01.11.2006 · Jeder hat schon Menschen gesehen, die auf der Straße um Geld bitten. Hinter den Pappschildern mit geschriebenen Hilferufen verbergen sich zahlreiche Schicksale. Das Leben als Bettler hat viele Gesichter.
Von Stefan ToepferKlaus Bingel bittet Passanten auf dem Liebfrauenberg um Geld - und hat stets seine Bewerbungsmappe dabei.
Er ist ein „Dreihundert-fünfundvierziger“. So heißen im Jargon die Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen, dessen Regelsatz 345 Euro beträgt. „Das Geld reicht gerade so, um das absolute Existenzminimum zu decken“, sagt Klaus Bingel. „Aber nicht, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, mal ins Kino oder Theater zu gehen. Ich war auch schon zu Konzerten in der Alten Oper. Ich bin eben ein schöngeistiger Mensch. Früher in Bonn, wo ich studiert habe, war ich oft im Theater.“ Klaus Bingel ist das wichtig, und deswegen bettelt er, wie er erzählt. „,Sitzungen machen' heißt das bei uns.“
Daß er das einmal machen würde, konnte sich Bingel nie vorstellen. Nun sitzt er jeden Nachmittag auf dem Liebfrauenberg. Heute, es ist kurz nach 15 Uhr, hat er schon zwölf Euro beisammen. Vormittags hat er einen sogenannten Ein-Euro-Job im Diakoniezentrum „Weser 5“, repariert unter anderem Stühle und Tische. Es gibt Monate, in denen er alles in allem, einschließlich des erbettelten Geldes, bis zu 1000 Euro zur Verfügung hat, wie er sagt. „Das ist für mich recht viel.“
Arbeitslos nach schwerem Unfall
Lieber aber hätte der Achtundfünfzigjährige eine richtige Arbeit. Deswegen hat er in seiner Tasche nicht nur sein blaues Sitzkissen und seine flache, weiße Schale zum Geldsammeln, sondern auch eine dicke Mappe mit Fotos seiner früheren Arbeit. Bingel ist von Beruf Diplom-Restaurator. Er, der in Heimen und Pflegefamilien aufwuchs, ist stolz auf seine berufliche Laufbahn. Ein schwerer Unfall hatte ihr vor sechs Jahren ein jähes Ende gesetzt: Er war in der Kathedrale von Sevilla von einem Gerüst gestürzt und hatte sich Kopfverletzungen zugezogen.
Er wurde nach Frankfurt geflogen und von 2000 bis 2004 in mehreren Kliniken behandelt. Bingel ist in der Stadt geblieben. Im vergangenen Jahr hat er noch eine Arbeit gehabt: Für fünf Euro je Stunde half er bei der Restaurierung eines Hauses in Höchst mit. Auch davon hat er Bilder in seiner Bewerbungsmappe, die er immer wieder aufschlägt. Seither ist er ohne feste Anstellung. „Ich gelte als schwer vermittelbar“, sagt er und schüttelt den Kopf. Bei Leuten, die ihm sagen, er solle doch arbeiten gehen, anstatt zu betteln, wird er fuchsig.
Eine Familie, die ihn hätte auffangen können, gab es nach seiner Scheidung nicht mehr. Bingel wurde wohnungslos. Auf der Straße aber schlief er nie. Bis vor kurzem lebte er im Howard-Philipps-Haus an der Eschenheimer Anlage, einem Heim der Diakonie für Wohnungslose. Nun hat er wieder ein richtiges Zuhause, eine von der Stadt finanzierte Zweizimmerwohnung an der Ostendstraße.
„Die meisten von uns sind Einzelkämpfer“
Einen Teil seines Geldes will Bingel für eine ansprechende Gestaltung seiner neuen Wohnung ausgeben, wie er erzählt. „Ölfarben und Pinsel habe ich mir schon gekauft, denn ich möchte ein Arbeitszimmer haben.“ Über sein Geld verfügt Bingel selbst. Er hat ein Konto bei der Deutschen Bank. „Ich habe zwar keine EC-, sondern nur eine Bankkarte, aber die reicht ja auch.“
Bingel gehört nicht zu den Bettlern, die auf Passanten zugehen. Still sitzt er an einem Verteilerkasten, geradezu meditativ. „Ich sitze gerne so, ich war einmal in Indien und habe gelernt zu meditieren.“ Er ist davon überzeugt, daß das eine „gewisse Ausstrahlung“ auf die Leute habe, so daß der ein oder andere ihm etwas gebe. „Die meisten von uns sind Einzelkämpfer.“ Manchmal schaut er bei anderen Bettlern vorbei; haben sie wenig, gibt er ihnen seine kleineren Cent-Münzen.
Betteln geht Bingel erst seit dem Frühjahr dieses Jahres. Jetzt, da die kalte Jahreszeit beginnt, will er erst einmal damit aufhören. Wenn es wieder wärmer wird, will er wieder auf dem Liebfrauenberg Sitzungen machen. „Es sei denn, ich habe bis dahin eine Stelle.“