24.11.2006 · Deutschland macht es adoptionswilligen Paaren nicht leicht, ein Kind aufzunehmen. Dabei ist es wichtig, daß Ämter die Begehren schnell und professionell abwickeln. Ansonsten besteht die Gefahr, daß halbseidene Vermittler zum Zuge kommen.
Von Alfons KaiserAdoptionen sind hierzulande nicht sehr angesehen, jedenfalls nicht so wie familiäre Bande. Einen noch schlechteren Ruf haben Auslandsadoptionen, die mit dem Odium „fremden Bluts“ behaftet sind. Allzu oft müssen sich Adoptiveltern, die mit einem dunkelhäutigen Kind an der Hand durch die Fußgängerzone gehen, noch schief ansehen lassen: Wie viel haben die wohl für das Kleine bezahlt?
Kein Wunder, daß die Zahl der Adoptionen stark zurückgeht - könnte man meinen. Aber in Wirklichkeit ist bei den Deutschen der Wunsch, ein fremdes Kind bei sich aufzunehmen, verbreiteter, als es scheint: Es gibt zwölf Mal mehr Anwärter als Kinder, die zur Adoption freigegeben werden. An potentiellen Eltern mangelt es also nicht; eher an der Bereitschaft von Jugendämtern, Elternschaft zu ermöglichen. Manche Anwärter läßt man so lange warten, bis sie schließlich als „zu alt“ abgewiesen werden können. Auf die muß es geradezu zynisch wirken, wenn die Abnahme der Adoptionen mit der demographischen Krise begründet wird. Gerade der Bevölkerungsrückgang müßte eigentlich die Akzeptanz von Auslandsadoptionen stärken. Davon aber ist nichts zu spüren. Im sieben Millionen Einwohner zählenden Israel werden mehr ausländische Kinder adoptiert als in Deutschland.
Madonna hat dem Thema kein Dienst erwiesen
Fremdadoptionen sind anrüchig. Die meisten Adoptivkinder werden von einem Stiefelternteil oder von Verwandten als Kind angenommen - etwa nach einer Scheidung vom neuen Partner des sorgeberechtigten Elternteils. Nur knapp ein Drittel der angenommenen Kinder stammt aus dem Ausland. Da kommt es gerade recht, daß Popstar Madonna mit einer Auslandsadoption auf sich aufmerksam macht. Ihr Kampf um einen kleinen Jungen aus Malawi, der in der kommenden Woche gerichtlich fortgeführt wird, hat immerhin dazu geführt, daß man sich auch in Deutschland vermehrt mit dem Schicksal der bald zehn Millionen Aids-Vollwaisen im südlichen Afrika auseinandersetzt. Der kleine David Banda, der jetzt in London einer besseren Zukunft als in Malawi entgegensieht, könnte auch anderen Kindern helfen, wenn seinetwegen internationale Adoptionen leichter vonstatten gehen würden.
Allein, der Popstar hat dem Thema keinen Dienst erwiesen. Madonna täte besser daran, sich der Haager Adoptionskonvention von 1993 zu beugen. Eigentlich ist sie zu alt und hat zuwenig Kontakt mit dem Land ihrer Wahl, zudem hat sie bereits eigene Kinder. Viele mögliche Eltern in der westlichen Welt werden sich nun vorstellen, es sei ein Kinderspiel, sich ein armes süßes Kind aus Afrika zu holen. Aber ein Heim ist kein Supermarkt. Gerade weil in armen Ländern die Waisen Gefahr laufen, mißbraucht zu werden, muß der Zugriff strengen Bedingungen unterworfen sein. Wenn in der Adoptionsvermittlung der freie Markt von Angebot und Nachfrage herrschte, dann wäre jenen Tür und Tor geöffnet, die Kinder zur Arbeit oder zur Prostitution mißbrauchen wollen.
Adoptiveltern sollten Land des Kindes kennen
Paare, die Eltern werden wollen, sollten ihren Traum vom Kind beizeiten mit der Wirklichkeit konfrontieren. Es ist nicht damit getan, einem Kind neue Eltern zu geben, sie müssen ihm auch eine neue Heimat geben können, ohne seine Wurzeln gänzlich zu kappen. Deshalb sollten sie das Land kennen, aus dem das Kind kommt, so daß sie später die Verbindung halten können. Und weil ein dunkelhäutiges Kind in Europa noch immer alltäglichem Rassismus ausgesetzt ist, müssen sie auch die familiäre Stabilität mitbringen, Anfechtungen auszuhalten.
An diesem Punkt hängt es dann allerdings nicht mehr nur von den Eltern ab, ob eine Adoption zustande kommt. Wenn staatliche Stellen ins Spiel kommen, welche die Eignung der Eltern testieren, kann es kompliziert werden. In den Vereinigten Staaten wird man zu dem Entschluß, ein Kind anzunehmen, bei der Vermittlungsstelle beglückwünscht: Dort freut man sich eben noch über Kinder, wie auch an der Geburtenrate abzulesen ist. In Deutschland hingegen schlägt Adoptionswilligen vielfach Argwohn entgegen. Selten wird ihr Begehren von vornherein unterstützt. Vielmehr müssen sie sich dafür rechtfertigen und es demütig ertragen, von Sozialarbeitern gewissermaßen bis aufs Hemd ausgezogen und peinlichen Durchleuchtungen unterzogen zu werden.
Herkunftsländern ist mit regulären Adoptionen gedient
Solche Erfahrungen führen geradewegs in die Arme halbseidener Vermittler. Die Teilprivatisierung der Adoptionsabwicklung in Deutschland hat schon zu Korruptionsfällen geführt. Die Empfehlung an Eltern, ein paar Tausender extra mit ins Land zu nehmen, verdirbt die Sitten und bringt alle folgenden Aspiranten in Mißkredit. Die Politik muß auf Herkunftsländer wie Rußland mehr Druck ausüben, der Haager Konvention beizutreten, damit die Zahl der Selbstbeschaffungsadoptionen sinkt. Gleichzeitig müßten die Landesjugendämter wirksamer gegen Eltern vorgehen können, die sich ihr Kind auf illegalem Weg besorgen. Glaubwürdig bleiben die Vertragsstaaten, also auch Deutschland, aber nur, wenn sie die Begehren schnell und professionell abwickeln - sonst bedienen sich die Eltern eben selbst.
Und das wäre fatal, denn auch den Herkunftsländern ist mit regulären Adoptionen gedient. Oft genug helfen Adoptiveltern den Kinderheimen allein durch die Gebühren, ihre Arbeit besser zu verrichten. Wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, einem Waisenkind ein menschenwürdiges Dasein im Lande zu sichern, ist ein geregeltes und kontrolliertes Adoptionsverfahren jedenfalls das beste Mittel gegen illegalen Kinderhandel. Allein im kleinen Land Malawi fallen jedes Jahr tausend Kinder Geschäftemachern in die Hände. Madonna hin, Madonna her: Nicht nur diese Kinder wären besser bei Eltern in der westlichen Welt aufgehoben.
Da muss noch einiges passieren..
Dietmar Mohr-Schmidt (Diddl100)
- 24.11.2006, 22:03 Uhr
Daily Error: Adoptionen und Birnen
Jonas Hesselbrinck (Daily-Error.de)
- 27.11.2006, 00:35 Uhr
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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