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ICE 4 ohne Abteile : Keiner will mehr reden

Wer sich über Stunden gegenübersitzt, der kommt irgendwann ins Gespräch. Blick in ein Zugabteil der Deutschen Bahn, aufgenommen im Jahr 2001 Bild: LAIF

Der fliegende Salon schließt: In den neuen ICE-Zügen fehlen klassische Abteile. Damit endet die Ära, in der die Bahnreise noch ein Abenteuer sein konnte.

          Plötzlich geht die Schiebetür auf, ein unbekannter Mensch schaut herein und stellt die Frage: „Ist hier noch frei?“ Jeder Bahnreisende weiß: Dies ist ein Schlüsselmoment, der darüber entscheiden kann, ob die Fahrt angenehm verläuft oder zur Qual wird. Bleibt der Fremde im Abteil, ist im besten Falle ein freundlicher, unterhaltsamer Gesprächspartner gewonnen. Läuft alles ganz normal, schweigt man einander auf manierliche Weise an. Im schlimmsten Falle aber mutet das Schließen der Schiebetür an wie die Verriegelung einer Gefängniszelle. Mit dem Unterschied immerhin, dass man auf diesem engen Raum nicht Monate oder Jahre, sondern vielleicht nur die gut dreieinhalb Stunden Fahrzeit von München bis Kassel gemeinsam verbringt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Erich Kästner hat es schon vor bald neunzig Jahren gewusst: „So ein Eisenbahnabteil ist eben doch eine seltsame Einrichtung“, schrieb er. „Wildfremde Leute sitzen hier auf einem Häufchen und werden miteinander in ein paar Stunden so vertraut, als kennten sie sich seit Jahren. Manchmal ist das ja ganz nett und angebracht. Manchmal aber auch nicht. Denn wer weiß, was es für Menschen sind?“

          Tatsächlich ist das Zugabteil einer der wenigen verbliebenen Orte, an denen eine zusammengewürfelte Gruppe ein wenig Lebenszeit miteinander teilt und sich durch die Vis-à-vis-Gruppierung zur Kommunikation oder zumindest zum gelegentlichen Blickkontakt genötigt sieht. Ähnlich ist es vielleicht noch beim Arzt im Wartezimmer, nur sind die Leute dort nicht unbedingt zum Reden aufgelegt – und falls doch, so sind die Gesprächsthemen nicht die erfreulichsten.

          Wie eine kurzweilige Fernsehtalkshow

          Wie anders ist das im Bahnabteil: Beflügelt durch den Ortswechsel, ist der Mensch meist gut aufgelegt, er schleppt keinen Ballast mit sich herum außer ein, zwei Taschen oder Koffern, und im Gespräch werden rasch die ganz großen Fragen gestellt: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Mag sein, dass die Antworten ganz profan ausfallen: Ich bin der Herr Müller und reise von Frankfurt nach Passau. Und doch ist man nachher einander nähergekommen, und zwar nicht nur Herr Müller der Stadt Passau. Eine gute Zugfahrt im Abteil erinnert ein bisschen an eine kurzweilige Fernsehtalkshow, die Leute aus verschiedensten Bereichen der Gesellschaft miteinander ins Gespräch bringt.

          Solche Begegnungen aber dürften weniger werden, und das liegt an den neuen ICE-Zügen. Seit ein paar Tagen fahren zwei der ICE-4-Modelle im Probebetrieb, und einiges hat sich verändert. Die Klimaanlagen sollen zuverlässiger sein, es gibt acht Fahrradstellplätze im letzten Wagen und neues Licht, das sich den Tageszeiten anpassen soll. Die entscheidende Änderung jedoch, in der sich ein Kulturwandel ausdrückt: Die ICE-4-Reihe kommt – abgesehen von einigen Familienabteilen – ohne klassisches Zugabteil aus. Großraum, wohin das Auge blickt.

          Bei der Bahn ist man bemüht, daraus keine große Sache zu machen. Schon seit den achtziger Jahren, sagt eine Sprecherin, sei die Nachfrage nach Abteilplätzen „deutlich zurückgegangen“. Nur noch „ein ganz kleiner Teil“ der Reisenden wolle gern im Abteil sitzen, „aber auch nur dann, wenn auf den anderen Plätzen niemand sitzt. Sonst stehen die Leute lieber.“ Im trauten Heim auf Zeit, welches das Zugabteil durchaus sein kann, findet man sein Glück nur noch allein.

          Der Wandel des Bahnfahrens

          Die Abschaffung des Abteils ist ein weiteres Indiz dafür, wie sehr sich der Begriff des Reisens, jedenfalls des Reisens mit der Bahn, verengt hat. War Reisen früher mit Freizeit und Urlaub verbunden, mit Neugierde und mit Lust am Abenteuer, so hat es sich mehr und mehr verlagert in die Sphäre des Geschäftlichen. Im Großraumwagen sitzt der Mensch hintereinander aufgereiht wie im Flugzeug oder im Kino, fast automatisch schiebt er sich sogleich die In-Ear-Hörer ins Ohr und das Ladekabel des Laptops in die Steckdose. Geredet wird vorrangig übers Handy. Der Großraumwagen im ICE ist ein Großraumbüro auf Rädern.

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