewagten Roben
Sie sind auch nicht vor dem Festspielhaus gewandelt, das sich Richard Wagner im Jahr 1872 auf dem Grünen Hügel errichten ließ. Auf dem Platz, der wie ein Balkon den Blick auf Blumenrabatten, Wiese und mächtige Bäume eröffnet. Die gewagten Roben, die langstieligen Sandaletten oder Lacklederherrenschuhe, der Sekt - das sind andere. Sie stehen mit Zigarette hinten am Eingang fürs Personal.
Nicht im Anzug, nicht im Abendkleid, sondern so, wie es ihnen einfällt: Turnschuhe, Shorts, Tennishemd, Schal oder irgendwie sonst, denn sie können tief unten im Orchestergraben nicht gesehen werden. Sie lassen launige Bemerkungen über das eigene Spiel fallen und das der Kollegen. Auch im Festspielorchester spielt man in der Hauptsache für die Kollegen, trotz der fast 2000 Zuhörer, trotz Eintrittspreisen von wenigstens 1000 Euro.
Der Streitberger - eine alte Sitte
Kurz nach Mitternacht ist Beate Aanderud mit ihrem „Traum“ fertig, Thomas Rohde mit seiner „Ouvertüre“, Paulus van der Merwe mit dem Känguru. Die Mägen sind gut gefüllt. Doch niemand von dieser Oboistengeneration bestellt einen „Streitberger“, der vor 20 Jahren Sitte war - als noch Trinkzwang herrschte. Alle hier versammelten Oboisten aber kennen die Geschichte vom Hörensagen: Verlangte einer am Tisch nach Salz und stand ein Neuling dienstfertig auf, zahlte er eine Runde „Streitberger“. Wie hätte er wissen können, dass er zuvor dreimal auf den Tisch klopfen und salutieren musste. Der Streitbergerrunden gab es viele.
Den Topfpflanzen hinter der Sitzbank geht es besser, seit der Verdauungsschnaps keine streitbare Rolle mehr spielt. Er hat sich überlebt. Bier und Wein und Wasser genügen der jetzigen Generation von Musikern, die im Rasiersitz mit Blick auf den Dirigenten in dem einem Bombentrichter vorweggenommenen Orchestergraben sitzen, in der für Wagner-Opern idealen akustischen Umgebung. Holzstuhl an Holzstuhl, neuerdings gibt es auch schmale Kissen, Bein an Bein, mit von der musikalischen Wucht betäubten Ohren und dennoch mit dem untrüglichen Gespür für das, was ihre Instrumente nur hergeben.
Oboiten statt Oboisten
Keiner von ihnen würde, was ungelernten Besuchern der von sonnengelben Lampenschirmen beleuchteten Gastwirtschaft durchaus passieren kann, die vom Türschild angekündigte „Stufe“ in den Gastraum nicht ernst nehmen. Sie haben ihre Hürde für diesen Abend genommen. Bayreuth, die Mischung aus Disziplin und Landschulheim, Bayreuth, die Krönung eines Orchestermusikerlebens - samt Proben zehn Wochen in einem Sommer ohne Sonnenaufgang -, beschließt sich hier, im erlauchten Kreis der „Oboiten“.
Das fehlende „s“ rückt sie in die Nähe einer Glaubensgemeinschaft. Was für sie gilt, ist ebenfalls nicht sichtbar. „Ehrenoboit“ ist der Wirt Jörg Schöner, Jahrgang 1974, ein traditionsbewusster Mensch. Er würde dem Rohrblattinstrument nicht einen Ton entlocken, wacht aber über das „Oboenbuch“, das nur in diesen zehn Wochen geöffnet ist und neuer Einträge harrt. Der „Streitberger“ dürfte fehlen.