Home
http://www.faz.net/-gum-6xora
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Ausstellung in Dresden Der Codex rührt den Maya zu Tränen

Bevor in zehn Monaten die Welt untergeht, wollen viele noch den Garantieschein dafür sehen – und die Dresdner Bibliothek muss länger öffnen.

© Matthias Lüdecke Ist das Wetter kalt und lang, bringt der Dezember Untergang: Szene aus dem Maya-Kalender in Dresden

Die Gefahr ist auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen, im Gegenteil, der Weltuntergang kommt bunt daher. Die Seite mit der vermeintlichen Prophezeiung ist als einzige des Codex voll farbig: rotbrauner Grund und darauf ein blau-weiß-orangefarben gemustertes Himmelskrokodil, das Tag und Nacht Wasser speit, daneben die Göttin Ix Chel im Festgewand und mit einer Schlange auf dem Kopf, die noch einen Krug Wasser dazuschüttet, und darunter der schwarzgekleidete Gott der Unterwelt mit einer aufgeregten Eule auf dem Kopf, der die Katastrophe zu dirigieren scheint.

Stefan Locke Folgen:

Doch ist hier überhaupt eine Katastrophe dargestellt? „Na ja“, sagt Katrin Nitzschke. „Die Sichtweise der Mayas kennen wir nicht genau.“ Umso mehr lässt sich hineininterpretieren in den Codex, und niemand weiß das besser als Nitzschke. Sie ist Chefin des Buchmuseums der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB), die das Dokument schon seit 1786 ausstellt. Lange habe sich kaum jemand dafür interessiert, erzählt sie. Doch als vor drei Jahren Roland Emmerichs Katastrophenfilm „2012“ ins Kino kam, in dem er die Welt – angeblich nach Maya-Art – in der Sintflut versinken lässt, wollten plötzlich immer mehr Besucher den Codex sehen. „Dabei war der Emmerich nicht ein einziges Mal hier.“

„Viele wollen noch schnell wissen, wie das ist mit dem Weltuntergang“

Nun ist das Weltuntergangsjahr 2012 da, und das kleine Museum hat es mit einer Besucherflut zu tun. „Viele wollen jetzt noch schnell wissen, wie das ist mit dem Weltuntergang“, berichtet Nitzschke, und in ihrem Gesicht glaubt man die Frage zu erkennen: Wozu? Bislang interessierten sich ab und an Forscher für das Dokument, auch die mexikanischen Botschafter machten hier regelmäßig ihren Antrittsbesuch, ein paar Urlauber kamen, die in Yucatan davon gehört hatten, und natürlich die Mayas selbst. Heute strömen ganze Reisegesellschaften in die kleine Schatzkammer im zweiten Stock der Bibliothek, die jetzt ihre Öffnungszeiten auf täglich 10 bis 18 Uhr erweitert hat; drei Volkshochschulkurse zum Thema sind ausgebucht, und für Codex-Führungen, die es früher einmal im Monat für ein Häuflein Interessierter gab, stehen die Leute nun jede Woche Schlange.

Die meisten seien überrascht, wie klein die mächtige Prophezeiung ist. Die 39 Tafeln haben Postkartenformat und sind vorn und hinten dicht mit Zeichen und Zeichnungen gefüllt; Punkte etwa bedeuten eine Eins, wie man heute weiß, Striche eine Fünf. 1739 erwarb der Dresdner kurfürstliche Hofbibliothekar Johann Christian Götze auf einer Einkaufstour in Wien das Dokument aus privater Hand „als eine unbekannte Sache gar leicht umsonst“, wie heute noch im Eingangsbuch zu lesen ist. Die Blätter sind aus Feigenrinde, mit Kreide grundiert, in Faltbuchform verarbeitet und ausgeklappt gut dreieinhalb Meter lang. Das „Mexikanische Manuskript“, wie es bald heißt, wird zunächst im Zwinger und später im Zimelienzimmer, dem Ursprung der heutigen Bibliothek, gezeigt.

Bisherige Gäste: Humboldt, Napoleon, Lord Nelson

Hier sieht den Codex am 6. Juni 1791 auch Alexander von Humboldt, der sich an diesem Tag im Besucherbuch der Bibliothek einträgt und der später fünf Blätter der Maya-Handschrift in einem Buch über die Eingeborenen Amerikas beschreibt. Auch Napoleon und sein Widersacher Admiral Lord Nelson warfen vermutlich einen Blick darauf, auch sie sind im Gästebuch verewigt. „Lord Nelson kam mit seiner Geliebten, der Mutter der Geliebten und deren Mann, und alle haben sich eingetragen“, sagt Frau Nitzschke.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fremdenfeindlichkeit Maas: Die Straße nicht den Hetzern überlassen

Die rechtsextremen Krawalle in Sachsen haben die Politik aufgeschreckt: Kanzlerin und Minister besuchen Flüchtlingsunterkünfte, Justizminister Maas fordert mehr Engagement der Anständigen. Mehr

27.08.2015, 06:57 Uhr | Politik
Sachsen Tillich besucht das Flüchtlingsheim in Freital

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat am Donnerstag eine Flüchtlingsunterkunft in Freital bei Dresden besucht, vor der es am Mittwoch zu heftigen Protesten gekommen war. Tillich sagte, dass sich Deutschland und Europa der Herausforderung durch die Flüchtlingsströme stellen müssen. Mehr

08.07.2015, 15:45 Uhr | Politik
Krawalle in Heidenau Das ist nicht unser Sachsen

Nach den Krawallen hat die Polizei rund um die Asylbewerberunterkunft einen Kontrollbereich eingerichtet. Sachsens Ministerpräsident Tillich besuchte die Unterkunft und kündigte Konsequenzen an. Am Abend kam es wieder zu Ausschreitungen. Mehr

23.08.2015, 22:47 Uhr | Politik
Wissenschaft und Kunst Die Ordnung der Wolken

Wussten Sie, dass Goethe einem Wolkenforscher ein Gedicht gewidmet hat? Meteorologe Sven Plöger und die Künstlerin Katrin von Lehmann sprechen über Wolken - wie man ihre Entstehung vorhersagt und Ordnung in das Chaos am Himmel bringt: Unsere dritte Folge der Serie WissensARTen. Mehr Von Sibylle Anderl

27.08.2015, 14:56 Uhr | Wissen
Nach Ausschreitungen Merkel will Flüchtlingsunterkunft in Heidenau besuchen

Regierungssprecher Steffen Seibert hat angekündigt, dass die Kanzlerin nach den jüngsten Krawallen an diesem Mittwoch die Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau besucht. Justizminister Heiko Maas lehnt unterdessen Bannmeilen um Asylunterkünfte überall in Deutschland ab. Mehr

25.08.2015, 11:10 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 14.02.2012, 17:10 Uhr

Lucy Liu Mutterglück auf Umwegen

Lucy Liu freut sich über ihr erstes Kind, Mark Forster spricht über seine Heimat und Joko und Klaas finden klare Worte für rechte Hetzer – der Smalltalk. Mehr 18



Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden