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Barfuß und ohne den Vatikan: Wissenswertes zum Grand Prix

19.05.2006 ·  Warum Deutschland automatisch einen sicheren Finalplatz hat, sich aber noch nie auf seine Nachbarn verlassen konnte, und warum Erotik nicht immer ein Erfolgsrezept sein muß: Wissenswertes zum „Eurovision Song Contest“.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Obwohl Armenien und Georgien außerhalb Europas liegen, sind sie doch seit gut einem Jahr Mitglieder der „European Broadcasting Union“ (EBU) - eine Sonderregelung machte es möglich. Schon seit vielen Jahren reicht die EBU weit über die üblicherweise für Europa festgelegten Grenzen hinaus: Israel gehört genauso zum Fernsehsender-Zusammenschluß wie Jordanien, Libanon, Tunesien, Marokko, die Ukraine und Weißrußland. Zur Zeit zählt die EBU 74 aktive Mitglieder in 54 Ländern Europas, Nordafrikas und des Nahen Osten. Deutschland ist mit der ARD und dem ZDF vertreten.

Maximal 40 EBU-Länder können am „Eurovision Song Contest“ (ESC) teilnehmen. Und Armenien feiert gleich in diesem Jahr beim ESC-Finale seine Premiere, nachdem es sich am Donnerstag abend im Halbfinale durchsetzen konnte. Sollte es mehr Bewerber als Startplätze geben, werden die Länder bevorzugt, die in den zurückliegenden fünf Jahren mehr Teilnahmen vorzuweisen haben. Der Rest kommt auf eine Warteliste, die mal länger, mal kürzer ist. Einige EBU-Mitglieder - wie etwa der Vatikan - haben noch nie am Grand Prix teilgenommen.

Italien: ein großer Verlust

Ein großer Verlust ist das EBU-Mitglied Italien, das seit bald zehn Jahren nicht mehr am ESC teilnimmt, nachdem es schon zwischen 1994 und 1996 keinen Interpreten für den Grand Prix nominiert hatte. Dabei hatten sich in genau diesen drei Jahren Al Bano & Romina Power (1976 und 1985 für Italien jeweils auf Platz sieben beim Grand Prix) bei der RAI immer wieder aufs Neue beworben. Als Ersatz dient den Italienern seit 1997 (damals trat die Gruppe Jalisse mit „Fiumi di parole“ ein letztes Mal an) ihr berühmtes „Festival della canzone italiana“ in San Remo. Jalisse überredete damals den Sender RAI, sie nach Dublin zu schicken. Der vierte Platz wurde dann offenbar wie eine Niederlage empfunden.

Irland: ein Land der Grand-Prix-Superlative

In den frühen neunziger Jahren kehrte regelrecht Langeweile ein: Man fuhr zum Grand Prix, und Irland gewann. Dreimal hintereinander: 1992 Linda Martin mit „Why Me?“, 1993 Niamh Kavanagh mit „In Your Eyes“ und 1994 Paul Harrington & Charlie McGettigan mit „Rock'N'Roll Kids“. Danach gönnte sich Irland eine Pause (1995 gewann die norwegische Band Secret Garden mit „Nocturne“). Böse Zungen behaupteten, es gäbe keine Austragungsorte mehr, und jedes Jahr in Dublin (1993 fand der Wettbewerb in Millstreet statt) zu feiern, sei auf die Dauer langweilig. Doch 1997 traf man sich schon wieder in der irischen Hauptstadt: Im Jahr zuvor schaffte es in Oslo Eimear Quinn mit „The Voice“ auf Platz eins.

Irland ist ein Land der Grand-Prix-Superlative, obwohl es erst seit 1965 teilnimmt: Sieben Mal durften irische Künstler ihr Lied im Finale ein zweites Mal präsentieren, und Johnny Logan schaffte es bis zum heutigen Tag als einziger Interpret, den Grand Prix gleich zweimal zu gewinnen: mit „What's Another Year?“ 1980 und mit „Hold Me Now“ 1987. Zudem schrieb er den Siegertitel „Why Me?“ von Linda Martin. 2001 hingegen war ein furchtbares Jahr für die Iren: Gary O'Shaughnessy kam mit „Without Your Love“ nur auf Platz 21. Irland durfte daraufhin 2002 erstmals nicht am „Song Contest“ teilnehmen.

Im vergangenen Jahr scheiterten Donna & Joseph McCaul mit ihrem Lied „Love“ im 2004 neu eingeführten Halbfinale. Wieder fand ein Finale ohne Irland statt. Nun knüpft der kleine Inselstaat all seine Hoffnungen an Brian Kennedy, der sich gestern abend mit seinem Titel „Every Song Is A Cry For Love“ durchsetzen konnte. Irlands Nachbar Großbritannien hatte bislang besonders viel Pech: Insgesamt 15 Mal landeten Künstler von der Insel auf Platz zwei, allerdings immerhin auch fünf Mal auf Platz 1 - genauso übrigens wie sonst nur noch Frankreich und Luxemburg.

Leon, von Beruf Friseur

Vor genau zehn Jahren wurde Deutschland zum ersten und bislang einzigen Mal in der 51 Jahre andauernden Grand-Prix-Geschichte vom Wettbewerb ausgeschlossen. Den Vorentscheid hatte am 1. März 1996 ein bis dahin völlig unbekannter junger Mann in der Friedrich-Ebert-Halle in Hamburg-Harburg gewonnen: Leon, von Beruf Friseur. Für ihn hatten Anna Rubach und Hanne Haller das Lied „Blauer Planet“ getextet und komponiert. Doch nur wenig später wurden die sieben vermeintlich „erfolglosesten“ Songs von einer internen Jury, in der alle - damals - 30 Grand-Prix-Länder vertreten waren, aussortiert, um die vorgesehene Sendezeit des Finalabends nicht zu überziehen. Leons Titel gehörte zu den Verlierern - genauso wie die Beiträge aus Ungarn, Dänemark, Mazedonien, Rußland, Israel und Rumänien.

Die „Big 4“

Nach den neuen Regeln der EBU hat Deutschland nun stets einen sicheren Finalplatz. Die sogenannten großen Vier, gemeint sind die größten Geldgeber der EBU, nämlich Deutschland, England, Frankreich und Spanien, sind - genauso wie der jeweilige Gastgeber - automatisch in der Endausscheidung. (Die Türkei gehört zwar ebenfalls zu den großen Zahlern, doch bislang zeigt das Land kein Interesse, als Nummer fünf zu den „Big 4“ aufzuschließen.) Zu den fünf festen Finalteilnehmern kommen noch die jeweils neun bestplazierten des vergangenen Jahres hinzu. Die restlichen zehn Finalplätze werden beim Halbfinale vergeben, in dem maximal 26 Länder antreten dürfen.

Rücktritte und Skandale

Auch in diesem Jahr waren ursprünglich 26 Halbfinalisten vorgesehen: Österreich und Ungarn sind schon im vergangenen Jahr von ihren Startplätzen zurückgetreten. Der ORF war offenbar vom frühzeitigen Ausscheiden seines Kandidaten (“Global Kryner“) im Jahr 2005 schwer enttäuscht, der ungarische Sender MTV gab finanzielle Gründe an.

Noch ein Land verzichtete überraschend in diesem Frühjahr auf die Teilnahme: Beim nationalen Vorentscheid von Serbien und Montenegro kam es zum Eklat. Der Grand-Prix-Kandidat sollte nicht allein durch Televoting, sondern auch durch eine Jury bestimmt werden, die aus acht Mitgliedern - vier aus Serbien und vier aus Montenegro - bestand. Die Wertung verlief dann wie von vielen befürchtet: Die von den Serben favorisierte Gruppe „Flamingosi feat. Luis“ wurde von den montenegrinischen Juroren vollständig ignoriert, und zwar zugunsten der Band „No Name“, die bereits 2005 zum Grand-Prix-Finale nach Kiew gefahren war.

Das Publikum ließ sich diese Manipulation nicht gefallen, „No Name“ wurde dermaßen beschimpft und sogar mit Flaschen auf der Bühne beworfen, das die beiden Sänger flüchteten. Der serbische Fernsehsender RTS und der montenegrinische Kanal RTCG konnten sich daraufhin auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen. Nun dürfen Serben und Montenegriner nur per Telefon beim ESC mit abstimmen. Im nächsten Jahr könnten die beiden Republiken dann schon jeweils einen eigenen Kandidaten zum ESC entsenden: Schon am Sonntag nämlich entscheiden die Montenegriner über die Unabhängigkeit ihrer Republik.

Eine politisch brisante Angelegenheit

Politisch ist der Grand Prix oftmals eine brisante Angelegenheit: Jordanien zum Beispiel hat jahrelang die Übertragung gekappt, wenn die israelischen Teilnehmer die Bühne betraten. Erst nach dem Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern wurde die Live-Schaltung nicht mehr unterbrochen - etwa beim Sieg der Israelin Dana International 1998. Noch im vergangenen Jahr zog aber Libanon plötzlich seine Teilnahme am ESC in Kiew zurück. Begründung: die Teilnahme Israels.

Deutschland und seine Nachbarn

Deutschland hat sich noch nie auf seine Nachbarn verlassen können - zumindest nicht, was die Punktevergabe beim Grand Prix angeht. Während Monaco fast immer die meisten Punkte an Frankreich, Norwegen an Schweden, Finnland an Estland, Dänemark an Schweden, Spanien an Portugal und Zypern an Griechenland vergab und vergibt, bekam Deutschland aus Österreich und der Schweiz meist sogar besonders wenige Punkte, und das auch schon in den früheren Jury-Zeiten.

Erotik auf der Bühne

Auch beim Halbfinale am Freitag abend setzten die Interpreten wieder auf Erotik: Andorra trat nur mit Strapsen und in Unterwäsche an, was sich aber bei der Punktevergabe nicht bemerkbar macht, und auch die Isländerin „Silvia Night“ scheiterte im Halbfinale, obwohl sie sich ihr Kleid runterreißen ließ und ihre Tänzer sich ihrer Hosen entledigten. Ungewöhnlich ist das nicht: Schon seit den Siebzigern fallen die Hüllen auf der Bühne - die für Deutschland startende Ireen Sheer warf zum Beispiel im Jahr 1978 ihr Kunstpelzcape zu Boden. Sandie Shaw, die mit „Puppet On A String“ für Großbritannien 1967 Platz eins holte, trat sogar barfuß auf. Sie glaubte, ihre Füße wirkten so kleiner.

Eine Kanadierin für die Schweiz

Nicht alle Künstler sind in dem Land geboren, für das sie antreten. Bestes Beispiel ist die Kanadierin Celine Dion, die 1988 als völlig Unbekannte für die Schweiz den Grand Prix mit dem Lied „Ne partez pas sans moi“ gewann. Die Französin Severine, die 1971 für Monaco mit „Un banc, un arbre, une rue“ an den Start ging und zur Siegerin gekürt wurde, dürfte aber bis heute die einzige Gewinnerin sein, die das Land, für das sie antrat, nie besucht hat. 1975 versuchte sich Severine auch beim deutschen Vorentscheid (“Dreh dich im Kreisel der Zeit“), kam aber nur auf Platz sieben.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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