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Leben mit Behinderung : „Inklusion ist eine Haltung“

Verbunden im Moment: Julia Latscha mit Tochter Lotte, die jetzt 14 Jahre alt ist Bild: Julia Zimmermann

Julia Latscha hat eine schwerbehinderte Tochter, die manchmal über Stunden brüllt. Ein Gespräch über den schwierigen Alltag, starrende Menschen und die Vorteile der Förderschule.

          Frau Latscha, Ihre Tochter Lotte ist durch einen Sauerstoffmangel bei der Geburt mehrfach behindert. Sie kann kaum sprechen und sitzt im Rollstuhl. In Ihrem Buch „Lauthals leben“ beschreiben Sie die Suche nach einer gemeinsamen Welt mit Ihrer Tochter. Wie sieht die Welt von Lotte aus?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

           Es ist wahnsinnig schwierig, zu erklären, in welcher Welt meine Tochter lebt. Lotte funktioniert eher intuitiv. Sie verlässt sich viel mehr auf ihre Gefühle und weniger auf das, was sie sieht oder hört. Ich wiederum bin sehr fokussiert auf das Denken und wie wir Dinge wahrnehmen, deshalb kann ich mir kein Bild machen. Ich kann die Schnittmengen erleben, Momente, in denen wir plötzlich total verbunden sind und ich merke, dass wir gerade ähnlich empfinden. Wenn wir zusammen Musik hören, tanzen oder auf Konzerte gehen und Lotte vor Freude jauchzt, kann ich unsere Gemeinsamkeit spüren. Dann gibt es aber auch die Momente, in denen ich ausgeschlossen bin von ihrer Welt. Ich kann zum Beispiel auch nach 14 Jahren noch nicht erkennen, was der Auslöser ist, wenn sie sich plötzlich wahnsinnig ärgert oder sich vor Wut die Hände blutig beißt.

          Ihre Tochter fängt oft unkontrolliert an zu brüllen. Wie meistert man damit den Alltag?

          In der Schule klappt es sehr gut, da hat sie diese aggressiven Ausraster überhaupt nicht. Das ist ein ganz strukturierter Alltag, es gibt Aufgaben, Unterrichtsstunden, AGs, es ist immer jemand an ihrer Seite, Menschen, die ihr helfen. Zu Hause im Familienleben kann ich das aber nicht leisten. Erstens hat auch Kasimir Bedürfnisse, und ich spüre immer mehr meine eigenen. Und es gibt bestimmte Dinge, die im Alltag abgearbeitet werden müssen. Das kann Lotte überhaupt nicht akzeptieren. Sie kann weder warten, noch ist sie geduldig.

          Was macht sie dann?

          Sie will einfach immer, dass das passiert, was sie sich in dem Moment vorstellt. Wenn sie auf die Schuhe klopft, will sie einen Ausflug machen. Wenn sie mit der Zunge schnalzt, heißt das, sie will reiten. Wenn sie Hunger hat, will sie umgehend etwas zu essen bekommen.

          Ihn Ihrem Buch schildern Sie den jahrelangen Kampf um Normalität. Sie wollen keine behindertengerechte Wohnung, sondern Ihre alte behalten, Sie machen lange Zugfahrten oder eine Reise in die Mongolei. Haben Sie den Kampf gewonnen?

          Nein, das würde ja auch bedeuten, dass ich versuche, Lotte so hinzubiegen, dass sie in mein vermeintlich normales Leben reinpasst. Ich wohne aber tatsächlich immer noch in dieser schönen Wohnung, die leider acht Stufen hat, weil ich mich nicht damit anfreunden kann, in ein dunkles Erdgeschoss zu ziehen. Ich merke langsam, dass das Leben ein Kompromiss aus Lottes Welt und meiner Welt sein sollte.

          Wie reagieren die Menschen in der U-Bahn, auf dem Spielplatz, im Kaufhaus auf Lotte?

          Das ist ein Konzert der Blicke. Ganz selten sind es begeisterte Blicke, Menschen, die sich einfach über Lotte freuen. Da gibt es viele, die wegen einem Kind im Rollstuhl sehr betroffen sind und verstohlen gucken. Und dann gibt es diese starrenden Menschen, die ungehemmt glotzen. Das liegt natürlich auch daran, dass Menschen mit einer schweren Behinderung in unserer Gesellschaft so wenig präsent sind. Deshalb finde ich es manchmal auch gerechtfertigt, dieses Glotzen, denn es zeigt unseren Umgang mit Behinderten.

          Sie gestehen Menschen also auch eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit Lotte zu?

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