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Arbeitswelt Küssen verboten: Beziehungen am Arbeitsplatz oft ein heikles Thema

31.03.2005 ·  Für Unruhe hat Wal-Mart gesorgt. Der amerikanische Supermarkt-Konzern veröffentlichte weltweite Leitlinien, aus denen man ein Verbot von Beziehungen am Arbeitsplatz herauslesen kann. Dabei lernen sich viele Paare im Büro kennen.

Von Christian Siedenbiedel
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Für Unruhe hat Wal-Mart gesorgt. Der amerikanische Supermarkt-Konzern veröffentlichte weltweite Leitlinien auch in Deutschland, aus denen man ein Verbot von Beziehungen am Arbeitsplatz herauslesen kann - zumindest, wenn es sich um Beschäftigte unterschiedlicher Hierarchie-Ebenen handelt. „Sie dürfen nicht mit jemandem ausgehen oder in eine Liebesbeziehung treten, wenn Sie die Arbeitsbedingungen dieser Person beeinflussen können oder der Mitarbeiter Ihre Arbeitsbedingungen beeinflussen kann“, heißt es darin.

Der Betriebsrat erwägt angeblich eine Klage. Schließlich soll es bei Wal-Mart in Wiesbaden sogar einen Store-Manager geben, der mit einer Angestellten verheiratet ist. In der Pressestelle hieß es dazu gestern auf Anfrage, es gehe nicht darum, das Privatleben der Mitarbeiter zu regeln oder gar deutsches Recht außer Kraft zu setzen. Aber: „Jedes große Unternehmen hat Richtlinien zum Umgang mit firmeninternen Liebesbeziehungen. Ziel von Wal-Mart ist es, die Mitarbeiter zu schützen.“

Viele Paare lernen sich im Büro kennen

Beziehungen am Arbeitsplatz sind in vielen Unternehmen ein heikles Thema - obwohl gerade in Städten wie Frankfurt, in denen lange und viel gearbeitet wird, sich Paare oft im Büro kennenlernen. Studien gehen etwa von einem Drittel aus. Nach einer Emnid-Befragung ist der Arbeitsplatz damit die zweitwichtigste Partnerbörse - geschlagen nur vom Kneipentresen. In dem Buch „Rendezvous am Arbeitsplatz“ der Kommunikationstrainerin Meike Müller heißt es, Paare bildeten sich verstärkt in solchen Berufen, in denen es eine gewisse Flexibilität gebe: bei Schauspielern, Journalisten oder in Agenturen.

Im Internet findet sich aber auch der Bericht von zwei Mitarbeitern der Deutschen Bank in Frankfurt, die sich im Großraumbüro kennengelernt haben und nach der „ersten verstohlenen Umarmung im Aufzug“, einem „Kuß hinter verschlossener Bürotür“ und „Candlelight-Dinner nach Feierabend“ nun die Beziehung beim Häuslebauen erproben.

Rund 80 Prozent der Firmen sind Emnid zufolge bei Beziehungen am Arbeitsplatz tolerant. Auf Anfrage hieß es bei den meisten großen Unternehmen in Frankfurt, formal gebe es kein Verbot von Beziehungen am Arbeitsplatz. Deutlich heikler ist es offenbar, wenn die Paare sehr eng zusammenarbeiten müssen. Bei der Frankfurter Sparkasse hieß es, solche Fälle müßten „mit Fingerspitzengefühl“ aller Seiten behandelt werden. Es gebe aber sogar Mitarbeiter, deren Eltern sich schon bei der Sparkasse kennengelernt hätten. Ähnlich ist es offenbar bei der Bahn. Eine Betriebsvereinbarung „partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz“ erlaubt Beziehungen, solange dabei die Arbeit im Team nicht darunter leidet.

Schwierig: Arbeit und Freizeit ausreichend trennen

Für die Betroffenen selbst ist die Situation offenbar oft schwierig. In Umfragen äußern deshalb die meisten Menschen den Wunsch, Job und Romantik lieber trennen zu wollen. Wenn es aber passiert, so läßt die Statistik vermuten, arrangieren sich die meisten doch damit. Schließlich haben Arbeitskollegen oft ähnliche Interessen, verbringen viel Zeit miteinander und haben auch die Möglichkeit, den anderen erst einmal genau zu beobachten und abzuklopfen, ob man sich eine Beziehung vorstellen könnte. Auf der anderen Seite berichten Büro-Pärchen häufig von der Schwierigkeit, Arbeit und Freizeit ausreichend zu trennen, nicht nach Feierabend und am Wochenende ständig über den Job zu sprechen und nicht irgendwann sich wegen zu viel Nähe wieder zu trennen - mit entsprechenden Konflikten dann auch bei der Arbeit.

Unternehmen amerikanischer Herkunft scheinen aus juristischen Gründen oftmals besonders vorsichtig bei den Regelungen zu sein, vor allem, wenn hierarchische Unterschiede Klagen wegen sexueller Belästigung denkbar erscheinen lassen. Auch Schweizer Firmen wird eine gewisse Strenge auf dem Gebiet nachgesagt. Bei Nestle in Frankfurt hieß es allerdings, man respektiere die Privatsphäre der Angestellten - lediglich Nestle Amerika betreibe eine Unternehmenspolitik, die stark abrate von romantischen Beziehungen zwischen Angestellten und Vorgesetzten.

Heikel scheint es zu sein, wenn durch eine Beziehung Kontrollfunktionen im Unternehmen außer Kraft gesetzt werden könnten - etwa bei Geschäftsleitern von Banken, bei denen das Vier-Augen-Prinzip gilt. Auch bei der Post hieß es, Führungskräfte innerhalb einer Abteilung sollten keine Beziehungen eingehen. Arbeitsrechtler verweisen zudem darauf, daß Beziehungen in Unternehmen mit schutzbefohlenen Minderjährigen, etwa Lehrlingen, juristisch bedenklich seien. Bei Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen scheint eine Schwierigkeit zu sein, daß sich andere Mitarbeiter benachteiligt fühlen - selbst wenn das Paar alles tut, das zu vermeiden. „Wir versuchen, solche Interessenskollisionen zu verhindern“, hieß es etwa bei der Firma Novartis.

Manager stolpern bisweilen über Beziehungen

Immer mal wieder stolpern Manager über Beziehungen innerhalb des Unternehmens. Boeing-Chef Harry Stonecipher etwa kostete eine Affäre mit einer Managerin seines Konzerns unlängst den Job. Den klassischen Fall, daß Chefs ihre Sekretärin heiraten, soll es nach wie vor oft geben. Prominente Beispiele sind Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp, Bertelsmann-Legende Reinhard Mohn, Fußball-Manager Franz Beckenbauer oder der frühere RTL-Chef Helmut Thoma.

Die Möglichkeiten eines Unternehmens, gegen Beziehungen am Arbeitsplatz vorzugehen, sind arbeitsrechtlich begrenzt. Glaubensgemeinschaften werden relativ weitgehende Rechte zugestanden. Ansonsten liegen kleinere Änderungen wie die Versetzung in ein anderes Büro im „billigen Ermessen“ des Arbeitgebers. Allerdings darf offenbar einem der Partner nicht grundlos eine schlechtere Tätigkeit zugewiesen werden.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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