12.06.2010 · Sechs Monate war Andreas Lindner 2007 für „Ärzte ohne Grenzen“ in der Zentralafrikanischen Republik - in einem Gebiet, das von chronischer Gewalt heimgesucht wird. Beklemmung verspürte er erst, als der Einsatz fast vorbei war.
Von Eva HeidenfelderDie Augen von Andreas Lindner leuchten besonders dann, wenn er von den Kleinsten erzählt: „Es ist furchtbar, wenn man ein zwei Jahre altes Kind an Unterernährung sterben sieht. Aber dafür rettet man neun anderen das Leben - ein unglaublich tolles Gefühl.“ Der Arzt spricht von seinem Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik. Einem Land, in dem jedes fünfte Kind seinen fünften Geburtstag nicht erlebt. Oder bereits bei der Geburt stirbt, oft gemeinsam mit seiner Mutter.
Einem Land, in dem Menschen wegen mangelnder medizinischer Versorgung Malaria, Durchfall, Masern oder eine Lungenentzündung nicht überleben. In dem annähernd jeder Zehnte mit dem HI-Virus infiziert ist. Einem Land, das mit den Nachbarländern Sudan und Tschad ein verhängnisvolles Dreieck bildet, das wie viele andere Teile Afrikas von Gewalt, Vertreibung und bitterer Armut geprägt ist. „Ich habe so viele Menschen auf der Flucht gesehen, die nichts besaßen außer dem, was sie am Leib trugen“, erinnert sich der Arzt.
Es wird geplündert, niedergebrannt, vergewaltigt
Drei Jahre nach seinem Einsatz verrät der Blick des 34 Jahre alten Mediziners, dass er noch jede Einzelheit seiner Zeit im Herzen des Schwarzen Kontinentes genau vor sich sieht. Für die „Médecins Sans Frontières“, die 1971 in Frankreich gegründete internationale Hilfsorganisation, arbeitete Lindner von September 2007 bis April 2008 in zwei Kliniken im Norden des Landes. Einer Gegend, in der nur noch wenige Hilfsorganisationen die Sicherheit ihrer Mitarbeiter gewährleisten können.
Kontinuierlich bekriegen sich Rebellen und Regierungstruppen, Überfälle durch Straßenbanditen sind in dem von Anarchie und Gesetzlosigkeit geprägtem Staat an der Tagesordnung. 160.000 Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, weil ihre Dörfer überfallen, geplündert und niedergebrannt wurden. Um das Leben ihrer Mediziner, Krankenschwestern, Hebammen und Laborfachkräfte zu schützen und ihren Einsatz koordinieren zu können, sind in der Organisation auch viele Mitarbeiter für Logistik und Sicherheit zuständig.
Er mag keinen Pathos
Lindner ist ein ruhiger, besonnener Mensch. Er überlegt genau, bevor er etwas sagt. Wenn er von den „Ärzten ohne Grenzen“ erzählt, kommt er jedoch aus sich heraus. Dann erzählt er mit einer solchen Begeisterung von der Organisation, dass schnell klar wird, dass es für ihn ein Glücksfall war, für sie zu arbeiten, nicht nur umgekehrt. „Ich bin Arzt geworden, weil ich Menschen helfen möchte.“ Er sagt es zögernd, weil er den Pathos, der in diesem Satz steckt, nicht mag - aber so sei es nun einmal.
Und ihm gefällt, dass er ganz nah dran sein könne an seinen Patienten, egal ob in Deutschland oder Afrika. Viele Ärzte hätten während der Ausbildung den Wunsch, einmal in einem armen Land zu helfen. Doch das verlöre sich bei vielen. Dem Unterfranken, der derzeit in einem Regensburger Klinikum seine Facharztausbildung zum Internisten beendet, war es jedoch früh ein Grundbedürfnis. Lindner kommt aus einem sozial geprägten Umfeld: „Sogar ein Pfarrer wohnte bei uns.“
Ist es zu einfach, nur in Deutschland zu arbeiten?
Bereits als Jugendlicher interessiert er sich für Entwicklungsländer, reist nach dem Abitur nach Afrika. Danach studiert er bis Ende 2004 in Würzburg Medizin, beginnt dort seine Assistenzzeit in einem Klinikum. Doch nach zwei Jahren kündigt er, um in London einen dreimonatigen Lehrgang in Tropenmedizin zu machen. „In Deutschland kommen auf einen Arzt etwa 300 Patienten, in Entwicklungsländern bis zu 25.000“, erklärt er. Die Kindersterblichkeit sei hoch, die Lebenserwartung gering. „Da habe ich mich irgendwann gefragt, ob ich es mir nicht zu einfach mache, wenn ich nur hier arbeite.“
Das will er nicht als Kritik an seinen Kollegen verstanden wissen, vor denen er großen Respekt hat: „Der Klinikalltag in Deutschland ist hart. Ich hatte in den letzten Jahren auch eine sehr schöne Zeit in exotischen Ländern.“ Vor seiner Erfahrung in der Zentralafrikanischen Republik war Lindner schon in Indien, danach noch in Birma im Einsatz. Ein bisschen Abenteuerlust und Reisefieber schwingt also auch mit, wenn Lindner unterwegs ist: „Ich war in Gegenden, die eine No-go-Area für Touristen sind.“ Als Urlauber hätte er auch nie so tief in die Kultur eines Landes eintauchen können, wie es ihm vor allem in der Zentralafrikanischen Republik vergönnt war: „Man arbeitet in einem Team, das zu 95 Prozent aus einheimischen Mitarbeitern besteht“, erzählt er.
„Ein gewisses Risiko ist unvermeidbar“
Auch wenn „Ärzte ohne Grenzen“ einen großen Bedarf an Medizinern hat, wird jeder Interessent genau geprüft: „Es wird ausgelotet, ob der Bewerber die Extremsituation, in die er geschickt wird, auch bewältigen kann.“ Wer eingestellt wird, erhält für die Zeit seines Einsatzes ein Bruttogehalt von etwa 840 Euro im Monat, um seine laufenden Kosten decken zu können und muss gemeinsam mit anderen „Ersthelfern“ einen einwöchigen Lehrgang absolvieren. „Wir mussten unsere Teamfähigkeit unter Beweis stellen, mussten unter Zeitdruck gemeinsam Aufgaben lösen“, erinnert sich Lindner.
Sie lernen Verhaltensregeln, die ihr Leben beschützen würden: Nachts nicht vor die Tür zu gehen, immer ein Walkie-Talkie dabei zu haben, sich jede Stunde in der Zentrale zu melden, wenn man eine gefährliche Straße befährt. „Man geht ein gewisses Risiko ein. Es ist kalkulierbar, aber nicht vermeidbar“, räumt er ein. Wegen der guten Sicherheitsvorkehrungen geschehe jedoch selten etwas. Wenige Monate vor der Abreise Lindners passiert dennoch ein Unglück: Eine 27 Jahre alte Französin gerät in einem Nachbarprojekt des Mediziners unter Beschuss, sie stirbt. „Das war ein Schock“, erzählt er. „Das Vertrauen in meine Organisation war dennoch ungebrochen groß. Es war ein tragischer Einzelfall.“
Wie ein Glas Nutella zum Highlight wird
Lindner fährt und bleibt auch: „Wenn ein Mitarbeiter einen Einsatz abbricht, liegt das meist an Problemen im Team.“ Über schlimme Erlebnisse könne mit Psychologen während und nach dem Einsatz jederzeit gesprochen werden. Gefährlich für die Psyche sei deshalb eher der klassische Burn-out. Irgendwann sei jeder in einer Routine und müsse aufpassen, dass sich nicht alles rund um die Uhr um die Arbeit drehe. Doch dann gäbe es auch wieder Erholungsphasen. „Die letzten hundert Tage habe ich trotzdem rückwärts gezählt“, erzählt er. Der Verzicht auf viele Dinge zehre: „Ein Glas Nutella war ein Highlight.“
Wer Lindner von seinem ersten Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“ erzählen hört, könnte meinen, er sei furchtlos. Er schmunzelt: „Das Erstaunliche ist, dass ich erst Angst hatte, als der Einsatz eigentlich vorbei war.“ Er sei so von seiner Arbeit aufgesogen worden, dass er nie mehr als ein mulmiges Gefühl gehabt hätte. Doch als er in der gut gesicherten Zentrale der Organisation in der Hauptstadt Bangui dem Abflug nach Deutschland entgegenfiebert, hört er Maschinengewehrsalven ganz in der Nähe und hat Angst - obwohl er so etwas im Einsatz häufiger miterleben musste. „Das war total irrational“, erinnert er sich. Heute erklärt er sich die Reaktion dadurch, dass mit der Anspannung ein Schutzmechanismus, den er sich im Feld zugelegt hatte, von ihm abgefallen sei. Aber er betont: „Wir kommen an Belastungsgrenzen. Aber traumatisiert ist die Bevölkerung.“
„Ich muss akzeptieren, was ich nicht ändern kann“
Manchmal sei es zum Verzweifeln gewesen, wenn er bei einem Patienten nichts ausrichten konnte, dem er in Deutschland hätte helfen können: „Ich denke heute noch oft an einen kleinen Jungen, der mit einem Flüchtlingstreck in die Klinik kam.“ Das Kind litt an einem Trachom, einer bakteriellen Infektion der Augen. Im Frühstadium ist die Krankheit mit einer einzigen Tablette eines Antibiotikums behandelbar. Bei dem Jungen wäre jedoch bereits eine Operation im 500 Kilometer entfernten Bangui nötig gewesen. Doch aus logistischen Gründen klappt es nicht, ihn mit seinen Eltern auszufliegen die Familie zieht weiter. „Heute ist er sicherlich blind“, bedauert Lindner zutiefst.
Doch dann sind da auch die vielen Menschen, denen er helfen kann. Die Tabletten beispielsweise, mit denen man Malaria heilen kann, kosten einen Euro: „Verrückt. Aber genau das hat geholfen, auch die Fälle, in denen ich nichts machen konnte, zu verkraften.“ Ob er sich trotzdem nicht manchmal wie Don Quichotte gefühlt hat, der gegen Windmühlen ankämpft? Natürlich, sagt Andreas Lindner. „Doch irgendwann ist mir klar geworden, dass ich akzeptieren muss, was ich in diesem Moment nicht ändern kann.“ Weil er dafür täglich sah, wie viel er im Kleinen bewegen konnte.