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Ausstellung in Dresden Der Codex rührt den Maya zu Tränen

Bevor in zehn Monaten die Welt untergeht, wollen viele noch den Garantieschein dafür sehen – und die Dresdner Bibliothek muss länger öffnen.

© Matthias Lüdecke Ist das Wetter kalt und lang, bringt der Dezember Untergang: Szene aus dem Maya-Kalender in Dresden

Die Gefahr ist auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen, im Gegenteil, der Weltuntergang kommt bunt daher. Die Seite mit der vermeintlichen Prophezeiung ist als einzige des Codex voll farbig: rotbrauner Grund und darauf ein blau-weiß-orangefarben gemustertes Himmelskrokodil, das Tag und Nacht Wasser speit, daneben die Göttin Ix Chel im Festgewand und mit einer Schlange auf dem Kopf, die noch einen Krug Wasser dazuschüttet, und darunter der schwarzgekleidete Gott der Unterwelt mit einer aufgeregten Eule auf dem Kopf, der die Katastrophe zu dirigieren scheint.

Stefan Locke Folgen:

Doch ist hier überhaupt eine Katastrophe dargestellt? „Na ja“, sagt Katrin Nitzschke. „Die Sichtweise der Mayas kennen wir nicht genau.“ Umso mehr lässt sich hineininterpretieren in den Codex, und niemand weiß das besser als Nitzschke. Sie ist Chefin des Buchmuseums der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB), die das Dokument schon seit 1786 ausstellt. Lange habe sich kaum jemand dafür interessiert, erzählt sie. Doch als vor drei Jahren Roland Emmerichs Katastrophenfilm „2012“ ins Kino kam, in dem er die Welt – angeblich nach Maya-Art – in der Sintflut versinken lässt, wollten plötzlich immer mehr Besucher den Codex sehen. „Dabei war der Emmerich nicht ein einziges Mal hier.“

„Viele wollen noch schnell wissen, wie das ist mit dem Weltuntergang“

Nun ist das Weltuntergangsjahr 2012 da, und das kleine Museum hat es mit einer Besucherflut zu tun. „Viele wollen jetzt noch schnell wissen, wie das ist mit dem Weltuntergang“, berichtet Nitzschke, und in ihrem Gesicht glaubt man die Frage zu erkennen: Wozu? Bislang interessierten sich ab und an Forscher für das Dokument, auch die mexikanischen Botschafter machten hier regelmäßig ihren Antrittsbesuch, ein paar Urlauber kamen, die in Yucatan davon gehört hatten, und natürlich die Mayas selbst. Heute strömen ganze Reisegesellschaften in die kleine Schatzkammer im zweiten Stock der Bibliothek, die jetzt ihre Öffnungszeiten auf täglich 10 bis 18 Uhr erweitert hat; drei Volkshochschulkurse zum Thema sind ausgebucht, und für Codex-Führungen, die es früher einmal im Monat für ein Häuflein Interessierter gab, stehen die Leute nun jede Woche Schlange.

Die meisten seien überrascht, wie klein die mächtige Prophezeiung ist. Die 39 Tafeln haben Postkartenformat und sind vorn und hinten dicht mit Zeichen und Zeichnungen gefüllt; Punkte etwa bedeuten eine Eins, wie man heute weiß, Striche eine Fünf. 1739 erwarb der Dresdner kurfürstliche Hofbibliothekar Johann Christian Götze auf einer Einkaufstour in Wien das Dokument aus privater Hand „als eine unbekannte Sache gar leicht umsonst“, wie heute noch im Eingangsbuch zu lesen ist. Die Blätter sind aus Feigenrinde, mit Kreide grundiert, in Faltbuchform verarbeitet und ausgeklappt gut dreieinhalb Meter lang. Das „Mexikanische Manuskript“, wie es bald heißt, wird zunächst im Zwinger und später im Zimelienzimmer, dem Ursprung der heutigen Bibliothek, gezeigt.

Bisherige Gäste: Humboldt, Napoleon, Lord Nelson

Hier sieht den Codex am 6. Juni 1791 auch Alexander von Humboldt, der sich an diesem Tag im Besucherbuch der Bibliothek einträgt und der später fünf Blätter der Maya-Handschrift in einem Buch über die Eingeborenen Amerikas beschreibt. Auch Napoleon und sein Widersacher Admiral Lord Nelson warfen vermutlich einen Blick darauf, auch sie sind im Gästebuch verewigt. „Lord Nelson kam mit seiner Geliebten, der Mutter der Geliebten und deren Mann, und alle haben sich eingetragen“, sagt Frau Nitzschke.

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