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Aufwertung der Seine-Ufer : Paris liegt am Strand

Fast wie in Nizza: Der Bürgermeister von Paris hat für seine Stadt das Ufer zurückerobert – nicht nur mit der zwölften Ausgabe von „Paris Plage“, rechts im Bild, sondern auch mit Fußgänger- und Radwegen an der anderen Seite der Seine Bild: AFP

Die französische Hauptstadt kümmert sich wieder um ihren Fluss, die Seine. Der Bürgermeister investiert in die Aufwertung der Ufer. Damit lockt er Fußgänger und Radfahrer. Und verärgert die Pariser Autofahrer.

          Paris rückt ans Wasser. Die Stadt ist dabei, ihren Fluss neu zu entdecken. Vor kurzem ist eine neue Flanier- und Radmeile mit Sport-, Kultur- und Kinderspielangeboten, Cafés und schwimmenden Grünanlagen auf dem linken Seine-Ufer zwischen Eiffelturm und Musée d’Orsay eröffnet worden. Auf 2,3 Kilometern „rive-gauche“ lässt es sich autofrei spazieren oder radeln. Cafés und Imbissstuben, die wie Biergärten wirken, laden zum Verweilen am Wasser.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Im vergangenen Sommer hatte Bürgermeister Bertrand Delanoë schon das rechte Flussufer für Fußgänger und Radfahrer zurückerobert. Der Schnellstraße „rive droite“, die nach dem früheren Präsidenten Georges Pompidou, einem Autonarren, benannt ist, verordnete er ein gemächlicheres Tempo. Die Uferstraße wurde begrünt, die Rad- und Fußwege wurden erweitert und der Autoverkehr durch zahllose Ampeln verlangsamt.

          Nach dem Beispiel anderer Großstädte

          Jetzt vollendet der von Lärm und Abgasen befreite Uferabschnitt diese kleine grüne Revolution. Besuchern und Gewohnheits-Spaziergängern ist es seit diesem Sommer möglich, die Sehenswürdigkeiten der französischen Hauptstadt samt ihren von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Seine-Fassaden vom Fluss her zu erschließen. Die Stadtverwaltung hat auch gleich drei Stationen mit Leihfahrrädern (Vélib’) am neuen Uferweg installieren lassen. Zugleich ist ein erster Vélib’-Führer auf Französisch und Englisch erschienen, der die schönsten Radtouren auflistet und die dazu notwendigen „Andockstationen“ für die Räder. Nur die Betreiber der „bâteaux-mouches“, der bulligen Touristenkähne, die auf der Seine schippern, sind wenig begeistert von dieser Konkurrenz zu Lande.

          Die Hauptstadt, die sich gern für avantgardistisch hält, eifert dieses Mal nur anderen französischen Großstädten nach. Lange vor Paris haben Bordeaux, Lyon und Toulouse sich als Städte am Wasser neu erfunden und ihre Flussläufe ins Zentrum des urbanen Lebens gerückt. In der Touristen- und Wirtschaftsmetropole Paris entfachte der Wunsch des sozialistischen Bürgermeisters nach einer Wende an der Seine hingegen eine heftige ideologische Debatte. Die Autofahrer-Lobby beschwor apokalyptische Szenen von einer im Dauerstau gefangenen Wirtschaftsmetropole herauf. Der rechtsbürgerliche Premierminister François Fillon, der zeitweilig damit liebäugelte, sich um den Pariser Bürgermeister-Posten zu bewerben, griff die Ängste der Autofahrer auf. Er blockierte Anfang 2012 die Umbauarbeiten der Uferböschungen. Das konnte er, denn die Uferstraßen sind dem Freihafen Paris unterstellt, der wiederum direkt der Zentralregierung zugeordnet ist. Erst der Machtwechsel im Mai 2012 brachte für den Bürgermeister den Durchbruch. Auf die Idee will der Sozialist, der sich mit dem Uferweg „rive gauche“ nach mehr als einem Jahrzehnt als Bürgermeister verabschiedet, schon ganz zu Beginn seiner Amtszeit gekommen sein. 2002 ließ er zum ersten Mal am Seine-Ufer Sand aufschaufeln und lud zum urbanen Strandvergnügen unter der Überschrift „Paris Plages“ ein. Seither ist das Strandbad „Paris Plages“ samt Schwimmbecken unweit des Rathauses, Sprühduschen, Palmen, Liegestühlen und Beachvolleyball-Feld zur festen Einrichtung des Sommers geworden. Mehr als 6000 Tonnen Sand sind auch dieses Mal ans Seine-Ufer zwischen Louvre und Pont d’Arcole geschafft worden.

          Angst vor Hochwasser

          Der Publikumserfolg hat jene Kritiker verstummen lassen, die in dem Strandvergnügen nur Steuerverschwendung sehen. Delanoës „Kronprinzessin“ Anne Hidalgo, die bei den Kommunalwahlen im kommenden März als erste Bürgermeisterin ins Rathaus von Paris einziehen will, verteidigt die Errungenschaften der Ära Delanoë. Der Sozialist hat die Hauptstadt kontinuierlich anderen Fortbewegungsmitteln als dem Auto geöffnet. Ihm gelang es, den Busverkehr wieder attraktiv zu machen, als er eigene Bus-Fahrbahnen schuf. Unter Delanoë hat Paris ein dichtes, bequem zu nutzendes Leihfahrrad-Netz erhalten. Unter seine Ägide sind auch an allen wichtigen Stellen in der Stadt „Aufladestationen“ für frei auszuleihende Elektroautos entstanden, die nach der großen Schwester Vélib’ „Autolib’“ getauft wurden. Gegen diese Erfolgsbilanz fällt es der rechtsbürgerlichen Bürgermeister-Kandidatin Nathalie Kosciusko-Morizet schwer, sich bei den Parisern beliebt zu machen. Anders als der Beinahekandidat Fillon lehnt Kosciusko-Morizet einen Rückbau der neuen Errungenschaften wie der Seine-Uferwege ab. „Ich bin nicht dazu da, Vorhandenes zu zerstören“, sagte die Kandidatin kürzlich in einem Gespräch.

          Die Gefahr für die neue Flaniermeile an der Seine kommt höchstens vom Fluss. Die Pariser Stadtverwaltung bereitet sich schon seit langem auf ein mögliches neues Hochwasser vor. Deshalb hat auch Bürgermeister Delanoë hervorgehoben, dass alle Einrichtungen am Uferweg „reversibel“ sind. Sollte tatsächlich einmal ein Hochwasser Paris heimsuchen, könne alles schnell abgebaut werden. Doch zunächst einmal hofft der Bürgermeister, dass die Pariser und die Touristen den neuen Weg annehmen.

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