03.08.2005 · Als der Airbus A340 über die Landebahn hinausschießt, rufen die Flugbegleiter noch zur Ruhe auf. Doch dann bricht an Bord Feuer aus - und Panik. Passagiere berichten, wie sie sich aus der Unglücksmaschine ins Freie retteten.
Als das Flugzeug nach mehreren Warteschleifen wegen des schlechten Wetters endlich landet, applaudieren die Passagiere des Air-France-Flugs 358 aus Paris. Auf ihrem Weg nach Toronto haben sie einige furchterregende Augenblicke erlebt - so gingen offenbar wegen einer Strompanne in der Kabine alle Lichter aus.
Doch Sekunden später weicht die Erleichterung der Todesangst: Die A340 rutscht über die Landebahn in Toronto hinaus und fängt Feuer. „Alles ging so schnell - es war ein bißchen wie im Film“, berichtet Gwen Dunlop, die das Unglück wie die anderen 296 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder wie durch ein Wunder überlebt. Laut Air France gibt es nur Leichtverletzte, als die Reisenden das brennende Flugzeug verlassen.
„Auf einmal war die Tragfläche weg“
„Auf einmal war die Tragfläche weg. Die Sauerstoffmasken kamen nicht runter, das Flugzeug füllte sich mit Rauch.“ Eine Flugbegleiterin habe versucht, die Passagiere zu beruhigen und gesagt, daß alles in Ordnung sei, berichtet Dunlop weiter: „Und dabei stand das Flugzeug in Flammen und Rauch drang ein.“ Die Besatzung sei offenbar nicht gut vorbereitet gewesen, meint die Gerettete. Einige Passagiere hätten den Jet über Notrutschen verlassen, andere seien einfach gesprungen.
Der Airbus schliddert bei seiner Bruchlandung in einen Graben nahe des Highways 401, der meistbefahrenen Autobahn in Kanada. Im strömenden Regen krabbeln die Passagiere den Graben hinauf, suchen Deckung unter einer nahen Brücke. Sie haben Angst, daß der vierstrahlige Jet explodiert. „Wir versuchten alle, den Hügel raufzukommen. Alles war matschig und wir haben unsere Schuhe verloren. Wir sind einfach nur gekrabbelt“, berichtet Dunlop. Es seien auch Kinder dabei gewesen. Autos bleiben stehen, um Verunglückte aufzunehmen oder ihnen einfach einen Schirm anzubieten. Viele Reisende haben Kleidungsstücke verloren.
„Alles begann auseinander zu fallen“
Das erste Hinweis, daß etwas schief laufen könnte, kommt ein paar Minuten vor der Landung, als der erfahrene 57 Jahre alte Pilot wegen heftigen Winds, Regens und Blitzen einen ersten Landeanflug abbricht. „Das Wetter ist zu schlecht, deshalb startet der Kapitän durch“, habe eine Flugbegleiterin gesagt, berichtet der Passagier Ahmed Alawata. Dann kommt die Dunkelheit.
Eine Minute später, beim zweiten Landeanflug auf Pearson International, gehen die Lichter aus, erinnert sich Olivier Dubois. „Kurz bevor wir den Boden berührten, war im Flugzeug alles dunkel, es gab kein Licht mehr, nichts.“ Als die Räder auf der Landebahn aufsetzen, brechen die von der Dunkelheit gestreßten Passagiere in Beifall aus. „Vielleicht zehn Sekunden später begann alles auseinander zu fallen. Taschen flogen umher“, berichtet der 19 Jahre alte College-Student Eddi Ho aus Südafrika. „Eine Durchsage wurde gemacht. Der Kapitän sagte: 'Alles ist in Ordnung, bleiben Sie ruhig in ihren Sitzen.' Das ist eine ziemlich verrückte Durchsage, wenn Sie mich fragen.“ Zunächst seien die Leute ruhig geblieben und hätten sich in einer Reihe aufgestellt, berichtet Ho weiter.
„Jeder hatte riesige Angst“
Aber als im Heck des Jets Feuer ausbrach, „stolperten die Leute übereinander weg, kletterten über die Sitze, um zum Ausgang zu kommen“. Ein Flugbegleiter habe ihn aufgefordert, aus der Vordertür ohne Notrutsche dreieinhalb Meter in die Tiefe zu springen. Ho läuft zu einer zweiten Tür. Deren Notrutsche ist zwar beschädigt, aber der junge Mann nimmt sie dennoch. „Ich sprang und fiel auf einige Leute“, schildert er seine dramatische Rettung. „Einige Menschen haben sich Arme oder Beine gebrochen.“ „Alle waren in Panik“, sagt Olivier Dubois, der im hinteren Teil der Maschine saß. „Jeder hatte riesige Angst, daß der Airbus explodieren könnte.“
Einige Passagiere kritisieren das Verhalten der Besatzung, die nicht genug auf die Reisenden eingegangen sei. Andere berichten, daß die Crew beruhigend auf die Leute eingewirkt und ihren Job offenbar gut gemacht habe. Die 15 Jahre alte Lauren Langille ist mit einer Austauschschülerin auf dem Rückweg aus Frankreich. Die Flugbegleiter hätten sich ruhig und geistesgegenwärtig verhalten. „Sie haben uns angewiesen, das Flugzeug zu verlassen. Es gab viel Panik, aber die Flugbegleiter haben uns wirklich gut beruhigt.“ Sie ist dankbar, mit dem Leben davon gekommen zu sein. „Ich war so froh, all die Leute zu sehen, die sich gegenseitig halfen“, berichtet Lauren. „Ich genieße das Leben jetzt viel mehr und ich werde nicht mehr so viel für selbstverständlich halten.“