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Bau einer Moschee in Berlin : Am Ende des Toleranzbereichs

  • -Aktualisiert am

Anti-Moschee-Demo: In Heinersdorf hält sich die Freude über die neuen Nachbarn in Grenzen Bild: dpa

Ein dörflicher Stadtteil im Osten Berlins, in dem kaum Muslime leben, bekommt eine Moschee samt zwölf Meter hohem Minarett. Eine Bürgerinitiative wollte das verhindern - ohne Erfolg. Trotzdem kämpft sie weiter gegen die neuen Nachbarn.

          Vor zehn Tagen haben sie noch einmal demonstriert. Sie riefen: „Nein, nein, nein zur Moschee!“, schwenkten Deutschlandfahnen und hielten Plakate hoch: „Scharia, nein danke“ oder „Deutsche Wurst statt Gammeldöner“. Knapp 700 Leute zogen so durch Berlin-Pankow. Joachim Swietlik, der Vorsitzende der „Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger“ (Ipahb), die zu der Demonstration gegen den Bau einer Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde aufgerufen hatte, hält das für einen Erfolg - immerhin habe es an dem Tag geregnet.

          Dennoch weiß Swietlik, dass sein Kampf aussichtslos ist. Das Büro der Ipahb befindet sich in einem Industriegebäude in der Tiniusstraße. Auf dem Konferenztisch Flugblätter und eine Dose Gummibärchen, über der Tür ein Kruzifix. Das Moschee-Grundstück liegt gleich nebenan. Man hört die Bagger, die Bauarbeiten sind längst im Gange. Im nächsten Frühjahr wird die Gemeinde ihre neue Moschee beziehen, hofft Imam Basit Tariq.

          „Liebe für alle, Hass für keinen“

          Die Ahmadiyya wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Hazrat Mirza Ghulam Ahmad in Indien gegründet, seine Anhänger halten ihn für den von Mohammed verheißenen Messias. Die Ahmadiyya gilt als friedliebend. „Liebe für alle, Hass für keinen“ lautet ihr Motto. Der Verfassungsschutz hält sie für unbedenklich.

          Heinersdorf, ein dörflicher Stadtteil im Osten Berlins nahe der Auffahrt zum Autobahnring, bekommt nun eine Moschee samt zwölf Meter hohem Minarett. Joachim Swietlik, der hier seit sieben Jahren wohnt, kann das nicht verwinden: „Warum baut man in einem Viertel, in dem kein Muslim wohnt, eine Moschee?“ Die Frage treibt ihn um, seit das Bezirksparlament von Pankow im vorigen Jahr den Moscheebau ohne große Diskussion durchgewinkt hat. Bisher hatte die Ahmadiyya ihren Sitz in einem Einfamilienhaus im Westteil der Stadt, in Reinickendorf. Aber dort wurde es für die rund zweihundert Berliner Mitglieder zu eng.

          PDS hatte für Befürchtungen kein Ohr

          Swietlik findet, die Politik hätte „mehr Fingerspitzengefühl“ beweisen müssen. Die Anwohner sorgen sich um Parkplätze, um den Wert ihrer Grundstücke und darum, dass verschleierte Frauen über die Dorfstraße laufen könnten. Doch der damalige PDS-Bürgermeister hatte für diese Befürchtungen kein Ohr, ebenso wenig wie der inzwischen gewählte Nachfolger von der SPD. Es herrsche nun einmal Religionsfreiheit.

          Der Protest der Ipahb soll friedlich-demokratisch bleiben und bürgerlich aussehen. Das gelingt nicht immer. Bei den Demonstrationen laufen stets auch Rechtsradikale mit. Swietlik sagt, er hätte sie gerne ausgeschlossen, aber das ginge rechtlich nicht. So muss seine Initiative damit leben, dass sie auch von Neonazis unterstützt wird. Und zuweilen sogar von der Antifa. Deren Leute seien bei der letzten Demo nämlich getarnt mitgegangen und hätten besonders rechtsextreme Plakate gezeigt - „nur um uns zu beschädigen“, sagt Swietlik. In Heinersdorf ist einiges durcheinandergeraten. Dass Befürworter des Moscheebaus ihn selbst nur noch für „den Vorsitzenden von diesem Rassistenverein“ halten, daran hat Swietlik sich inzwischen beinahe gewöhnt.

          Neue Cappuccinosorte?

          Der Konflikt um die Moschee zeigt, dass „Dialog“ nicht immer zu Verständnis führt: Sieben Mal haben Swietlik und der Imam Tariq einander inzwischen bei Diskussionsveranstaltungen getroffen. Als Swietlik das erste Mal das Wort „Ahmadiyya“ hörte, dachte er, „das ist vielleicht eine neue Cappuccinosorte“. Tariq wiederum sagt, er habe vor dem Grundstückskauf noch nie von Heinersdorf gehört. Mehr als ein Jahr und sieben Gesprächsrunden später sind sich der Muslim aus dem Westen und der Atheist aus dem Osten noch immer fremd - obwohl Swietlik und Tariq einander gegenseitig attestieren, sie fänden sich „als Mensch freundlich“, „friedlich“ und „normal“. „Wir haben uns sogar weiter voneinander entfernt“, glaubt Swietlik. Keine kritische Frage habe der Imam beantwortet; die Ahmadiyya verfolge eine „Doppelstrategie“, ihre Selbstdarstellung stehe im Gegensatz zu ihren wahren Zielen.

          Swietlik zeigt Bücher von Ahmadiyya-Mitgliedern, die er gelesen und in denen er einschlägige „Stellen“ entdeckt hat: Die Ahmadiyya glaube an den „Endsieg“ des Islam und daran, dass ein Mann, der seine Frau züchtige, „negative Zärtlichkeit“ ausübe. Die Glaubensgemeinschaft sei antisemitisch, und in einem Jugendmagazin habe neulich gestanden, der Verzehr von Schweinefleisch mache schwul. Werde die Ahmadiyya mit solchen Äußerungen konfrontiert, weiche sie aus. „Die Ahmadiyya ist eine Politreligion“, sagt Swietlik, „dagegen wehren wir uns.“ Imam Tariq erwidert, Herrn Swietlik fehle das spirituelle Verständnis: „Er zitiert Texte, ohne den Zusammenhang zu kennen.“

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