26.05.2006 · Der ein oder andere Jäger will den Braunbären Bruno in Österreich gesehen haben. Doch verwertbare Spuren gibt es nicht. Während von den Behörden Schießbefehl erteilt wurde, sind Fachleute aus vielen Teilen Europas angereist, um Bruno zu retten.
Von Reinhard Olt, WienSchade, daß „Bruno“ nicht über die Inntal-Autobahn spazierte. Dort wäre der Braunbär, der seit Tagen das österreichisch-deutsche Grenzgebiet im Raum Lech-Loisach-Isar-Inn in Atem hält, seines Lebens sicher gewesen und man hätte ihn vielleicht mittels Einfangen vor dem Abschuß bewahren können.
Zumindest zwischen Freitag nachmittag und Mitternacht, als sie Transitgegner blockierten und den Brennerpaß „besetzt“ hielten, so daß die Strecke in beiden Richtungen kaum von Fahrzeugen frequentiert worden war. Aber nein, der „Problembär“, treibt sich weiter im Verborgenen herum und läuft Gefahr, einem mit Schießbefehl bewehrten Jäger vor die Flinte zu kommen.
Lediglich Spuren seiner Freßlust
Doch bisher kamen lediglich Spuren seiner Freßlust zum Vorschein, und allenfalls Jäger sowie des Jägerlateins Kundige wollen seiner ansichtig geworden sein. Die jüngste Meldung einer „Bärensichtung“ stammt vom Freitag. Ein Jäger gab bei der Polizei in Schwaz zu Protokoll, daß er das Tier am Donnerstag nachmittag um 17 Uhr im Rofangebirge auf Gemarkungsgebiet der Gemeinde Brandenberg erblickt habe; es sei unterm Wimmerkopf unterwegs gewesen und in Richtung Aschau getrottet.
Räumlich paßte dies zur Meldung eines Jagdpächters tags zuvor aus Thiersee nahe Kufstein, der, während er einen balzenden Auerhahn beobachtete, von Meister Petz angebrüllt worden sein wollte. Doch seine Begegnung mit dem Bären ist auch in Zweifel gezogen worden: erst gab er an, er habe „Bruno“ in fünfzig Metern Entfernung gesehen und sei ihm gefolgt, bis er über eine Bergkuppe verschunden sei; dann revidierte er diese Version und sagte gegenüber Mitarbeitern der österreichischen Sektion des World Wildlife Fund (WWF), er habe das Tier mit dem Fernglas beobachtet.
Bisher keine verwertbare Spuren
Obschon sich diese dort sofort auf Erkundungstour begaben, sind weder im Bezirk Kufstein noch im Bezirk Schwaz bisher verwertbare Spuren entdeckt worden. Daher bleibt auch vorerst weiter unklar, ob es sich um ein- und dasselbe Tier handelt, das zuvor - in einer Entfernung von hundert Kilometern Luftlinie auf bayerischem Gebiet, in Grainau bei Garmisch-Partenkirchen - Schafe und Hühner gerissen hatte.
Der in Tirol zuständige Landesrat (Minister) für Land- und Forstwirtschaft sowie Umweltschutz, Anton Steixner, befand, die jeweilige Situation drüben im Bayrischen und herüben im Unterinntal sei „völlig unterschiedlich“ gewesen. Steixner hat daher für den Tiroler Bezirk Reutte „Abschußbefehl“ erteilt - was in jenen österreichischen Medien, welche sich als Hort des Tierschutzes gerieren und daher am bayerischen Umweltminister Schnappauf kein gutes Haar ließen, weil der sich für Abschuß aussprach, eher ausgespart ward.
Schießbefehl auf Bruno
Bei Garmisch sei der Bär in der Nähe von Siedlungen gesichtet worden, habe zudem Schaden angerichtet. Daher sei dort der „Schießbefehl“ ebenso begründet wie für Reutte, Galtür und für das Montafon im benachbarten Vorarlberg, wo „Bruno“ oder sonst einer seiner Artgenossen auch schon sein Unwesen trieb - sofern der es tatsächlich war, denn in Österreich gibt es laut WWF eine Bärenpopulation von 30 Tieren.
In den Gebieten Kufstein und Schwaz, wo die „Sichtung nicht in der Nähe von Siedlungen erfolgt“ sei und wo es „keine Meldungen über Schäden gibt“, die Gefahr daher „geringer einzustufen ist“, dürfe der Bär daher nicht abgeschossen werden. Der WWF sprach in seiner Verlautbarung vom Freitag von „typischer Bärensichtung“ im Unterinntal. Sie erscheine auch plausibel angesichts von räumlicher Entfernung und zeitlichem Abstand zur Sichtung in Bayern. Daher sei nicht auszuschließen, daß es sich um den „Problembären“ handle.
Gewißheit erst nach Auswertung der DNA
Doch wegen der dreißig in Österreich „bekannten“ Tiere könne es sich bei dem im Unterinntal anzunehmenden Tier „auch um einen Bären der österreichischen Gruppe handeln“; Gewißheit sei erst nach Auswertung von DNA-Spuren zu erlangen. Entgegen ersten Vermutungen ist „Bruno“ nicht der Bruder von „JJ2“, einem männlichen Tier aus dem von der Autonomen Provinz Trient (Norditalien) betriebenen Braunbären-Wiederansiedelungsprojekt. Das ergaben Untersuchungen von Spuren und Haaren, welche jener Bär hinterließ, der am 17. Mai in Flach im Lechtal (Bezirk Reutte) gesehen worden war.
Während auch dort der Schießbefehl aufrecht bleibt, sind mittlerweile Fachleute aus Rumänien, Skandinavien, Slowenien und aus dem Zoo Schönbrunn in Wien angereist, die den oder die Bären vor der Jägerschaft retten wollen. Der WWF hat auf Reutter Terrain eine sogenannte Röhrenfalle aufgestellt, in welche man das Tier zu locken hofft, die angeblich erfolgversprechendere „Schlingenfalle“ sei vom Land Tirol aus Gründen des Tierschutzes nicht erlaubt worden.
„Kärnten ist ein bärenfreundliches Bundesland“
Bezirkshauptmann Dietmar Schennach versicherte, auch die Weidmänner würden „natürlich“ zuerst einmal versuchen, den Bären in eine Falle zu locken respektive ihn per Narkotisierungsgeschoß zu betäuben. Wenn der Bär los ist, ganz gleich wo, ob in Bayern oder in Österreich, dann kann sich auch einer wie der Kärntner Landeshauptmann Haider mit Angeboten und Ratschlägen nicht zurückhalten. Naturgemäß: in diesem Falle spricht aus dem in letzter Zeit seltener als „Medienstar“ agierenden Politiker allerdings eher der Besitzer eines Forstgutes von 1100 Hektar im Bärental an der Grenze zu Slowenien, in dem es, wie schon aus dem sprechenden Flurnamen hervorgeht, Bären gibt.
Haider will den „Problembären“ aufnehmen: „Kärnten ist ein bärenfreundliches Bundesland. Deshalb habe ich meinen Tiroler Kollegen angeboten, daß wir den Bären bei uns in Kärnten Asyl gewähren“, sagte er der Regionalzeitung „Die Neue“. Dem Bericht zufolge rief er Steixner an und unterbreitete ihm das Angebot: „Betäubt's ihn und bringt's ihn zu uns her“. Schon in der Vergangenheit hatte sich der Kärntner Regierungschef als Freund der nicht gerade schmächtigen Vierbeiner offenbart: als 1994 „Problembär Nurmi“ umging, betätigte sich Haider ebenfalls als dessen prominentester Fürsprecher.
Allerdings wurde damals das Tier in Oberösterreich von einem Jäger mit der Büchse zur Strecke gebracht. Welche Parallele: im Unterschied zur restlichen Population hatte es er kaum Scheu vor Behausungen und Stallungen gezeigt, Schafe gerissen und Bienstöcke geleert, so daß wegen seines Treibens gar der Einsatz des österreichischen Bundesheeres gefordert worden war.
Reinhard Olt Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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