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Veröffentlicht: 20.08.2015, 19:08 Uhr

Kunstprojekt „Auto Reverse“ Unter die Räder gekommen

Die automobile Unterseite kommt selten nach oben. Fotografen haben jetzt ein Licht auf die dunkle Seite der Autos geworfen - und schaffen einen verblüffenden Kontrast zur durchgestylten Oberfläche.

von , Fotos: Kay Michalak und Sven Völker
© Kay Michalak und Sven Voelker MGA 1600 Baujahr 1960

Auch Autos haben ihre dunkle Seite. Das muss man sich erst einmal bewusst machen. Selbst Kay Michalak und Sven Völker, die seit Jahren Autos von namhaften Herstellern für Hochglanzbroschüren von vorne und von hinten, von links und von rechts und sogar von oben in Szene setzen, hatten lange keinen Blick für die verborgene und auch ihnen fast vollkommen unbekannte Seite. „Eines Abends saßen wir zusammen und fragten uns, ob es wohl Bilder von unten gibt„, erzählt Michalak. Die gab es nicht, zumindest nicht von professionellen Fotografen. Damit war die Idee für „Auto Reverse“ geboren, ein Kunst- und zugleich Forschungsprojekt, das überraschender kaum sein könnte. Denn der weitgehend ungestaltete Unterboden, der so gar nichts von der womöglich luxuriösen Karosserie von oben abbekommen zu haben scheint, hat durchaus seine ästhetischen Reize.

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Sven Völker, von Hause aus Designer und Lehrer an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, war von seinem Wagen enttäuscht, als er ihn quasi als Versuchsobjekt mit einem Kran in die Lüfte hatte heben lassen. „Der Porsche 911 besitzt eine ikonographische Ästhetik“, meint Völker. „Doch von unten ist er überhaupt nicht aufregend.“ Ganz anders der Wartburg 311: Ihn und vor allem sein birnenförmiges Untergestell fand der Designprofessor erstaunlich. Von schön mag er nicht reden, denn das sei die Unterseite von Autos im klassischen Sinne gewiss nicht. Doch der schlanken Gestalt eines Citroën 2CV - besser bekannt als „Ente“ - oder auch der imposanten Auspuffanlage des Jaguar E-Type kann er durchaus etwas abgewinnen. „Als Kind lernte ich ja schon, dass Autos mit imposantem, am besten noch doppeltem Auspuff besonders viele Pferdestärken haben“, sagt Völker.

Unter die Räder gekommen Jaguar E-Type 1970, 98.450 km. © Kay Michalak und Sven Voelker Bilderstrecke 

Nicht wegen seiner beeindruckenden Abgasrohre wurde der Jaguar von 1970 ausgewählt. Vielmehr ging es Michalak, Jahrgang 1967, und Völker, Jahrgang 1974, darum, die dunkle Seite allgemein bekannter „Ikonen der Automobil geschichte“ zu entdecken, keine Museumsmodelle, sondern Oldtimer direkt von der Straße. Rost und Dreck sind durchaus gewollt, der jeweilige Unterboden wurde so fotografiert, wie er sich der Kamera am jeweiligen Tag darbot. „Zum Teil mussten wir erst einmal warten“, sagt Michalak, „weil ein Auto gerade noch durch den Regen gefahren war und auf uns herunter tropfte.“

Autos mit einem Kran in die Luft gehoben

15 Wagen kamen schließlich zusammen: Der älteste stammt aus dem Jahr 1958 (Wartburg 311), der jüngste von 2002 (Smart Fortwo). Die meisten Kilometer auf dem Tacho hatte ein Renault 4 aus dem Jahr 1985 (269.943 Kilometer), die wenigsten ein Trabant aus dem Jahr 1961 (6.137). In die Lüfte gehoben wurden neben Völkers Porsche 911 T und dem Citroën 2CV 6 (beide von 1968) auch ein Mini Cooper MK VI (1993), ein Volkswagen Käfer 1200L (1981), ein Volkswagen Karmann-Ghia (1974), ein Volkswagen Golf I (1983), ein Ford 17M P7B (1972), ein Volvo 940 (1993), ein MGA 1600 (1960) und ein Mercedes-Benz 230 C (1984).

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Herausforderungen gab es viele für Michalak und Völker. Das Gewicht ihrer Motive zum Beispiel. „Manche meinen, wir hätten die Wagen einfach auf eine Glasplatte gestellt und dann von unten fotografiert“, sagt Michalak. Doch woher hätten sie Glas nehmen sollen, das 1,5 Tonnen problemlos hält. Auch wollten sie eine Gesamtansicht der Unterseite haben, die ihnen eine Hebebühne in einer Werkstatt nicht bieten konnte, da durch sie nicht genügend Abstand zwischen Wagen und Kamera gebracht werden konnte. So blieb ihnen nur, die Autos mit einem Kran in die Luft heben zu lassen - und das an einem wetterunabhängigen Ort.

Klammern um die Reifen, damit die Achsen nicht hängen

In Oslebshausen, einem Ortsteil von Bremen, der zu Gröpelingen gehört, fanden sie schließlich eine Halle, in die ein Kranwagen passte, der die ausgewählten Modelle bis in drei Meter Höhe befördern konnte. „Das war ein sehr merkwürdiger und berauschender Moment, als mein Porsche so über mir baumelte“, sagt Völker. Genau das aber war ein weiteres Problem: Die Wagen sollten gerade nicht so aussehen, als hingen sie in der Luft, sondern als stünden sie auf dem Boden. „Sobald Reifen nicht mehr festen Grund haben, hängen die Achsen durch“, sagt Michalak. Die Lösung waren Metallklammern, auf denen die Räder sicher stehen, obwohl das Auto schwebt. Die Klammern um die Reifen mussten hinterher am Computer wegretuschiert werden.

Da die beiden nicht direkt unter den Autos arbeiten durften, weil es nicht erlaubt ist, unter schwebende Lasten zu treten, montierten sie die Kamera auf einen rollenden Untersatz. Um möglichst keine Verzerrungen zu bekommen, fotografierte Michalak nicht mit einem Weitwinkel. „Das fertige Bild besteht aus vier bis sechs Einzelbildern, die ich zusammengesetzt habe.“ Damit erreicht Michalak, der sich mit anderen Fotografen zur Agentur Fotoetage zusammengetan hat, eine Bildauflösung von 25 Megapixeln. Sie ermöglicht es ihm, die Wagen-Unterseiten in Originalgröße wiederzugeben. Wer sich zum Beispiel den Volvo 940 maßstabsgetreu an die Wand hängen will (zu bestellen über kay.michalak@fotoetage.de), braucht eine Deckenhöhe von knapp fünf Metern.

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So ein Motiv will auch ins rechte Licht gerückt werden. Auch daran musste der Fotodesigner Michalak, der an der Hochschule für Künste Bremen Grafikdesign und Fotografie studierte und dort auch Sven Völker kennenlernte, eine Weile tüfteln. Schließlich hatte er die Idee, eine zerknitterte Silberfolie, wie sie für Brandopfer verwendet wird, auf dem Boden unter den Autos auszubreiten. Über diesen zerklüfteten Spiegel lenkte er das Licht auf den Unterboden und vermied so störende Schatten, wie sie jeder Draht und jede Leitung bei direktem Einfall eigentlich werfen würde. „Das weiche Licht fällt bis in die Radkästen“, sagt Michalak. „Das fand ich besonders toll.“

Das aufwendige Projekt haben sie nun vorläufig abgeschlossen. Nur einen Wagen mussten sie am Ende vorzeitig vom Haken lassen: Der Mercedes-Benz 450 SL war zu schwer, selbst für den Kranwagen.

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