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Ausreißer Jeremie Berühmtes Zirkuskind

 ·  Der elf Jahre alte Jeremie, der im November mit einem Transporter hundert Kilometer nach Hamburg gefahren sein soll, lebt nach seinem Auffinden jetzt in einem Wohnprojekt

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Der Fall Jeremie begann Ende November mit einer Meldung im Vermischten: Ein elf Jahre alter Junge sei mit einem Kleintransporter hundert Kilometer weit nach Hamburg gefahren. In Hamburg sei dann zwar der Wagen gefunden worden, nicht aber der Junge. Am Mittwoch fand der Fall seinen vorläufigen Abschluss. Jeremie wurde in Hamburg in ein betreutes Wohnprojekt für Kinder und Jugendliche gebracht, einer geschlossenen Einrichtung. So teilte es das zuständige Bezirksamt Hamburg-Mitte mit.

Die Geschichte dazwischen ist zwar weitgehend aufgeklärt, ein paar dunkle Punkte aber bleiben. Ist der 1,50 Meter große Junge wirklich allein im Kleinlastwagen von Mecklenburg aus nach Hamburg-Billstedt gefahren? Ohne Orientierung? Ohne Servolenkung? Er selbst bleibt bei dieser Darstellung. Auch soll er schon einmal einen Verkehrsunfall verursacht haben. Zum Zeitpunkt seiner Flucht lebte er in einer Pflegefamilie in einem Wanderzirkus. Etwa 7400 Euro pro Monat zahlte das Jugendamt für diese Form der Betreuung.

Niemand wollte den Jungen aufnehmen

Jeremie ist ein schwieriges Kind, seine Voraussetzungen waren offenkundig nicht die besten. Er soll schon vor seiner Geburt rauschgiftsüchtig gewesen sein, wegen der Rauschgiftsucht seiner Mutter. Er fiel schon als kleiner Junge mit Gewalttätigkeit auf. Bei der Mutter konnte er nicht bleiben. Er kam zu seinen Großeltern, auch das ging auf Dauer nicht gut. Alle Versuche des Jugendamtes Hamburg-Mitte, für Jeremie eine angemessene Unterkunft zu finden, scheiterten. Niemand wollte den Jungen aus der Roma-Familie haben.

Am Ende kam er in den Zirkus. Von dem wurde dann behauptet, Jeremie sei dort geschlagen worden und habe schwere Arbeiten verrichten müssen. Der Zirkus weist das zurück: Im Gegenteil sei der Junge gut mit den Tieren zurechtgekommen und habe Spaß an der Arbeit gehabt. Fotos zeigen ihn lachend im Clownskostüm. Dann war es aber offenbar so, dass der Junge erfuhr, er könne auch zu den Weihnachtsfeiertagen nicht zu seiner Familie, sprich zu seinen Großeltern. Sein Zustand habe sich immer dann verschlechtert, wenn er Kontakt zur Familie gehabt habe, hieß es zur Begründung. Das jedenfalls zur Flucht des Jungen geführt haben.

Über die Feiertage zu den Großeltern

Von Lübtheen in Westmecklenburg aus, wo der Zirkus sein Winterquartier bezogen hatte, fuhr Jeremie nach Hamburg. Schon bald war das Jugendamt, das zunächst an eine Entführung geglaubt hatte, davon überzeugt, dass der Junge bei seiner Familie sein muss – und das die Flucht vorbereitet gewesen war. Die Familie aber ist weitläufig, die Suche nach dem Jungen, unterstützt von der Polizei, ergab nichts. Schließlich wurde mit den Großeltern verhandelt. Der Junge erschien wieder auf der Bildfläche, kam in die jugendpsychiatrische Abteilung eines Krankenhauses und durfte Weihnachten tatsächlich bei den Großeltern sein. Eine Bedingung allerdings gab es: Nach den Feiertagen müsse er wieder abgegeben werden.

Am Mittwoch war es soweit. Die Verhandlungen mit den Großeltern seien schwierig gewesen, hieß es aus dem Bezirksamt. Die neue Lösung soll von Dauer sein. Erst vor einem Jahr war das Bezirksamt Mitte, das Jugendamt und der Jugendhilfeausschuss in die Kritik geraten, nachdem ein vom Jugendamt betreutes zwölf Jahre altes Mädchen an Methadon gestorben war. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen in eine Pflegefamilie mit rauschgiftsüchtigen Eltern gekommen war, vom Regen in die Traufe. Die Krise endete mit einigen Personalentscheidungen. Sowohl der Bezirksamtsleiter als auch der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses mussten gehen.

Was den Fall Jeremie angeht, so verteidigte sich der Erziehungsverein, der die Unterbringung in den Zirkus vermittelt hatte. Die Finanzierung sei angemessen und das Konzept erfolgreich gewesen. Besondere Fälle bedürften besonderer Lösungen.

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