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Babyklappe Findelkinder aus der Grauzone

11.08.2009 ·  Anonyme Babyklappen sollen verhüten, dass Mütter ihre Säuglinge töten. Das Angebot sorgt wieder einmal für Streit zwischen Behörden und Betreibern. Im Mittelpunkt steht der rührige Hamburger Verein SterniPark.

Von Anna v. Münchhausen
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Solch eine Geschichte hat man vermutlich im piekfeinen Notariat am Hamburger Alstertor noch nie zuvor protokolliert: „Ich bin trotz Pille schwanger geworden“, berichtet eine zwanzig Jahre alte Frau, „und habe dies erst im fünften Monat bemerkt. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit dem Vater bereits nicht mehr zusammen.“ Die Schwangerschaft habe sie wegen ihrer Ausbildung als Bankkauffrau in Hamburg und aus Angst vor der Enttäuschung der Mutter verheimlicht.

„Die Bank - einschließlich des Betriebsrats - drängte mich Ende April 2008 zu einem Aufhebungsvertrag . . . Anschließend tat ich gegenüber meiner Mutter, die noch nichts bemerkt hatte, so, als gehe ich unverändert in die Bank . . . Ich habe mein Kind am 9. Juni 2008 im Krankenhaus in Hamburg - nicht anonym - zur Welt gebracht. Am 14. Juni wurden mein Sohn und ich aus stationärer Behandlung entlassen; unmittelbar anschließend gab ich ihn in der Babyklappe von SterniPark in der Goethestraße 27 in Altona ab.“

Hinweise auf Kinderhandel?

So steht es, zusammen mit ähnlich lautenden Berichten dreier anderer Frauen, in einer „Tatsachenbescheinigung“, die Henning Voscherau, früher Erster Bürgermeister von Hamburg und heute als Notar tätig, am 16. Juli ausstellte und feierlich besiegelte. Die protokollierten anonymen Gespräche sollten klären, wo vier Kinder geblieben waren, die 2008 in Hamburger Babyklappen aufgefunden worden waren - Kinder, die dem Hamburger Jugendamt nicht gemeldet worden waren.

Daran hatte der Sozialsenator Dietrich Wersich (CDU) öffentlich Anstoß genommen. Man werde prüfen, ob sich ein „Anfangsverdacht für strafrechtliche Ermittlungen“ gegen den Betreiber SterniPark e.V. ergebe. Mancher verstand das als versteckten Hinweis darauf, dass SterniPark möglicherweise Kinderhandel betreibe.

Vertraulichkeit und Anonymität wird zugesichert

Der Rechtsanwalt des rührigen Vereins, der in der Hansestadt vor allem Kindertagesstätten betreibt, sprach daraufhin von einer „Rufmordkampagne“. Als Erster hatte SterniPark vor neun Jahren in Deutschland Babyklappen eingerichtet. Mittlerweile gibt es mehr als achtzig davon, die meisten sind einer Klinik angeschlossen. Alle funktionieren auf ähnliche Art: Nach Druck auf einen roten Knopf öffnet sich die Glastür, dahinter wartet ein auf 36,9 Grad geheiztes Wärmebettchen, wie es auf Frühchenstationen von Geburtskliniken eingesetzt wird. Die vordere Glaswand fehlt, um das Bündel einfacher hineinreichen zu können.

Reichlich Infomaterial liegt in der Klappe aus: „Achtung, unbedingt mitnehmen“, versehen mit beruhigenden Appellen: „Wir sichern Ihnen Vertraulichkeit und Anonymität zu“ - auf Deutsch, Englisch, Russisch, Türkisch. Telefonnummern anonymer Beratungs- und Adoptionsvermittlungsstellen fehlen ebenso wenig wie ein Stempelkissen, mit dem die Mutter einen Fuß- oder Händeabdruck ihres Kindes als späteres Beweismittel nehmen kann. „Das wurde bei uns allerdings noch nie benutzt“, erklärt Schwester Kunigunde, die im Hanauer St.-Vinzenz-Krankenhaus für die Babyklappe zuständig ist.

Findelkinder werden medizinisch versorgt

Das nüchterne Ambiente der Nische steht in scharfem Kontrast zu der Anspannung und den widersprüchlichsten Gefühlen, die sich vor dieser Glastür schon abgespielt haben. Keineswegs nämlich werden in den Wärmebettchen kleine Wonneproppen vorgefunden, im Gegenteil: Meist sind die Winzlinge allenfalls provisorisch abgenabelt und in Tücher gewickelt, oft noch blutverklebt - was auf einen gefährlichen, spontanen Geburtsverlauf schließen lässt. Erst wenn sich die zusätzlich mit einer Sichtblende ausgerüstete Glastür schließt, wird Alarm ausgelöst. Drinnen öffnet dann eine herbeigeeilte Krankenschwester der chirurgischen Ambulanz die Klappe. Im Kreißsaal wird das Findelkind medizinisch untersucht und versorgt.

Man mag argumentieren, jedes Kind, das seine Rettung dieser Einrichtung verdankt, rechtfertige den Aufwand. Doch Tatsache ist auch, dass sich ursprünglich damit verbundene Hoffnungen nicht erfüllt haben. Fälle von ausgesetzten und getöteten Neugeborenen gibt es nach wie vor. Und das, obwohl sich die Möglichkeit der anonymen Abgabe inzwischen herumgesprochen haben dürfte - nicht zuletzt dank der unermüdlichen Medienarbeit von SterniPark.

Handeln im Affekt

Woran liegt das? Frauen, die ihr Kind heimlich zur Welt bringen und es töten, handeln im Affekt - unfähig, Folgen abzuschätzen. Anke Rohde, Professorin für gynäkologische Psychosomatik in Bonn, sagt: „Aus meiner Sicht braucht man Babyklappen nicht - im Gegenteil, sie sind meines Erachtens sogar schädlich. Aufgrund meiner forensisch-psychiatrischen und wissenschaftlichen Erfahrungen kann ich feststellen, dass die Frauen, die ihr neugeborenes Kind töten, nicht identisch sind mit jenen Frauen, die imstande sind, ihr Kind in einer Babyklappe abzugeben.“

Mütter, die töten, befänden sich oftmals in einer Ausnahmesituation und hätten gravierende Probleme, bezogen auf die unerwünschte, meist auch verdrängte Schwangerschaft. Wenn eine Frau aber imstande ist, rational zu handeln und herauszufinden, wo sich die nächste Babyklappe befindet, dann sei es ihr auch möglich, sich an eine Adoptionsvermittlung zu wenden. „Schädlich sind Babyklappen, weil sie suggerieren, die Abgabe dort sei eine legale und gesellschaftlich akzeptierte Weise, mit einer nicht erwünschten Schwangerschaft umzugehen.“

Vertrauensvolles Klima im SterniPark

Seit SterniPark das „Projekt Findelbaby“ 1999 ins Leben rief, hat der Verein 36 Kinder in seine Obhut genommen - und sich dabei als Vorkämpfer gegen Kindesaussetzungen und -tötungen profiliert. „Unsere Babys sind die bekanntesten der Stadt“, stellt SterniPark-Geschäftsführerin Leila Moysich fest. Die 29 Jahre alte stellvertretende Geschäftsführerin, stets eloquent und hochengagiert, beharrt darauf: Nur weil den Frauen strikte Anonymität zugesichert werde, könne sich ein vertrauensvolles Klima entwickeln.

Mit dem Ergebnis, dass die leibliche Mutter ihr Kind doch selbst annehme. Das sei nur ohne die staatliche Überwachung möglich. Bestes Beispiel: die von Voscherau protokollierten Fälle. An dem von SterniPark geübten Verfahren soll deshalb festgehalten werden.

Babyklappen produzieren Findelkinder

Kritiker monieren weiterhin, mit Babyklappen würden nicht Säuglinge gerettet, sondern eher künstlich Findelkinder produziert. Diesen Findlingen mute man das Trauma der ungewissen Herkunft zu, eine Hypothek fürs Leben. Was zählt mehr: der Schutz der Mutter oder das Recht des Kindes auf das Wissen um seine Wurzeln? Und: Wie weit soll die Kontrolle der Behörden reichen in dieser hochsensiblen Krisensituation? Mehrere Versuche, die anonyme Geburt und Kindesabgabe in einen legalen Rahmen zu stellen, sind mittlerweile gescheitert.

Und so agieren auch die Mitarbeiter von Kliniken, kirchlichen und staatlichen Adoptionsvermittlungsstellen nach wie vor in einer juristischen Grauzone - einerseits fühlen sie sich an die Schweigepflicht den Frauen gegenüber gebunden, andererseits müssten sie der Meldepflicht genügen. „Wir haben über 300 Frauen betreut, die ihre Schwangerschaft verheimlicht haben“, berichtet Leila Moysich von SterniPark. Sechzig Prozent nähmen ihre Kleinen nach spätestens acht Wochen wieder zu sich - daher erübrige sich die sofortige Meldung an die Behörde.

Gegen Zusammenarbeit mit den Behörden

„Warum wehrt sich eine private Organisation, die doch angeblich nur das Beste für die betroffenen Frauen und Kinder zum Ziel hat, so vehement gegen die Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen?“, fragt die Psychiaterin Anke Rohde. „Warum setzt sie sich nicht vielmehr dafür ein, dass vorhandene Hilfsstrukturen weiter verbessert werden? Das macht nachdenklich und lässt den Verdacht aufkommen, dass sich da jemand nicht in die Karten schauen lassen möchte - warum auch immer.“

Wie die Zusammenarbeit zwischen SterniPark und den Jugendämtern in Zukunft aussehen soll, ist ungewiss. In der Sozialbehörde will man sich die Bescheinigung des Notariats noch einmal genau anschauen. „Es hätte uns gereicht, wenn bescheinigt worden wäre, dass es sich um die leiblichen Kinder dieser Mütter handelt“, so Jasmin Eisenhut, Sprecherin des Sozialsenators. „Für uns steht das Wohl der Kinder im Mittelpunkt. Wir wollen die Sicherheit, dass eine unabhängige Person die Interessen des Kindes vertritt.“ Man habe jedoch kein Interesse daran, den Streit eskalieren zu lassen.

Der Notar selbst hatte offenbar genug von der Angelegenheit: Man solle die Mütter nun einfach in Ruhe lassen, sie hätten genug durchgemacht, knurrte Voscherau.

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