19.08.2005 · Dieses Erlebnis hat man wohl nur auf dem Hudson River: Durch Brooklyn, eines der geballtesten, aggressivsten Stadtquartiere der Welt auf einem Ausflugsdampfer zu schippern und sich kurz darauf als Entdecker zu fühlen.
Von Tobias RütherHenry Hudson war eigentlich im Auftrag der Vereinigten Ostindischen Kompanie unterwegs, eine Nordostpassage zu finden, als er auf Umwegen im September 1609 in die Mündung jenes Flusses hineinfuhr, der heute seinen Namen trägt. Der Hudson ist der rauhere der beiden Ströme, die Manhattan einfassen, der Wind weht einem scharf ins Gesicht. Wer am Pier 83 eine Passage auf dem Hudson löst, die Spitze Manhattans umschifft und den East River hinauffährt, an einem Brooklyn vorbei, das noch immer so rostig aussieht wie im Gangsterfilm „French Connection“, landet schließlich auf dem Harlem River, der sich durch die Bronx schlängelt.
Es ist schon merkwürdig genug, durch eine der geballtesten, aggressivsten Stadtquartiere der Welt auf einem Ausflugsdampfer zu schippern: Zur Sensation wird diese Fahrt allerdings erst, wenn dieser Dampfer an der Mündung des Harlem River wieder auf den Hudson steuert. Der hier ungeheuer breit ist, und ungezähmt, das Ufer gegenüber tiefgrün bewaldet und nicht verbaut. Man kneift die Augen gegen den Wind zu und hat eine Vision davon, welchen Respekt dieses Wildwasser Henry Hudson eingeflößt haben muß. Mit acht Millionen Menschen im Rücken ist man plötzlich allein, als Entdecker, haltlos in den Wellen. Wie Hudson.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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