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Veröffentlicht: 22.05.2016, 09:59 Uhr

App für Analphabeten „Lernen ohne Schamgefühl“

Für erwachsene Analphabeten ist das Leben ein alltägliches Versteckspiel. Imgard Schwiderski und Stefanie Trzecinski wollen mit ihrer App betroffenen Menschen helfen.

von Julian Dorn
© dpa Problem Analphabetismus: Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben.

Frau Trzecinski und Frau Schwiderski, knapp fünf Millionen erwachsene Deutsche können nur kurze Sätze lesen und schreiben, weitere zwei Millionen nur einzelne Wörter, und etwa 300.000 Menschen sind selbst damit überfordert. Sie alle gelten zumindest als funktionale Analphabeten. Wie kann das sein?

Trzecinski: Da gibt es viele Gründe. Lange Fehlzeiten in der Schule durch Krankheit spielen eine Rolle. Irgendwann können die Schüler ihre Wissenslücken nicht mehr schließen, bleiben dann auf der Strecke – und resignieren. Einige mogeln sich dann nur noch so durch oder werden in die Sonderschule versetzt wegen vermeintlicher Lernbehinderung.

Spielt das soziale Umfeld eine Rolle?

Schwiderski: Oft kommen die Analphabeten aus bildungsfernen Familien. Haben die Eltern keinen Schulabschluss und spielen im Haushalt Lesen und Schreiben kaum eine Rolle, besteht das Risiko, dass die Kinder es nur begrenzt lernen. Besonders schwer haben es Kinder, wenn sie noch dazu Legastheniker sind: Meist bleibt ihnen dann eine gezielte Förderung verwehrt. Rund die Hälfte von ihnen wird später zu funktionalen Analphabeten.

40227646 © Privat Vergrößern Die pensionierte Grundschulpädagogin Imgard Schwiderski will mit der App „Imgard“ Analphabeten die Schriftsprache nahebringen.

Mehr als die Hälfte der Analphabeten geht trotzdem einem Job nach.

Schwiderski: Sie arbeiten meist in Berufen, in denen Lesen und Schreiben von geringerer Bedeutung sind – etwa als Hilfsarbeiter oder auch in Handwerksberufen.

Es ist ein permanentes Versteckspiel.

Schwiderski: Ja. Die Betroffenen schämen sich, weil sie etwas Alltägliches nicht beherrschen. Oft erfinden sie Ausreden: „Ich habe meine Brille vergessen“, oder „Ich habe mir meine Hand verknackst.“ Es ist ein Dilemma: Analphabeten sind auf Hilfe angewiesen, trauen sich aber aus Scham und Angst vor Stigmatisierung meist nicht, Hilfsangebote anzunehmen.

Frau Schwiderski, Sie haben 43 Jahre lang als Grundschullehrerin gearbeitet, 30 Jahre als Rektorin. Wie kamen Sie auf die Idee, im Ruhestand die Android-App „Irmgard“ für erwachsene Analphabeten zu entwickeln?

Schwiderski: Ich habe nach meiner Pensionierung Kindern befreundeter Familien Nachhilfestunden im Lesen und Schreiben gegeben. Außerdem arbeite ich schon lange in einem Hamburger Lern-Café mit meist erwachsenen Analphabeten. Meine Nichte Stefanie hatte dann 2012 die Idee, meine Erfahrungen für diese App zu nutzen. Ich sollte mich um die Inhalte, sie sich um die Programmierung kümmern.

40227650 © Privat Vergrößern Berliner Sonderschuldpädagogin Stefanie Trzecinski: Die App kann flexibel genutzt werden. So kann sich der Lernende täglich mit Lesen und Schreiben beschäftigen.

Frau Trzecinski, haben Sie damit Erfahrung?

Trzecinski: Ich war einige Jahre IT-Managerin und habe 2010 die gemeinnützige Gesellschaft „Kopf, Hand und Fuß“ gegründet. Wir entwerfen Softwareanwendungen und Apps für Menschen mit Behinderung oder sonstigen Benachteiligungen. Irgendwann kam ich auf die Idee, eine App gegen Analphabetismus zu entwickeln.

Was unterscheidet Ihre App von Alphabetisierungskursen einer Volkshochschule?

Schwiderski: Die App soll die Kurse nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Gerade bei älteren Analphabeten ist die ständige Wiederholung des Lernstoffs wichtig. Ich habe bei meiner Arbeit im Lern-Café die Erfahrung gemacht, dass die Lernenden ein- oder zweimal die Woche in den Kurs kommen und üben. Den Rest der Woche trainieren sie meist nicht. Das reicht nicht. Sie vergessen das Erlernte.

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