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„Ausreichend Beweise“ Ein „Rockefeller“ unter Mordverdacht

25.01.2012 ·  Als „falscher Rockefeller“ wurde der Hochstapler Christian Karl Gerhartsreiter nicht nur in Amerika berühmt. Nun muss er sich wieder vor Gericht verantworten - wegen Mordes.

Von Christiane Heil, Los Angeles
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Schon zu Beginn der gerichtlichen Anhörung im kalifornischen Alhambra hatte sich abgezeichnet, dass Christian Karl Gerhartsreiter nicht auf Wohlwollen hoffen konnte. „Ich habe immer wieder mit Menschen zu tun, die verschiedene Pseudonyme tragen. Es ist aber noch nie vorgekommen, dass eine Person vor Gericht mit einem dieser Kunstnamen tituliert wurde“, schimpfte Richter Jared Moses, bevor er in der vergangenen Woche Gerhartsreiters Bitte ausschlug, weiter als „Mr. Rockefeller“ angesprochen zu werden.

„Es gibt ausreichend Beweise“, sagt der Richter

Unter dem Alias, das den ehemaligen Austauschstudenten aus dem bayerischen Siegsdorf als Spross des amerikanischen Öl-Clans auswies, hatte der Hochstapler fast 20 Jahre nahezu unbehelligt an der Ostküste der Vereinigten Staaten gelebt. Erst die Entführung seiner Tochter während eines Sorgerechtsstreits brachte Gerhartsreiters Lügengebäude vor vier Jahren schließlich zum Einsturz. Schnell wurde der Fünfzigjährige auch mit dem rätselhaften Mord an dem Sohn seiner früheren Vermieterin im kalifornischen San Marino in Verbindung gebracht, für den Gerhartsreiter sich nun vor Gericht verantworten muss. „Es gibt ausreichende Beweise, um gegen den Angeklagten ein Verfahren zu eröffnen“, verkündete Richter Moses am Dienstag, nachdem der Staatsanwalt zuvor in fünf Tagen 28 Zeugen befragt hatte.

Der Baggerfahrer José Perez berichtete in der vergangenen Woche von einem bizarren Fund. Perez war im Mai 1994 auf eine Plastiktüte mit Knochen gestoßen, als er auf einem Anwesen in San Marino bei Los Angeles eine Grube für ein Schwimmbad aushob. „Erst dachte ich, es sei ein Hund, aber die Knochen sahen irgendwie anders aus“, erinnerte sich der Bauarbeiter. Wie sich später herausstellte, hatte Perez den Schädel des seit neun Jahren vermissten John Sohus zu Tage befördert. Der Programmierer war durch mindestens drei wuchtige Schläge auf den Kopf getötet worden. „Jeder einzelne hätte tödlich sein können“, erklärte der Pathologe Frank Sheridan den Zuschauern im vollbesetzten Gerichtssaal. In den Tagen nach Perez’ Fund entdeckten die Ermittler in der Grube fast das ganze Skelett eines Mannes.

„Er war wie ein Phantom.“

Viele der Knochen, die sorgfältig in Plastik eingeschlagen waren, steckten noch in Jeans, Socken und Hemd. Dennoch hatten die Forensiker Schwierigkeiten, die sterblichen Überreste dem vermissten Sohn von Gerhartsreiters früherer Vermieterin Ruth Sohus zuzuordnen. Die alte Frau war drei Jahre nach dem Verschwinden ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter Linda gestorben. Zudem blieb ein DNA-Vergleich jahrelang ergebnislos, da John Sohus als Kind adoptiert worden war und erst ein Verwandter des Siebenundzwanzigjährigen gesucht werden musste. Dennoch fiel Gerhartsreiter den Ermittlern schon früh nach dem Verschwinden des jungen Paares Ende Januar 1985 auf. Der Deutsche, der als angeblicher Filmstudent unter dem Namen Christopher Chichester in Sohus’ Gästehaus wohnte, sollte zwar als „auffällige Person“ vernommen werden, verschwand aber bald aus Kalifornien.

Bekannte wie Robert Brown, mit dem Gerhartsreiter sich damals zu gemeinsamen Bibellesungen verabredete, überraschte sein Umzug nicht. „Er war wie ein Phantom“, beschrieb Brown es jetzt. „Wir dachten, er sei das schwarze Schaf der Familie an der Ostküste, das immer Abstand hielt.“ Fast 4000 Kilometer entfernt im Bundesstaat Connecticut begann Gerhartsreiter damals ein neues Leben, diesmal unter dem Pseudonym Christopher Crowe.

„Ich muss ihn damals wirklich geliebt haben.“

Bei einem Finanzunternehmen in Manhattan lernte er Mihoko Manabe kennen, die im Gerichtssaal ein wenig schmeichelhaftes Bild von Gerhartsreiter zeichnete. „Er war jähzornig und konnte gemein sein“, fasste Manabe die gemeinsamen sieben Jahre zusammen. Als im Jahr 1988 ein Ermittler aus Connecticut anrief, sei er in Panik ausgebrochen. Gerhartsreiter soll zuvor versucht haben, Sohus’ Auto zu verkaufen. Ohne zu zögern ließ „Crowe“ sich einen Bart wachsen und tauschte die Brille gegen Kontaktlinsen, während Manabe ihre Haare blond färben musste. „Ich muss ihn damals wirklich geliebt haben“, sagte Manabe.

In den Jahren an der Seite der Übersetzerin verwandelte Gerhartsreiter sich über Nacht von dem angeblich mit dem britischen Königshaus verwandten Crowe zu Clark Rockefeller. Wie Manabe aussagte, legte er sich den Namen zu, nachdem er unter „Rockefeller“ in einem Restaurant einen besseren Tisch bekommen hatte. Nach der Trennung von Manabe im Jahr 1994 begann Gerhartsreiters Aufstieg in der Bostoner und New Yorker Gesellschaft, der bis heute kaum zu verstehen ist. Als Ehemann der millionenschweren Unternehmerin Sandra Boss galt „Clark“ als charmanter Plauderer mit einem Faible für Seidenfliegen und teure Kunst.

Der Höhenflug des Bayern nahm 2007 mit der Scheidung ein jähes Ende. Als er während des Sorgerechtsstreits die siebenjährige Tochter entführte, wurde er im Bundesstaat Massachusetts zu einer Haftstrafe verurteilt. Obwohl der Hochstapler weiterhin beteuert, unschuldig an Sohus’ Tod zu sein, scheint er auch in Kalifornien von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden: Wie die Staatsanwaltschaft preisgab, trägt die in San Marino ausgebaggerte Plastiktüte mit Sohus’ Schädel das Wappen der University of Wisconsin, an der Gerhartsreiter im Jahr 1980 studierte. Bei dem für September geplanten Mordprozess könnte ihm dieses Versehen lebenslange Haft einbringen.

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