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Arktis Frühling fühlt sich anders an

10.11.2004 ·  Wechselhafte Eisverhältnisse: Bei ihrem Symposium in Island diskutieren die Mitglieder des Arktischen Rates derzeit über das Tauwetter am Nordpol und die kritischen Ergebnisse des Klimaberichtes.

Von Horst Rademacher
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Als vor vier Jahren der russische Eisbrecher „Yamal“ mit Touristen an Bord den Nordpol erreichte, trauten die Gäste ihren Augen kaum. Die GPS-Navigation zeigte zwar unmißverständlich an, daß man sich bei 90 Grad nördlicher Breite, also genau am Pol, befand. Doch rings um das Schiff gab es nur offenes Wasser, kein Eis war zu sehen, nicht einmal eine Scholle.

Wo waren jene mächtigen Packeisrücken geblieben, auf denen Robert Peary und Matthew Henson sich vor 95 Jahren mühsam als erste Menschen zum Nordpol kämpften? Als sich dagegen im Sommer dieses Jahres zwei schwedische und ein russischer Forschungseisbrecher unweit des Nordpols für ein Bohrprojekt in den arktischen Meeresboden versammelten, mußten sie auf ihrem Weg schwere Eisrücken durchpflügen - so wie man es vom Nordpol erwartet.

Klimatische Veränderungen in der Arktis

Derartig wechselhafte Eisverhältnisse am nördlichsten Punkt der Erde sind ein Zeichen dafür, daß sich selbst in den höchsten Breiten der Arktis klimatische Veränderungen abspielen. Über das Ausmaß dieser Veränderungen wird seit Dienstag in Reykjavík auf Island diskutiert, wo sich die Mitglieder des Arktischen Rates zu einem Symposion treffen. Grundlage für diese Tagung ist ein neuer, umfassender Bericht über Klimaveränderungen im hohen Norden.

Dem Arktischen Rat gehören Vertreter der acht Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans, also Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Norwegen, Rußland, Schweden und die Vereinigten Staaten, sowie Repräsentanten von sechs in der Arktis ansässigen indigenen Volksgruppen an. Er wurde im Jahre 1996 gleichsam als nördliches Pendant zum Antarktisvertrag gegründet und ist das offizielle internationale Forum, in dem Regierungen sämtliche die Arktis betreffenden Fragen diskutieren. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Polen sind als permanente Beobachter beim Arktischen Rat akkreditiert.

Studie zeigt umfassendes Bild

Vor vier Jahren gab der Rat eine Studie über die klimatischen Veränderungen in der Arktis und deren Auswirkungen in Auftrag. Mehr als 300 Wissenschaftler trugen dazu alle Beobachtungen zusammen und zeichneten in ihrem nun vorgelegten Bericht (http://amap.no/acia) zum erstenmal in der Geschichte der Erforschung des arktischen Raumes ein umfassendes Bild der dortigen klimatischen Veränderungen und ihrer Folgen.

Im einzelnen enthält der Bericht nichts, was unter Experten verschiedener Fachrichtungen nicht schon seit Jahren bekannt ist. So stieg beispielsweise in großen Teilen der nordamerikanischen Arktis die mittlere Temperatur in den vergangenen vierzig Jahren um ein Grad pro Jahrzehnt. Eine Folge dieser Erwärmung ist, daß die früher hauptsächlich mit Tussock-Gras bewachsene Tundra Alaskas und des kanadischen Yukon immer dichter von Büschen besiedelt wird. Außerdem schreitet die Baumgrenze dort immer weiter nach Norden.

Veränderungen des Polarmeerwassers

Die Veränderungen sind aber nicht nur auf die polaren Landmassen beschränkt. So hat die sommerliche Eisbedeckung im Nordpolarmeer in den vergangenen drei Jahrzehnten erheblich abgenommen. Im Sommer des Jahres 1975 waren noch 65 Millionen Quadratkilometer des Nordpolarmeeres mit Eis bedeckt, im vergangenen September waren es dagegen nur noch 57 Millionen Quadratkilometer. Besonders ausgeprägt war der Rückgang in der Beaufort-, der Chukchi- und der Laptew-See.

Veränderungen hat es auch in der chemischen Zusammensetzung des Polarmeerwassers gegeben. Zum einen gelangt über die Flüsse Sibiriens und den Mackenzie in Kanada heute mehr Süßwasser in den Arktischen Ozean. Zum anderen hat sich die Lage jener Zone verschoben, in der sich Wasser aus dem Atlantik und dem Pazifik im Nordpolarmeer mischen. Weil sich die beiden großen Ozeane deutlich in ihrem Salzgehalt unterscheiden, läßt sich die Position der Mischzone zumindest in den eisfreien Gebieten im Sommer ozeanographisch nachweisen.

Grönländische Eispanzer als Indikator

Am deutlichsten sind die Folgen der arktischen Erwärmung aber in Grönland zu beobachten. Als Indikator dient dabei jener Teil des grönländischen Eispanzers, auf dessen Oberfläche es jeweils in den Sommermonaten zur Schneeschmelze kommt. Seit 1979 hat diese Fläche um 16 Prozent zugenommen. Inzwischen schmilzt das Eis auf einer Fläche von 685 000 Quadratkilometern, was etwa 30 Prozent der Gesamtfläche der weitgehend von Eis bedeckten größten Insel der Welt entspricht. Die Schmelzzone zieht sich hauptsächlich entlang der Küsten Grönlands, aber auch im Nordosten der Insel schmilzt die Oberfläche des Eises in bisher nicht beobachtetem Ausmaß.

Obwohl alle diese Fakten seit langem bekannt waren, erregte der arktische Klimabericht in den vergangenen Tagen erhebliches Aufsehen und wurde zum Teil von Horrorschlagzeilen begleitet. Das liegt wohl vor allem daran, daß zum erstenmal alle Beobachtungen zusammengefaßt vorliegen.

Erstmals geographisch umfassendes Bild

Grundsätzlich lassen sich in Zonen extremen Klimas Klimaänderungen leichter nachweisen als in gemäßigten Breiten. So macht sich beispielsweise eine Zunahme der durchschnittlichen Niederschlagsmenge in Wüstengebieten wesentlich deutlicher bemerkbar als in den ohnehin feuchten Küstenregionen Europas. Die Arktis reagiert besonders sensibel auf leichte Schwankungen der durchschnittlichen Temperatur, vor allem im Bereich des Frostpunktes, sowie auf Veränderungen in der Dicke der Schneebedeckung.

Der Bericht ist auch deshalb einmalig, weil in ihm zum erstenmal ein geographisch umfassendes Bild der Arktis gezeichnet wird. Mit dem Ende des Kalten Krieges hat der Arktische Ozean weitgehend an seiner militärstrategischen Bedeutung verloren. Die amerikanische Marine, die mit Atom-U-Booten seit Ende der fünfziger Jahre regelmäßig unter dem Polareis unterwegs war und dort ozeanographische und glaziologische Messungen machte, hat ihre Archive zumindest ein wenig geöffnet. Rußland sieht nicht mehr in jedem Forschungsschiff, das den Arktischen Ozean befährt, ein Spionageboot, mit dem die Seewege nach Murmansk, dem einzigen eisfreien Hafen im Norden Rußlands, und seine dort stationierte Flotte ausgekundschaftet werden sollen.

Folgen für die südlich gelegenen Gebiete

Die sibirische Tundra, das Lena-Delta, die Laptew- und die Karasee sind inzwischen auch für westliche Forscher offen. Deutsche Wissenschaftler arbeiten in diesen Gebieten intensiv mit ihren russischen Kollegen zusammen. Mit dieser Öffnung konnte nun zum erstenmal das größte zusammenhängende Landgebiet in der Arktis, die von Lappland bis zur Beringstraße reichende nördliche Region der Russischen Föderation, mit in die Untersuchungen einbezogen werden.

Der Bericht schließt damit, daß die allmählichen, klimabedingten Veränderungen in der Arktis nicht ohne Folgen für die südlich gelegenen Gebiete bleiben dürften. Eine geringere Eisbedeckung würde gewiß neue Schiffahrtsrouten eröffnen, beispielsweise von Asien durch das Eismeer nach Europa oder von der amerikanischen Wüstküste durch die Beringstraße und die Labradorsee an die Ostküste.

Ein weiteres Schmelzen des in den Gletschern Grönlands gespeicherten Süßwassers wird aber auch zum weiteren Anstieg des Meeresspiegels beitragen. Schließlich verändert die Verringerung der Eisbedeckung im Nordsommer zusehends die Rückstrahlung der Erde ins Weltall, die sogenannte Albedo. Am Ende könnte es so zur erhöhten Aufnahme von Sonnenenergie und damit zur weiteren Erwärmung des Klimas auch südlich des Nordpolargebietes kommen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2004, Nr. 263 / Seite 38
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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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