Home
http://www.faz.net/-gum-6x4vx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Autor Daniel Glattauer „Der liebevollste Partner kann aggressiv werden“

25.01.2012 ·  Im neuen Roman von Daniel Glattauer setzt ein Mann eine Frau mit seiner Liebe so sehr unter Druck, dass sie psychischen Schaden nimmt. Im Interview spricht der österreichische Autor über den obsessiven Faktor der Liebe, Ruhm und seinen Ruf als Frauenversteher.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Herr Glattauer, macht Liebe krank?

Liebe ist für mich ein positiv besetzter Begriff, mit Liebe soll man einander etwas Gutes tun. Krank kann es dann werden, wenn zwei Menschen unterschiedlich lieben und Erwartungen nicht erwidert werden.

In Ihrem neuen Roman „Ewig Dein“ erdrückt ein Mann eine Frau mit seiner Liebe so sehr, dass sie psychischen Schaden nimmt.

Das Obsessive ist ein Faktor in der Liebe, den wir alle kennen. Man erhebt eine Art Anspruch auf den anderen. In kleinen Dosen ist das legitim und verständlich. Wenn man aber jemanden besitzen will ohne Rücksicht darauf, wie es dem anderen geht, ist eine Grenze überschritten. Liebe hat viel mit Rücksichtnahme zu tun.

Würden Sie sagen, es geht in Ihrem Buch um Stalking?

Ich mag den Begriff nicht, das ist so ein modisches Label. Aber letztlich waren reale Stalking-Fälle der Grund, dieses Buch zu schreiben. Ich war lange Zeit Gerichtsreporter für die österreichische Tageszeitung „Der Standard“. Da habe ich Stalking als besonders unheimliche Form psychischer Gewalt erlebt, die man ausübt, indem man dafür sorgt, dass ein anderer Mensch ununterbrochen mit einem beschäftigt ist. Das ist erzwungene Nähe. Und es ist wahnsinnig schwer, sich aus dieser verhängnisvollen Umklammerung zu befreien.

Gibt es Stalker wie Ihre Hauptfigur Hannes, die so strahlend und faszinierend sind, dass ist ihr ganzes Umfeld für sich einnehmen?

Alle Menschen haben ihre Schattenseite. Der liebevollste Partner kann in gewissen Situationen aggressiv, eine sanfte Frau völlig hysterisch werden. Auch dieser Hannes tut zunächst etwas Schönes: Er hat meine Hauptfigur Judith zu seiner Traumfrau erklärt. Das tut dem Selbstwertgefühl gut, egal ob die Liebe erwidert wird.

Haben Sie je erlebt, dass eine Frau durch Stalking in eine psychische Krankheit hineingetrieben wurde?

Tatsächlich gab es einmal einen Fall mit einem sehr gut situierten, eloquenten, gut aussehenden Geschäftsmann. Da war die betroffene Frau psychisch so schwer angeschlagen, dass sie nicht mehr unterscheiden konnte zwischen realer Bedrohung durch ihn und Einbildung und Angst. Weil sie Sachen erzählte, die nur ihrer Phantasie entsprungen sein konnten, musste man den Mann letztlich freisprechen. Dabei waren sich alle einig im Gerichtssaal, dass es sich um einen klassischen Fall von Stalking handelte.

Sie sind mit zwei Büchern reich und berühmt geworden, die auch deshalb Millionen Leser fanden, weil sie beim Lesen glücklich machen: Es ging um die schönen Seiten der Liebe. Wollen Sie uns jetzt ängstigen?

Auch wenn es in „Gut gegen Nordwind“ erhebliches Konfliktpotential gab, etwa das Thema Betrug - Sie haben recht: Das war eine Wohlfühllektüre. Deshalb freut es mich für mich selbst, dass ich das nicht wiederholt habe. Liebe hat eben auch andere Facetten. Mir war vor allem wichtig, dass die Leser etwas wieder erkennen, von dem sie wissen, dass es das gibt. Viele Frauen haben mal einen Typen gehabt, der ihnen irgendwann lästig wurde. Ich finde trotzdem nicht, dass es ein durchweg deprimierender Roman ist.

Wieso haben Sie wieder eine weibliche Protagonistin? Sind Sie ein Frauenversteher?

Ich glaube, ich bin ein Menschenzuhörer. Und Frauen teilen sich mehr und öfter mit und reden mehr über ihre Gefühle. Insofern erfahre ich mehr darüber, was in Frauen los ist, als darüber, was in Männern los ist. In reinen Männerrunden kann man sich über Erfolge, Hobbys und Intellektuelles definieren. Aber das Emotionale: „Wie geht‘s dir eigentlich? Wie siehst du deine Beziehung?“ Solche Gespräche habe ich mit Männern eher selten geführt.

Nach Ihrem zweiten Roman haben Sie bei Ihrer Zeitung gekündigt. Wie lebt es sich als Autor?

Am Anfang war ich wehmütig, Abschiede haben immer etwas Trauriges. Aber ich wollte ausprobieren, mich ganz auf meine Bücher zu konzentrieren, und mit dem soliden finanziellen Hintergrund war das kein Risiko. Inzwischen bin ich sehr froh, nicht mehr dem Tagesstress des Kolumnisten ausgesetzt zu sein. Außerdem habe ich nebenher eine Ausbildung zum Psychosozialberater angefangen. Das ist ein privates Masterstudium und zugleich sehr praxisorientiert. Ich lerne, wie man Menschen hilft, die nicht krank sind, aber eine Krise haben - im Job, mit dem Älterwerden, mit den Kindern, Paarprobleme. Da kommt man dann zu jemandem wie mir. Der Berater gibt nämlich keine Ratschläge, wie Freunde das tun. Er versucht, im Klienten etwas zu wecken, das ihm auf die Sprünge hilft.

Warum machen Sie das?

Weil es spannend ist. Schon beim Darüberreden macht es mir Spaß. Und ich wollte auch wieder unter Menschen kommen. Die Gefahr beim Schriftstellertum ist, dass man ein einsames, zurückgezogenes, egozentrisches Leben führt. Dann wird der Druck sehr groß, wenn man alle paar Jahre ein Buch schreibt und dringend angewiesen ist auf Streicheleinheiten von außen - das ist zu wenig. Außerdem brauchte ich ein neues Ziel. Ob man das jobmäßig kombinieren kann, in Schreibwerkstätten oder so, weiß ich jetzt noch nicht. Für mich ist das einfach Bildung.

Beschäftigen Sie sich noch viel mit Emmi und Leo, den Protagonisten Ihrer ersten Bücher?

Erst 2010 sind die Bücher in Spanien erschienen, da werde ich wieder mit der alten Geschichte konfrontiert und muss Journalisten dieselben Fragen beantworten. Aber ich verdanke Emmi und Leo sehr viel. Vor allem Freiheit.

Daniel Glattauer, 1960 in Wien geboren, war zwanzig Jahre Redakteur bei der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“. Viele seiner Kolumnen sind inzwischen als Buch veröffentlicht, seine E-Mail-Liebesromane „Gut gegen Nordwind“ (2006) und „Alle sieben Wellen“ (2009) wurden Bestseller. Er ist verheiratet und lebt in Wien. Sein neuer Roman „Ewig Dein“ erscheint am 6. Februar im Deuticke-Verlag (208 Seiten, 17,90 Euro).

Die Fragen stellte Julia Schaaf.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel