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ANZAC Day Auf Pilgerfahrt nach Gallipoli

 ·  „Wichtiger als Weihnachten“, ist für junge Australier und Neuseeländer der 25. April, ANZAC Day, an dem vor neunzig Jahren ihre Urgroßväter auf der türkischen Halbinsel Gallipoli kämpften. Noch heute pilgern jährlich Tausende zu den Gedenkfeiern für die Helden des Ersten Weltkrieges.

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Es ist zwei Uhr, und über dem North Beach leuchtet der Vollmond. Von Jodie ist nur noch ihre rote Fleecemütze zu sehen. Die 24 Jahre alte Australierin hat sich tief in ihren Schlafsack gekuschelt. In den Ginsterbüschen auf den Felshängen über der Bucht pfeift der Wind eine rauhe Melodie. Die Nacht ist sternenklar. Jodie rückt dicht neben ihren Bruder Damian, der über seinen Daunenanorak die australische Flagge ausgebreitet hat. Die Geschwister aus Tasmanien liegen in dieser Nacht zwischen etwa 14.000 anderen jungen Australiern und Neuseeländern, die sich hier an einem Strandabschnitt der westtürkischen Halbinsel Gallipoli versammelt haben.

Ein paar Taschenlampen und Kerzen erleuchten zwischen den endlosen Schlafsackreihen müde Gesichter, man erzählt sich Geschichten, von Großleinwänden singen die Bee Gees. Trotz der Menschenmasse ist es auffallend still. Den Kopf auf die Füße des Hintermanns gelegt, reibt sich Damian die Hände und vergräbt sie gleich wieder in seine Taschen, "Hey mate, ist das kalt. Stell dir vor, wie erst die Jungs damals gefroren haben müssen!"

Das Meer färbte sich rot vom Blut

25. April 1915. Eng aneinandergerückt sitzen die 1500 australischen und neuseeländischen Soldaten in den Landungsbooten. Viele von ihnen sind noch nicht einmal 20 Jahre alt. Der Strandabschnitt vor ihnen wird das erste europäische Stück Land sein, das sie je gesehen haben. Doch viele von ihnen werden es nicht einmal betreten, denn als die ersten im Morgengrauen über Bord springen und unter der Last ihrer schweren Ausrüstung auf den dunklen Strand zulaufen, fallen die ersten Schüsse. Am Ende des Tages ist das Meer rot gefärbt vom Blut der Männer.

ANZAC Day: Auf Pilgerfahrt nach Gallipoli

"Es war zwei Uhr nachts, der Mond leuchtete über dem Meer. Von meinem Schützengraben aus konnte ich fast die ganze Bucht überblicken. Durch mein Fernglas sah ich plötzlich eine große Anzahl von Booten, die ganz ruhig im Wasser lagen. Langsam bewegten sie sich auf den Strand zu. Ich stürmte los und alarmierte meinen Vorgesetzten." Mit diesen Worten beschrieb später ein junger türkischer Soldat den Beginn der Offensive des Australian and New Zealand Army Corps (ANZAC) auf die Halbinsel Gallipoli im Ersten Weltkrieg. Das Ziel der ANZAC-Truppen unter britischer Führung war ein strategischer Traum: Es galt, den mit den Deutschen verbündeten Türken die Kontrolle über die Dardanellen und damit den Zugang vom Mittelmeer zum Schwarzen Meer zu entreißen. Hätten die Alliierten diesen Seeweg kontrolliert, wäre das für den Kriegsverlauf entscheidend gewesen. Doch die Schlacht um Gallipoli sollte einer der größten militärischen Fehlschläge der Geschichte werden.

„Kostenloser Trip nach Europa“

Mit Plakaten, auf denen für den "Kostenlosen Trip nach Europa" geworben wurde, rekrutierte man die Freiwilligen. Fast eine halbe Million alliierter Soldaten kämpfte auf der Halbinsel. In dem neun Monate andauernden Stellungskrieg starben auf Gallipoli 44.092 Alliierte, unter ihnen 8709 Australier und 2721 Neuseeländer; etwa 25.000 Verwundete aus diesen beiden Commonwealth-Ländern waren zu beklagen.

Der 25. April wird seitdem in beiden Ländern als ANZAC Day gefeiert. Ein Feiertag, an dem aller australischen und neuseeländischen Soldaten, die je für ihr Land in den Krieg zogen, gedacht wird - vergleichbar dem amerikanischen D-Day, der an die Landung der Amerikaner in der Normandie erinnert. Für viele Australier und Neuseeländer ist ANZAC Day wichtiger als der Nationalfeiertag. "Eigentlich ist er sogar wichtiger als Weihnachten", sagt Hamish, 22 Jahre alt und aus Neuseeland, der seiner Freundin Nicola im Schlafsack nebenan gerade die neuseeländische Flagge als abwaschbare Tätowierung auf die rechte Wange klebt. "Unsere Welt würde heute nicht so aussehen, wenn es diese Männer damals nicht gegeben hätte."

„Schließlich sind sie für uns alle gestorben“

Zu den Kriegsgräbern auf den Hügelketten und den Stränden von Gallipoli, an denen man im Sand noch heute kleine Metallstücke von Geschützen und Kugeln finden kann, pilgern jährlich Hunderttausende Australier und Neuseeländer. Zum neunzigsten Jahrestag der blutigen Schlacht sind in diesem Jahr etwa 25.000 gekommen. Die meisten von ihnen sind junge Leute, die für ein paar Jahre in Großbritannien leben, und von dort einen zwei- oder dreitägigen Kurztrip nach Gallipoli gebucht haben.

"Einmal ANZAC Day in Gallipoli zu feiern - das war schon immer mein Wunsch", erzählt Matt aus Queensland im Nordosten Australiens. "Schließlich sind sie für uns alle gestorben - und die meisten waren so alt wie ich jetzt." Der Dreiundzwanzigjährige arbeitet seit einem Jahr in London und trägt wie viele hier am North Beach ein T-Shirt von Fez-Travel, einem türkischen Reiseveranstalter, der sich auf Gallipoli-Touren für australische Rucksackreisende spezialisiert hat. Mehr als 1000 junge "Aussies" und "Kiwis" hat das Unternehmen am Tag zuvor in Istanbul auf etwa 30 Busse verteilt und von dort in das fünf Stunden entfernte Gallipoli kutschiert.

Kappen und Flaggen griffbereit

Anführer der 45 Pilger aus Bus Nummer 75 ist Scott Jones: 35 Jahre alt, braungebrannt, gebürtiger Australier und seit zwei Jahren Fremdenführer bei Fez-Travel. "Dies hier ist ein ganz besonderer Ort: Es ist, als ob man seinen Fuß in die Vergangenheit setzt." Seit zehn Uhr abends harrt er mit seiner Gruppe schon am Fuße der für Veteranen reservierten Tribünen am North Beach aus. Dick eingemummt, die australischen Kappen und neuseeländischen Fähnchen griffbereit, dazwischen ein aufblasbares Känguruh mit dem typischen Buschhut, warten sie hier auf die Eröffnungsveranstaltung, den Dawn Service.

Um drei Uhr werden alle noch Schlafenden gebeten, sich wenigstens aufrecht hinzusetzen, damit noch mehr Leute auf das Areal gelangen können, denn immer noch warten Hunderte an den Eingängen, an denen alle Taschen auf Alkohol kontrolliert werden. Um vier Uhr wird über Lautsprecher verkündet, daß doch nun bitte alle aufstehen und nach vorne aufrücken sollen. Manche scheinen im Stehen weiterzuschlafen: Umfallen ist unmöglich.

Dawn Service: Live-Übertragung nach Australien

Der Gottesdienst im Morgengrauen beginnt pünktlich um halb sechs - schließlich wird die Zeremonie vom australischen und neuseeländischen Fernsehen live übertragen. Millionen verfolgen die Feier, die mit einer einzelnen Fanfare eröffnet wird. Die Menschenmasse hinter den bestuhlten Reihen mit Militärprominenz ist nur zu erahnen. Geisterhaft wird mit einer Laser- und Nebelshow die Landung der ersten ANZAC-Soldaten symbolisiert: Die Scheinwerfer verwandeln das schwarze Meer in ein schimmerndes Türkis und illuminieren den Strandstreifen.

Nacheinander treten der australische Premierminister John Howard und die neuseeländische Premierministerin Helen Clark ans Rednerpult, um an die Schlacht vor neunzig Jahren zu erinnern - und an die vielen unbestatteten Toten, die noch immer in dieser Erde ruhen. Kränze aus bunten Plastikblumen und mit der Aufschrift "We will never forget" werden niedergelegt. Das Requiem ist eine Komposition für Streichquartett plus Didgeridoo und Dudelsack. Prinz Charles liest aus der Bibel, Psalm 121: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?" Die Hügelketten im Hintergrund sind von Scheinwerfern erleuchtet. Von hier aus hatten die in Schützengräben verschanzten türkischen Scharfschützen freie Sicht auf die heranstürmenden ANZAC-Truppen.

Rote Rosen für den Urgroßvater

Als der Brief eines gefallenen Soldaten an seine Familie verlesen wird, weinen viele. "Es ist einfach unglaublich, wie mutig die ersten ANZACs waren", meint Nancy aus Sydney und wischt sich die Tränen mit ihrem Ärmel weg. In der Hand hält sie eine kleine Pappschachtel mit Sichtfenster und Trauerflor. Die rote Rose darin will die 20 Jahre alte Studentin später ans Grab ihres Urgroßvaters legen.

Neben ihr sitzt auf einem zusammenfaltbaren Camping-Schemel John, weit über 80 Jahre alt, das Barett etwas verrutscht auf dem kahlen Kopf. Sein abgetragenes Jacket ist mit einem Dutzend bunter Orden bestückt, die leise klimpern, wenn er seine Hand darauf legt. Auch der Veteran aus Perth hat glasige Augen. Seine Orden habe er aus dem Zweiten Weltkrieg. Die anderen Auszeichnungen seien noch von seinem Vater aus dem Ersten Weltkrieg, auch für ihn stehe er heute hier.

Dampfender, goldener Schimmer

Nach einer Gedenkminute werden die Nationalhymnen gespielt und dabei die Flaggen der Türkei, Neuseelands und Australiens gehißt. Alle singen, die müden Gesichter strahlen. Der Patriotismus wirkt eher beschwingt als aufdringlich. Klatschend begrüßen die Jugendlichen die Sonne am Horizont, die einen dampfenden goldenen Schimmer über die Menge legt.

Bepackt mit Schlafsäcken und Isomatten, schleppen sich nach dem Dawn Service die Backpacker auf schmalen Wanderpfaden etwa eineinhalb Kilometer hinauf zu den beiden Friedhöfen Lone Pine und Chunuk Bair. Dort finden, nach Nationen getrennt, nochmals Gedenkgottesdienste für die australischen und neuseeländischen Gefallenen statt.

Für die Türken ist Gallipoli ein Mythos

Von den Gräberfeldern und Marmordenkmälern dort oben auf den dicht bewachsenen Bergkuppen gleitet der Blick über die aneinandergrenzenden Strandabschnitte ANZAC Cove, Brighton Beach und Caba Tepe. An letzterem hätten die Alliierten Truppen im Morgengrauen des 25. April 1915 planmäßig landen sollen. Noch immer ist nicht ganz klar, ob ein starker Wind Schuld daran war, daß die Boote etwa einen Kilometer nördlich des eigentlichen Ziels anlegten. Oder ob es eine bewußte Entscheidung des leitenden Generals Birdwood war, wie er später selbst dem australischen Verteidigungsminister meldete. Sicher ist, daß die ANZACs dadurch zwar an einem weniger gut bewachten, dafür aber unzugänglichen Abschnitt landeten. Die bröckelnden Felsvorsprünge, an denen kaum Halt zu finden ist, grenzen hier direkt an den Kiesstrand. Deckung ist so gut wie nicht vorhanden.

Für die Türken wurde die siegreiche Schlacht um Gallipoli zu einem Mythos und zum Beginn einer neuen politischen Ära. Mustafa Kemal, später bekannt als Atatürk, war verantwortlich für die Sicherung der wichtigsten Bergkuppe, Chunuk Bair, wo sich seine Truppen den Angreifern aus Übersee monatelang in einem zermürbenden Stellungskrieg gegenüberlagen. Zwischen den Linien häuften sich die Toten. Erst wenn der Verwesungsgeruch unerträglich wurde, gab es einen kurzen Waffenstillstand, und man begrub sie auf beiden Seiten. Dem 57. Regiment gab Atatürk eine legendäre Anweisung, die dort heute in Marmor gemeißelt zu lesen ist: "Ich befehle euch nicht anzugreifen. Ich befehle euch zu sterben." Bis am 10. Januar 1916 der letzte Australier in Sicherheit gebracht wurde, starben auf türkischer Seite 86692 Soldaten, aus dem 57. Regiment überlebte kein einziger den Kampf. Die Inschrift der Atatürk-Statue neben dem New Zealand Memorial bei Chunuk Bair erzählt, wie das spätere Staatsoberhaupt der Türkei einen Angriff nur überlebte, weil die Kugel in der Taschenuhr steckenblieb, die er in der linken Brusttasche trug.

„Die sind noch patriotischer als wir“

"In den letzten Jahren ist Gallipoli auch für die Türken immer wichtiger geworden", sagt Reiseleiter Scott, als eine Gruppe türkischer Pfandfinder im Grundschulalter mit wehenden Halbmondflaggen vorbeizieht. "Die sind mittlerweile noch viel patriotischer als wir."

Am frühen Nachmittag schleicht eine kilometerlange Schlange von Reisebussen über die Hügel von Gallipoli und sammelt die ANZAC-Touristen ein. Scott trommelt seine verschwitzte Truppe vor Bus Nummer 75 zusammen und verteilt Wasser. Ein paar der Mädchen scheinen vor Erschöpfung fast zusammenzuklappen, die meisten sind seit 48 Stunden auf den Beinen. Nicola rubbelt sich die Tattoo-Flagge von der Backe. Als Andenken an den ANZAC Day auf Gallipoli bleibt ihr ein kleiner weißer Fleck im dem vom Sonnenbrand rot glühenden Gesicht.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 9
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