08.01.2002 · Jahre bevor die erste Atombombe auf Hiroshima fiel, hat Nobelpreisträger Werner Heisenberg Hitlers Atombombenprogramm verraten.
Atomphysiker führten im Zweiten Weltkrieg ein spannendes Leben im Verborgenen. Die Welt befand sich an der Schwelle zum Atomzeitalter, und es war klar, dass die Wissenschaftler diejenigen sein würden, die die Menschheit über diese Schwelle befördern würden. Jenseits der Schützengräben gab es einen mörderischen Wettlauf. Wer würde als erster die Atombombe bauen, einsetzen und so den Krieg für sich entscheiden? Hitler-Deutschland oder die Amerikaner?
In dieser für den Krieg entscheidenden Situation hat der berühmte deutsche Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1901 - 1976), ein Pionier der Quantenmechanik, das Atombomben-Forschungsprogramm der Nazis an seinen früheren Mentor, den dänischen Atomphysiker und Nobelpreisträger Niels Bohr (1885 - 1962), verraten - vier Jahre, bevor die erste Atombombe die japanische Stadt Hiroshima zerstörte. Dies belegt offenbar ein nie abgeschickter Brief Bohrs an seinen früheren Schüler, der am 5. Februar vom Niels-Bohr-Institut in Kopenhagen veröffentlicht werden soll. Der Leiter des Instituts, Finn Aaserud, hat bestätigt, dass die Familie Bohrs einer Veröffentlichung des Dokuments zugestimmt hat. Ebenso bestätigte Aaserud einen entsprechenden Bericht der britischen Zeitung Sunday Times vom vergangenen Sonntag.
Jahrzehnte altes Rätsel
Bei der Angelegenheit handelt es sich um ein Jahrzehnte altes wissenschaftlich-historisches Rätsel. 1941 besuchte Heisenberg Bohr im von Deutschen besetzten Kopenhagen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang verriet der Deutsche offenbar die Existenz des Uran-Clubs, der für die Nationalsozialisten an der Entwicklung der Atombombe arbeitete. Was genau Heisenberg sagte, ist ebenso unbekannt wie sein Motiv. Beobachtet wurde lediglich noch eine heftige Reaktion Bohrs, der die Konversation abrupt abgebrochen haben soll.
Welche Absicht verfolgte Heisenberg?
Seit dieser Begebenheit wird über den Inhalt des Gesprächs intensiv spekuliert. Als besonders umstritten gilt die Auffassung, Heisenberg habe den Dänen für eine Mitarbeit an den Atombombenplänen der Nazis gewinnen wollen. Neue Aktualität gewann die Frage im vergangenen Jahr durch die Aufführung des Theaterstücks "Copenhagen" des amerikanischen Autors Michael Frayn. In dem Stück wird die Ansicht vertreten, Heisenberg habe Niels Bohr vor den Gefahren einer Atombombe warnen und zum gemeinsamen Handeln von Wissenschaftlern auf beiden Seiten gegen die sich abzeichnende zerstörerische Gewalt auffordern wollen.
Hat Bohr sein Wissen verschwiegen?
Ebenso wird in "Copenhagen" die These vertreten, Bohr habe sein Wissen nicht an seine Kontakte zum Nazi-Widerstand weitergegeben - möglicherweise um seinen ehemaligen Schüler Heisenberg vor einer Verfolgung wegen Hochverrats zu schützen. Die Behauptung, der Physiker, der später im Manhattan-Project an der Entwicklung der Hiroshima-Bombe beteiligt war, habe nicht vor der atomaren Gefahr durch die Nazis gewarnt, will die Familie Bohrs offenbar unbedingt entkräften. Aus diesem Grunde befürwortet sie laut Aaserud die Veröffentlichung des nie abgesendeten, in seinem Ton angeblich äußerst harschen Briefs, obwohl sämtliche Dokumente aus Bohrs Nachlass eigentlich erst nach Ablauf von 50 Jahren nach dem Tod des genialen Physikers freigegeben werden dürfen.
Am 5. Februar soll nun Licht in diese knapp 61 Jahre alte Angelegenheit gebracht werden. Es geht offenbar um den guten Ruf mindestens einer Wissenschaftslegende.