12.04.2004 · Tausende Deutsche haben sich an der türkischen Südküste auf Dauer eingerichtet. Sie suchen südliche Sonne, freundliche Menschen, günstige Preise und zuweilen auch Abstand von der Heimat.
Von Axel Wermelskirchen, AntalyaPeter Kaiser ist da, wo er immer schon hinwollte. Er blickt aufs Meer, legt den Arm um die Schultern seiner hübschen Ehefrau Nesrin und sagt dem betreten dreinschauenden Kellner, er möge doch mal das Beschwerdebuch bringen, und zwar dalli. Schon kommt das Beschwerdebuch, und Kaiser trägt ein, daß an diesem schönen Morgen in diesem schönen Restaurant im schönen Hafen der schönen Stadt Antalya an der schönen türkischen Riviera mal wieder vergebens versucht wurde, Peter Kaiser bei der Rechnung übers Ohr zu hauen.
"Wenn ich eines hasse, dann ist es der Nepp hier. Ich sage den Leuten immer: Ihr seid in aller Welt berühmt für eure Gastfreundschaft, und ihr macht das alles kaputt mit der Touristen-Abzocke. Fragt doch mal nicht, warum Millionen Leute herkommen, fragt doch mal, warum 40 Prozent nicht wiederkommen!"
Kaiser wohnt im Bergdorf
Peter Kaiser könnte gut und gern ein deutscher Tourist sein. Ist er aber nicht. Er wohnt mit seiner Nesrin oben in den Bergen, im Dorf Beycik mit 400 Einwohnern. Da hat sich der Dreiundfünfzigjährige ein großes Haus gebaut, da versteht er sich gut mit den Nachbarn, da ist es auch nicht so laut wie in Antalya, der Küstenstadt mit mehr als 1,5 Millionen Bewohnern. Kaiser spricht türkisch, und Muslim geworden ist er auch.
Auf seiner Karte steht "Journalist", und gelegentlich schreibt er für die türkische Zeitung "Sabah" Sonntagskolumnen des Inhalts: Ihr habt mit eurem schönen Land eine Perle in der Hand; verliert sie nicht in den Auswüchsen des Massentourismus. Allein in diesem Jahr sollen an der Küste mehr als 50 große Hotels errichtet werden; immer mehr Deutsche verbringen ihren "All-inclusive-Urlaub" in einer Ferienanlage, ohne den Fuß auch nur einmal in das umgebende Gastland zu setzen.
Ruhestand in der Sonne
Geld verdient Peter Kaiser mit einer Istanbuler Tourismusfirma, an der er beteiligt ist, und auch mit der Vermarktung seiner Domain "antalya.de". Die erscheint an erster Stelle, gibt man den Namen der Stadt bei der Suchmachine "Google" ein. Das Informationsportal ist mit Empfehlungen des deutschen Konsulats in Antalya und des türkischen Tourismusministeriums ausgestattet. "Die Türkei ist mein Land", sagt Kaiser.
Er ist einer von etwa 14 000 deutschen Dauerresidenten an der Küste der drei Provinzen Burdur, Isparta und Antalya. Die Zahl ist geschätzt; Meldepflicht besteht nicht. Eines aber ist klar: Die weitaus meisten von ihnen haben ihr deutsches Arbeitsleben hinter sich und verbringen den Ruhestand in der Sonne. Mehr als die Hälfte von ihnen hat Grundbesitz. Türkisch müssen sie nicht können, außer vielleicht ein paar Brocken beim Einkauf und im Restaurant. Die türkische Riviera spricht gut deutsch. Viele Einheimische haben in "Almanya" gearbeitet.
Tips für Auswanderer
"Ich bin kein Aussteiger, es war keine Flucht. Ich wollte schon immer ans Meer", sagt Kaiser über die Beweggründe, aus denen heraus er zu Beginn der neunziger Jahre in Deutschland seine Immobilien verkaufte, seine Firma auflöste und mit dem Sohn aus erster Ehe als alleinerziehender Vater in die Türkei zog. Anfangs ließ er ein Schiff bauen und bot Tagesfahrten für Touristen an. Auf dem Schiff arbeitete auch die hübsche Türkin Nesrin, die 1994 Frau Kaiser wurde.
Auf "antalya.de" ist nicht nur nachzulesen, wo es gute Hotels und neppfreie Teppichgeschäfte gibt, daß sich der Türke bei Tisch niemals schneuzt, wer Mustafa Kemal "Atatürk" war und warum es sich bezahlt machen kann, wenn man sich die neuen Zähne im Antalya-Urlaub machen läßt. Kaiser bietet auch ausführliche Tips für jene, die dauerhaft an der Südküste leben oder dies demnächst tun wollen. Von "Aufenthaltserlaubnis (Ikamet)" bis "Umzug" reichen die Stichwörter. Nicht wenige deutsche Dauerresidenten fahren, wenn die touristische Aufenthaltsgenehmigung von drei Monaten abgelaufen ist, mal eben nach Zypern oder Griechenland und kommen dann zurück - für die nächsten drei Monate.
Schwarzgeld im türkischen Haus
Manfred Gerwinat, der deutsche Konsul in Antalya, weiß, warum er die detaillierten Informationen auf Kaisers Internetseite empfiehlt. Die türkische Südküste ist für die deutschen Ruheständler zwar ein lohnendes Ziel, aber es gilt, genau zu planen und sich auf großen bürokratischen Aufwand einzustellen. Wer zum Beispiel sein Auto mitbringen will, wird einen Papierzirkus sondergleichen erleben, bis er damit und mit dem "MA"-Kennzeichen für "Gast" die Küstenstraße entlangbrettern kann.
Beim Konsulat registriert sind nur ein paar hundert Dauerresidenten. Das mag auch daran liegen, daß einige Schwarzgeld in ihre türkische Immobilie gesteckt haben; andere haben noch einen Briefkastenwohnsitz in Deutschland, damit der Rentenversicherungsträger keine lästigen Fragen stellt wegen der Ortsveränderung südwärts.
Abenteuer und Gescheiterte
Anders als bei den festgefügten Kolonien deutscher Geschäftsleute in Istanbul oder Ankara finden sich unter den Ruheständlern an der Südküste auch eine Reihe von Abenteurern, von Menschen, die im Beruf oder in der Ehe gescheitert sind und nun in die Sonne fliehen, auf einen "neuen Anfang" hoffend.
Unter den Problemfällen, mit denen dann am Ende das Konsulat zu tun bekommt, sind immer wieder auch alleinstehende Frauen, die einem hübschen schwarzlockigen Mann in die Türkei folgen und dort dann ausgenommen werden wie Weihnachtsgänse, bis nicht mal mehr der Rückflug drin ist. Fälle von Gewaltkriminalität sind aber noch immer die große Ausnahme, auch wenn es seit November zwei Raubmorde und zwei Vergewaltigungen an Urlaubern gegeben hat. Mag sein, daß sich dies noch verschärft, denn die Unterschicht der Türkei wird immer ärmer; von der wirtschaftlichen Erholung des Landes profitiert sie nicht.
Preiswertes Leben
"Mehr als vier Fünftel der Deutschen hier sind keine ,Looser', das sind korrekte Leute", sagt Peter Brandt, 58 Jahre alt, im deutschen Leben Geschäftsführer von Reha-Kliniken und seit 2000 Rentner. Große Sprünge könnte er mit seiner Rente in Deutschland nicht machen; in der Nähe Antalyas dagegen hat er ein weitläufiges Appartement in einem Haus am Meer gemietet, mit einem Wohnzimmer von 70 Quadratmetern, mit einem Pool. Miete: 400 Euro, für den statistischen Durchschnittstürken ein staatliches Monatsgehalt.
Da macht es nichts aus, wenn nicht alles im Haus deutschen Baunormen entspricht. Wenn etwas zu reparieren ist: Geschickte Handwerker gibt es wie Sand am Meer, sie kommen sofort und sind nicht teuer. Die Schattenwirtschaft in der Türkei stellt selbst die in Deutschland in den Schatten.
"Das ist für die allermeisten Deutschen der ausschlaggebende Grund: Die deutsche Rente ist hier mehr wert, die Lebenshaltungskosten sind viel geringer." Für Brandt kommt hinzu: "Mir gefällt die Mentalität der Leute. Sie sind freundlich, nicht so griesgrämig wie die Deutschen. Und wenn ich über die Satellitenschüssel sehe, was in Deutschland gerade los ist, kann ich nur sagen: Ich bin froh, daß ich weg bin."
Bedarf nach dem Pfarrer
Manchmal fliegt Brandt noch in die alte Heimat; er ist in Deutschland krankenversichert. In der Türkei lebt er mit seinem Sohn zusammen, der als chronisch Kranker auch schon Rentner ist. Stichwort Krankheit: So manch blassem Alten aus Deutschland schien die Südküstensonne so wohltuend aufs rheumatische Gebein, daß er nach ein paar Wochen schon wieder viel besser zu Fuß war. Nur im Winter lassen die kalten Stürme manchmal zehn Meter hohe Wellen gegen das Ufer donnern.
Immer mehr von den Deutschen an der türkischen Südküste wollen in dem Land ihres "dritten Lebensalters" auch begraben werden; die deutschen Gräber in den nicht-muslimischen Sektionen der Friedhöfe von Antalya und Alanya werden mehr. Alter, Krankheit, Tod - da wächst auch die Nachfrage nach christlicher Seelsorge, aber die hat bisher nur Zeichencharakter.
Zweimal im Jahr kommt der evangelische "Urlaubspfarrer" Volkmar Metzner an die Südküste, seit November hat Prälat Rainer Korten in Antalya eine offizielle Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung - als erster ausländischer Geistlicher seit Gründung der Türkischen Republik im Jahr 1923. Peter Brandt sagt: "Der Bedarf ist da. Korten kommt zur rechten Zeit." Der Pfarrer hat sich der deutschen Südküstengemeinde mittlerweile bekanntgemacht, und die will, wie es scheint, jetzt ein wenig näher zusammenrücken.
Arbeitskreis Antalya e.V.
Peter Brandt zählt wie Peter Kaiser zu den Gründungmitgliedern von "Idaa", dem "Internationalen Deutschsprachigen Arbeitskreis Antalya". Der Arbeitskreis soll sich bis zum Sommer als Verein konstituieren, was wegen des nicht unkomplizierten türkischen Vereinsrechts noch ein gutes Stück Arbeit werden wird. Seine Anfänge reichen zurück ins vergangene Jahr, als amerikanische Truppen in den Irak einmarschierten und Saddam Hussein der Türkei mit Raketen und Giftgas drohte. Die Deutschen an der Südküste mußten sich unter Leitung des Konsuls zusammenfinden und darüber sprechen, wie sie sich im Ernstfall schützen könnten. Es ging um Impfstoffe, um Evakuierungspläne.
Jetzt wollen die mittlerweile 80 "Idaa"-Mitglieder die Kontakte untereinander festigen. Sie vermitteln auch Sprachkurse, zur besseren Integration in die türkische Gesellschaft. Irgendwann einmal soll es gar eine deutsche Schule in der Region geben. Denn auch die Zahl der Dauerresidenten mit Kindern steigt.
Axel Wermelskirchen Jahrgang 1951, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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