29.12.2011 · In der Provinz Guizhou im Südwesten Chinas leben viele Einwohner unter der Armutsgrenze. Sie zieht es zum Arbeiten in die wohlhabenderen Provinzen des Landes.
Von Till Fähnders, YaoluDas Dorf Yaolu, in dem Lu Yirong lebt, liegt in einer Armutsregion im Süden der südwestchinesischen Provinz Guizhou. Die junge Frau kauert mit ihrem Cousin und ihrer Cousine im Halbkreis um ein qualmendes Feuerchen. Draußen drei Grad, im Haus mit den rauchgeschwärzten Wänden zieht es durch alle Ritzen. Die Cousine hält die Handschuhe ihres zehn Monate alten Kindes über das Feuer. Die Wärme tut gut, wenn die Handschuhe wieder über die Fingerchen gezogen werden. Die jungen Leute haben drei „Zongzi“ auf einem Blech in die Glut gelegt, in Blätter eingerollten Klebreis. Im Fernsehen läuft eine Seifenoper über die Zeit der Kaiserdynastien, in der vor allem Konkubinen und Edelmänner eine Rolle spielen. Zu tun gibt es nichts.
Im Sommer war das anders. Da arbeitete Lu Yirong sieben bis acht Stunden in Gluthitze auf dem Feld. „Anstrengend“, sagt die 20 Jahre alte Chinesin, die im Frühjahr ihren Abschluss auf dem Gymnasium gemacht hat. Die Familie baut Reis, Mais, Sojabohnen und Erdnüsse an. Sie besitzt weniger als zwei Mu Land - ein Mu ist ein Fünfzehntel eines Hektars. Im Jahr trägt die Familie von ihren Feldern etwa 500 Kilogramm Reis heim. „Genug zum Essen, aber zum Verkaufen bleibt nichts übrig“, sagt Lu Yirong. Deshalb sind ihre Eltern vor einigen Jahren aus dem Dorf fortgegangen. Sie arbeiten nun in der weit nordöstlich gelegenen Provinz Shandong auf einer Baustelle. Von dem Geld, das sie nach Hause schicken, kauft Lu Yirong zusätzliche Lebensmittel wie Speiseöl, Salz und das Saatgut für die Felder.
Die Einwohner Yaolus sind Angehörige des Yao-Volks, das zu den 55 nationalen Minderheiten Chinas gerechnet wird. Das jährliche Durchschnittseinkommen pro Kopf beträgt im Dorf 2000 Yuan (240 Euro). Die etwa 1500 Einwohner leben damit unter der nationalen Armutsgrenze für Bauern von 2300 Yuan im Monat (276 Euro). Die Schwelle war erst im November von nur 1274 Yuan (153 Euro) heraufgesetzt worden. Die Regierung wurde seit Jahren dafür kritisiert, dass sie die Schwelle extrem niedrig ansetzte. Die neue Grenze liegt nun merklich näher an dem Standard der Weltbank. Demnach gilt als absolut arm, wer bis 1,25 Dollar pro Tag hat, bereinigt um Unterschiede in der Kaufkraft. In China wären es umgerechnet etwa 2900 Yuan im Jahr. Mit der Anhebung der Schwelle trägt die Regierung der veränderten wirtschaftlichen Lage Rechnung. Nun leben offiziell 128 Millionen Menschen (von 1,34 Milliarden) unterhalb der Armutsschwelle, 100 Millionen mehr als nach dem alten Standard. Ihnen steht staatliche Hilfe zu.
Das Dorf Yaolu liegt 100 Kilometer von der Kreisstadt Libo entfernt. Drum herum erheben sich bewachsene Karstberge über dem Boden wie grüne Zuckerhüte. Am Rand schimmern die Dorfteiche, auf denen Enten schwimmen. An den Wegen stolzieren gackernde Hühner vorbei. Auf den Feldern sind die vertrockneten Reispflanzen aufeinandergestapelt. Die Pflanzen werden ans Vieh verfüttert. Lu Yirongs Familie besitzt drei Wasserbüffel, mit deren Hilfe sie die Felder pflügt, und vier Schweine, die zum chinesischen Neujahrsfest geschlachtet werden. Unter dem Haus strecken sie ihre Rüssel aus einem Verschlag heraus.
Die dreistöckigen Yao-Häuser sind alle gleich aufgebaut. Unten leben die Tiere, darüber die Menschen, und oben wird das Hab und Gut verstaut. Traditionell sind die Häuser aus Holz, aber immer mehr werden aus Stein gebaut. Das Haus von Lu Yirongs Eltern sei das erste im ganzen Dorf gewesen, sagt ihr Großvater, der neben einem zusammengerollten Kätzchen an einer Feuerstelle sitzt. Schon sein Urgroßvater habe das Haus vor etwa 200 Jahren gebaut. Die Vorfahren seien aus der Nachbarprovinz Guangxi gekommen und hätten sich hier angesiedelt. Die wirtschaftliche Lage habe sich in den vergangenen Jahren langsam verbessert. Am schlimmsten war die Zeit von Maos „Großem Sprung“. „Wir haben die Blätter und Wurzeln der Bäume gegessen“, sagt der Alte im Dialekt des Yao-Volkes.
Zur Grundschule sei sie oft mit leerem Magen gegangen, erinnert sich Lu Yirong. Da die Eltern im prosperierenden Osten auf den Baustellen schuften, kann sich die Familie nun aber ein paar Annehmlichkeiten leisten. Das meiste Geld ging allerdings bislang für die Ausbildung Lu Yirongs und ihres größeren Bruders weg. Lu Yirongs Gymnasialzeit kostete die Familie pro Schulhalbjahr etwa 1500 bis 1800 Yuan (180 bis 216 Euro). Doch wurde ein Teil von einer amerikanischen Stiftung übernommen, die Regierung zahlte überdies einige Schulbücher. Sie subventioniert auf dem Land außerdem seit einiger Zeit den Kauf elektrischer Haushaltsgeräte, weshalb sich viele im Dorf einen Reiskocher, eine Waschmaschine und sogar ein Fernsehgerät mit DVD-Spieler leisten können. Die Ärmsten können zudem auch mit Bargeld unterstützt werden. Die Regierung kümmert sich seit Jahren um die Bekämpfung der Armut. Ohne Chinas Beitrag zur Armutsverringerung hätte die Zahl der Armen zwischen den achtziger Jahren und 2005 in der Welt zu- statt abgenommen, wie Berechnungen der Weltbank zeigen. Die chinesische Regierung kann sich also auch einmal loben, dafür, dass sie mindestens 400 Millionen Menschen aus der Armut befreit habe. Fast die gesamte Landbevölkerung habe nun ein Auskommen und sei mit Nahrung und Kleidung versorgt, hieß es im November in einem Weißbuch der Regierung. Allerdings: Die Schere zwischen Geringverdienern und Gutverdienern ist in den vergangenen Jahren weiter aufgegangen.
Die Armutsgebiete im Westen des Landes profitieren davon, dass ihre Einwohner sich in den Wirtschaftszentren des Ostens verdingen. Im Dorf Yaolu zeugen ein neues Schulhaus und eine Polizeistation davon. Überall im Dorf wird gebaut. Im Zentrum schaufeln Frauen mit Mundschutz Kies in einen Zementmischer. „Die meisten gehen weg von hier, um zu arbeiten. Wenn sie wiederkommen, bauen sie sich von dem Geld ein Haus“, sagt Lu Yirong. In vielen Dörfern bleiben allerdings nur die Alten zurück. In Yaolu versucht man, die Bewohner mit finanziellen Anreizen zum Bleiben zu bewegen. Wenn ein Bauer eine Frau aus einem anderen Ort heiratet und das Paar nach Yaolu zieht, bekommen die Eheleute 3000 Yuan (360 Euro). Das zeugt auch von einem anderen Problem in China, dem Männerüberschuss: In dem Agrarland werden männliche Nachkommen traditionell bevorzugt.
Lu Yirong will sich mit dem Heiraten jedenfalls noch Zeit lassen. Sie ist hübsch, jung und der lebende Beweis für die Fortschritte im Erziehungssystem, die auch das chinesische Dorf erreicht haben: Dort gilt mittlerweile auch eine offizielle Schulpflicht von neun Jahren. „Dass ich auf die höhere Schule gehen konnte, ist das Wertvollste, was ich habe“, sagt sie. Weil sie Mode mag, würde sie am liebsten als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft arbeiten. Lu Yirong will auch bald in den Osten ziehen, um dort zu arbeiten und Geld zu verdienen. Doch diesen Winter bleibt sie noch in ihrem Heimatdorf.