10.12.2009 · Die Herkunft seines Namens beschäftigt Barack Obama auch in seinen autobiographischen Büchern. Wegen der Ähnlichkeit zu „Osama Bin Laden“ und Saddam Hussein sagte sein Medienberater ihm einst das frühe Ende der politischen Karriere voraus.
Von Ralf SchieblerWhat’s in a name? Shakespeares Frage hat sich auch Barack Hussein Obama oft gestellt. Schon zu Beginn seiner autobiographischen Bücher, „Dreams from My Father“ (1995) und „The Audacity of Hope“ (2006), thematisiert er die Herkunft des seltsamen Namens, der ganz mit dem seines Vaters übereinstimmt und zu zwei Dritteln mit dem des muslimischen Großvaters, Hussein Onyango Obama.
Die Vornamen sind arabisch (Barack: der Gesegnete; Hussein: der Gute, Schöne), der Nachname kommt aus dem Dholuo, der Sprache des kenianischen Luo-Stamms, dem Vater und Großvater angehörten. Die Übersetzung „brennender Speer“ erklärt Obama selbst: Sie sei eine Mystifikation, die er benutzt habe, um seinen Mitschülern zu imponieren. Im Dholuo kennzeichnet das Präfix o die dritte Person Singular, das Suffix a das Objekt „mich“, der Stamm bam bedeutet „biegen“. Obama wäre also zu übersetzen: Er, sie, es möge mich biegen/biegt mich/hat mich gebogen/aus der Reihe gebracht/ich tanze aus der Reihe.
Als der Vater 1959 als erster afrikanischer Student an die Universität von Hawaii kam und sich in eine weiße Amerikanerin verliebte, wurde sein Vorname – wie der ihres 1961 geborenen Sohns – im Alltag zu Barry rundgeschliffen. Aber so sehr die einlullende amerikanische Konsumkultur dem Jungen auch gefiel – er beharrte auf dem Original, dem Authentischen.
Natürlich änderte Obama seinen Namen nicht
Ein Name kann politische Konsequenzen haben. Das demonstriert Obama, wenn er ein Gespräch schildert, das er in einer schwierigen politischen Phase Ende September 2001 mit einem Medienberater hatte. Auf dem Tisch lag eine Zeitung, deren Titelseite den Steckbrief Usama Bin Ladins (im Englischen: Osama Bin Laden) zeigte. Der Medienberater zuckte bedauernd die Achseln. Da könne man nichts mehr machen. Einerseits sei seine Karriere schon so weit fortgeschritten, dass er jetzt kein Pseudonym mehr annehmen könne. Andererseits sei seine Karriere zu Ende, da der politische Gegner derartige Anklänge ausschlachten werde. Natürlich änderte Obama seinen Namen nicht. Die Einheit von Zeichen und Bezeichnetem ist nun einmal das Kerngeschäft der Poesie. Obama muss gespürt haben, dass in seinem Namen eine Magie, ein Geheimnis beschlossen liegt, stärker als die zufällige Ähnlichkeit mit „Osama Bin Laden“ und Saddam Hussein.
Von Jugend an war ihm die Macht des Wortes und der Stimme bewusst. „Ich muss nur die richtigen Worte finden, sagte ich mir. Mit den richtigen Worten konnte alles anders werden.“ Er beweist Sinn für transkulturelle Wortspielerei, wenn er erwähnt, dass über den Namen seines indonesischen Stiefvaters Lolo gescherzt wurde, der auf Hawaiianisch „verrückt“, aber auch „Gehirn“ bedeutet. Ein Glanzstück ist seine Usurpation des Begriffs „Hope“. Er erscheint an zentraler Stelle der Antrittsrede des Präsidenten: „Wir haben uns für Hoffnung anstelle von Angst entschieden.“ Als der aufstrebende Senator 2006 dem zweiten Teil seiner Autobiographie den Titel „Die Kühnheit der Hoffnung“ gab, lag darin Chuzpe. Denn die Wendung geht zwar auf den Pastor Jeremiah Wright zurück – als Beschreibung des amerikanischen Geistes und Gemeinschaftsgefühls, des Mutes zur Selbstverantwortung. Aber sie bekundet in der Anspielung auf Bill Clintons Buch „Between Hope and History“ (1996), die ungerührt über dessen Alleinstellungsmerkmal, in Hope (Arkansas) geboren zu sein, hinweggeht, einen veritablen Machtanspruch.
Die Zeit scheint stillzustehen
Im Jahr 1989 absolvierte der Jurastudent Obama in einer Anwaltskanzlei in Chicago ein Praktikum. Als Beraterin wurde ihm die Anwältin Michelle Robinson zugeteilt. Ihre erste Reaktion: Was ist das für ein komischer Name? Sie sollte bald erfahren, welches Versprechen er enthielt. Beide mochten einander. Es dauerte einige Wochen, bis Michelle Robinson Barack Obamas Wunsch nach einer Verabredung außerhalb des Büros erfüllte. Sie besuchten das Art Institute of Chicago. Und Obama beeindruckte sie mit Eloquenz und Kunstsinn.
Das Art Institute of Chicago ist eines der bedeutendsten Museen der Welt, sein Schwerpunkt bildet die Geschichte der Moderne vom Impressionismus an, von Monets Heuschobern bis zu Hoppers Nighthawks. Die Revolution der modernen Kunst wird an Meisterwerken von Picasso, Duchamp, de Chirico, Magritte, Dalí exemplarisch nachvollziehbar. De Chiricos „Eroberung des Philosophen“ (1913/14) zeigt – im Gegensatz zum kriegsbegeisterten Furor der Expressionisten – ein Innehalten: Die Zeit scheint stillzustehen. Ein fahrender Zug kann mit gleichem Recht als ruhend betrachtet werden, sagt Einstein, sogar, wenn er vermeintlich bremst. Es baut sich dann ein in die vermeintliche Fahrtrichtung wirkendes Schwerefeld auf, das den Passagier einen Ruck verspüren lässt.
Das starre Urmeter schlängelt sich wie ein Aal, von Duchamp genial visualisiert in „3 Stoppages Etalon“ (1913/14). Picasso kehrt zu den afrikanischen Ursprüngen der Bildnerei zurück. Dalí spielt mit den Mehrdeutigkeiten des Rorschach-Tests. Obama sollte sich im Wahlkampf 2008 einen Rorschach-Test nennen. Im Amerikanischen gibt es den Ausdruck „Rorschach-Politiker“ für eine Persönlichkeit, die sich aus den Erwartungen der Wähler zusammensetzt. In „The Audacity of Hope“ sieht Obama sich als „leere Leinwand, auf die Leute mit sehr verschiedenem politischem Hintergrund ihre diversen Ansichten projizieren“.
„Mischlinge wie ich“
Die Figur-Grund-Ambivalenz ist ein wesentliches Ingrediens der modernen Kunst. Cézanne – der einzige Maler, den Obama in seinen Büchern namentlich erwähnt – war der Erste, der Leerstellen bildnerisch einsetzte. Pointillisten und Fauves lockerten das Farbgefüge immer mehr, und der Gleichgewichtspunkt, an dem Schwarz auf Weiß in Weiß auf Schwarz umschlägt, kam näher, ein Changieren, das Obama in seiner eigenen Person spürt: „Ich wechselte hin und her zwischen meiner schwarzen und meiner weißen Welt, lernte, dass jede ihre eigene Sprache hatte, und war überzeugt, dass beide Welten mit ein wenig übersetzerischer Hilfe meinerseits letztlich zusammenfinden würden.“
Der Künstler, der das Verhältnis von Künstler und Betrachter umdrehte und auf die Kreativität des Rezipienten setzte, war Marcel Duchamp. Sein Werk wurzelt im Wortspiel, und so gibt es auch Arbeiten, in denen er das bildnerische Material der Wörter der Umkehr unterwirft. „ANEMIC CINEMA“ (blutarmes Kino) ist sein Film (1926) betitelt, in dem in Spiralform geschriebene, mit Klangvertauschungen spielende Sätze sich auf Scheiben drehen. Michelle Robinson und Obama wird, als sie das Art Institute an jenem Tag verließen, bewusst gewesen sein, dass sein Name durch eine Besonderheit auffällt – und dass der Klartext auf einem „Metaphysischen Selbstporträt“ von Giorgio de Chirico in einer lateinischen Inschrift erscheint und bedeutet: Ich werde lieben („amabo“).
In der ersten Pressekonferenz Obamas nach der Präsidentschaftswahl ging es um die Frage der Auswahl des Hundes, den er seinen Töchtern für den Fall des Umzugs ins Weiße Haus versprochen hatte. Da die ältere Malia eine Allergie gegen Hunde habe, müsse man eine entsprechende nicht-allergene Rasse finden. Andererseits würde die Familie einen Hund aus einem Tierheim bevorzugen, aber die meisten dieser Tiere seien „Mischlinge wie ich“ und damit problematisch für Allergiker. Es zeugt von Souveränität, dass der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten sich mit einem Hund vergleicht. Später scherzte er, der richtige Hund sei schwerer zu finden als ein Finanzminister. Als der Hund gefunden war, war der Name schon keine Überraschung mehr: „Bo“ ist die letzte Silbe von „amabo“, gebildet aus den Initialen des Präsidenten.
Einsinniges Fortschrittsdenken trifft auf Reflexion
Als Obama den Amtseid ablegte, vertauschte er die Position des Adverbs „faithfully“: „I will execute the office of President of the United States faithfully“ statt „I will faithfully execute the office of President of the United States“. Inhaltlich zeigte sich das Leitmotiv der Umkehr in der häufigen Verwendung der Vorsilbe re- in der Antrittsrede. Man müsse den Staub abklopfen und an die Arbeit gehen, Amerika zu erneuern („remaking America“). Erforderlich sei eine Rückkehr („return“) zu alten Wahrheiten, eine neue Ära der Verantwortung („responsibility“) und die Erkenntnis („recognition“) von Pflichten, eine Kultur der Demut und Zurückhaltung („restraint“) angesichts von Machtmissbrauch und Umweltzerstörung. Nach übertriebenem Wachstum, so blieb zu ergänzen, wirken Rezession, Rückgang, Rezyklierung, Rekuperation heilsam und bereiten die Erholung („recovery“) vor, wobei, wie der Basketballspieler weiß, mit Rebound-Effekten zu rechnen ist.
Im April verkündete Obama in Prag seine Vision einer Welt ohne Atomwaffen. Im September erklärte er den Verzicht („renunciation“) auf das in Polen und der Tschechischen Republik geplante Raketenabwehrsystem. Am Morgen des 9. Oktober weckte Malia ihren Vater, wie er berichtete, mit den Worten: „Es ist Bos erster Geburtstag, und du hast den Nobelpreis bekommen.“ Anders als üblich war dieser weniger für vergangene als für erhoffte Taten zuerkannt worden – vielleicht im Einklang mit der Besonderheit des Dholuo, dass bei manchen Verbformen, so auch bei „obama“, Präsens, Perfekt und Optativ ununterscheidbar sind, so dass offenbleibt, ob jemand etwas tut, getan hat oder tun möchte. Der 44. Präsident ist ein symmetrischer. Als Linkshänder ist er disponiert, von rechts nach links zu schreiben. Einsinniges Fortschrittsdenken trifft auf Reflexion. Der „brennende Speer“ biegt sich und schlängelt sich – wie das Urmeter von Einstein und Duchamp.